Reaktionen auf Habermas' Verzicht auf Sheikh Zayed Book Award »Wir können die demokratischen Werte besser vertreten, wenn wir Präsenz zeigen«

Den mit 225.000 Euro dotierten Buchpreis aus Abu Dhabi anzunehmen, sei eine »falsche Entscheidung« gewesen, so Jürgen Habermas. Die Initiatoren bedauern die Absage, der Chef der Frankfurter Buchmesse sieht eine verpasste Chance.
Philosoph Habermas: Entscheidung wird »respektiert«

Philosoph Habermas: Entscheidung wird »respektiert«

Foto: stock&people / GlobalImagens / imago images

Die Initiatoren eines hoch dotierten Buchpreises aus Abu Dhabi haben die Entscheidung des deutschen Philosophen Jürgen Habermas bedauert, den Preis nicht anzunehmen. Habermas' Entscheidung werde aber respektiert, erklärten die Initiatoren des Sheikh Zayed Book Awards  am Montag in Abu Dhabi. Der Preis verkörpere »die Werte der Toleranz, des Wissens und der Kreativität«, baue »Brücken zwischen den Kulturen« und werde diese Aufgabe auch weiterhin erfüllen.

Der 91-jährige Habermas hatte seine Entscheidung, die mit umgerechnet rund 225.000 Euro dotierte Auszeichnung als »Kulturelle Persönlichkeit des Jahres 2021« entgegenzunehmen, am Sonntag rückgängig gemacht. In einer Erklärung schrieb Habermas, er sei sich nicht über die Verbindungen der Initiatoren zur Regierung in Abu Dhabi bewusst gewesen.

Zunächst hatte Habermas dem SPIEGEL mitgeteilt, er habe sich im Vorfeld der Annahme des Preises »über die Institution und die Preisträger informiert«, unter anderem bei Jürgen Boos, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse. Boos ist auch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Preises . »Ich wurde kurz nach der Gründung in den Beirat berufen, um eine internationale verlegerische Perspektive einzubringen«, sagte Boos am Montag auf eine SPIEGEL-Anfrage.

»Ein Land in Bewegung, mit weitem Weg vor sich«

Er habe »in dieser Zeit sehr viel über die arabische Kultur und Gesellschaft gelernt und den intensiven Austausch mit den anderen Mitgliedern des Beirats als fruchtbar und offen empfunden«, so Boos. Diese Annäherung und das wachsende gegenseitige Verständnis seien der Grund, warum er seine Teilnahme am Beirat zugesagt habe. Darüber, welche »Bedenken, die auf der Hand liegen« (Habermas) er zunächst »zerstreut« habe, wollte sich Jürgen Boos unter Verweis auf die Vertraulichkeit der Gespräche nicht äußern.

Nach Veröffentlichung eines SPIEGEL-Artikels zum Thema hatte Jürgen Habermas am Sonntag über den Suhrkamp Verlag mitteilen lassen, die Annahme des Preises sei eine »falsche Entscheidung« gewesen, die er »hiermit korrigiere«. Der Philosoph fügte hinzu, er habe sich »die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden politischen System« nicht hinreichend klargemacht.

Buchmessen-Direktor Boos sieht Abu Dhabi als »ein Land in Bewegung, das noch einen weiten Weg vor sich« habe. Natürlich diskutiere man die politische Lage: »Aber wir können die demokratischen Werte besser vertreten, wenn wir Präsenz zeigen, als wenn wir die Distanz größer werden lassen.«

Zwischen 2007 und 2012 gab es ein gemeinsames Joint Venture zwischen Frankfurter Buchmesse und der Kulturbehörde des Emirats, zu dessen Aufgaben auch die Organisation der Abu Dhabi International Book Fair gehörte. Auch nach Auflösung des Gemeinschaftsunternehmens betonte Boos die »guten Kontakte«. Verlage aus der arabischen Welt seien wichtige Lizenzpartner für deutsche Verlage, so Boos zum SPIEGEL, »und wir freuen uns über das anhaltende Interesse an deutschen Titeln und Autor*innen.«

Zahlreiche Werke ins Arabische übersetzt

2021 ist Deutschland das Gastland der internationalen Buchmesse; eine Ehre, die in den vergangenen Jahren Russland, Indien, Polen, China und Italien zuteil geworden war. Wegen der Coronakrise wurde der Gastlandauftritt allerdings auf zwei Jahre ausgeweitet: 2021 gibt es einen kleinen Stand vor Ort und ein hybrides Programm, im nächsten Jahr soll sich Deutschland dann mit großer Standpräsenz und umfangreichem Programm präsentieren. Dass zum Start des Gastlandauftritts ein deutscher Denker mit dem Preis, der auf der Messe verliehen wird, hätte geehrt werden sollen, ist aber laut Boos »Zufall«.

Der Sheikh Zayed Book Award, benannt nach dem Gründervater der Vereinten Arabischen Emirate, Scheich Sajed bin Sultan al-Nahjan, zeichnet alljährlich bedeutende Persönlichkeiten mit Goldmedaillen und Geldpreisen im Gesamtwert von umgerechnet rund 1,5 Millionen Euro aus. Jürgen Habermas war am Freitag zur »Kulturellen Persönlichkeit des Jahres« erklärt worden, »in Anerkennung einer langen Karriere, die sich über mehr als ein halbes Jahrhundert« erstrecke.

»Zwar akzeptiere ich natürlich Herrn Habermas' Entscheidung«, schreibt Jürgen Boos, aber es ist dennoch ein Bedauern herauszuhören. Die Verleihung dieses Preises an ihn »wäre ein Anlass gewesen, sein bedeutendes Werk und seine Positionen im arabischen Kulturraum noch bekannter zu machen und damit die Auseinandersetzung der arabischen Gesellschaft mit seinem Werk zu fördern.« Es seien bereits zahlreiche seiner Werke ins Arabische übersetzt worden, Studierende und Forschende bezögen sich auf seine Philosophie und setzen sich mit seinen Arbeiten auseinander.

feb/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.