Zum Tod der Schauspielerin Jutta Lampe Königin auf der Erbse

Sie spielte selbst Kämpferinnen mit märchenhafter Vornehmheit: Jutta Lampe hatte in der Berliner Schaubühne und im Autorenkino der Achtziger ihre große Zeit. Schon zu Lebzeiten war sie legendär.
Ein Nachruf von Wolfgang Höbel
Jutta Lampe im Film »Schwestern oder Die Balance des Glücks« 1979

Jutta Lampe im Film »Schwestern oder Die Balance des Glücks« 1979

Foto: ddp images

Ihr sanftes, trauriges Gesicht war oft von Schmerz und nur selten von schüchterner Freude gezeichnet. Dieses Gesicht steht für vieles, was großartig und gruselig war an der Empfindsamkeitskunst der Westdeutschen vor dem Mauerfall. Die Schauspielerin Jutta Lampe war eine Starschauspielerin der Berliner Schaubühne; die Solveig in Peter Steins berühmter »Peer Gynt«-Inszenierung von 1971.

Und sie war ein prägendes Gesicht im bundesrepublikanischen Autorenkino durch Rollen in den Filmen von Margarethe von Trotta, darunter »Die bleierne Zeit« von 1981. »Ich habe von dir geträumt«, sagt die Journalistin und Terroristenschwester Juliane, die Jutta Lampe da mit zum Pferdeschwanz gebündelten roten Haaren verkörpert, bei einem Knastbesuch zu ihrer inhaftierten Schwester (Barbara Sukowa). »Ich habe geträumt, dass ich dich befreie.«

Jutta Lampe in Peter Steins »Kirschgarten«-Inszenierung, Schaubühne am Lehniner Platz, 1989

Jutta Lampe in Peter Steins »Kirschgarten«-Inszenierung, Schaubühne am Lehniner Platz, 1989

Foto: Ludwig Binder / ullstein bild - Binder

Das Träumerische und das Kämpferische hat die Schauspielerin Jutta Lampe, die jetzt in Berlin kurz vor ihrem 83. Geburtstag gestorben ist, in vielen ihrer Rollen auf hinreißende Art kombiniert. Sie wurde in Flensburg geboren, wuchs in Kiel auf, tanzte als Kind Ballett und lernte in Hamburg bei dem Schauspiellehrer Eduard Marks ihren Beruf.

Dann traf sie im Alter von 29 Jahren im Bremer Theater auf den Regisseur Peter Stein. Es sei eine »Lebensbegegnung« gewesen, hat sie über die Arbeit mit Stein an Schillers »Kabale und Liebe«-Inszenierung gesagt. In ihren Theaterrollen zuvor habe sie sich oft »auf der Bühne hin- und hergeschubst« gefühlt, berichtete Lampe in einem Interview. »Mit Stein hingegen saßen wir da und sprachen ganz lange über jeden Satz und was er bedeutet, was damit gesagt werden soll. Irgendwann gingen wir auf die Bühne, und Stein sagte, ruhig, sei einfach so, wie du bist, und versuch, diesen Text vom Sinn her zu verstehen.«

Hochintelligente Verstrahltheit

Herrje, wie wolleweich und therapiegruppenmäßig klingt die Beschreibung dieser kollektiven Suche nach penibler Textdurchdringung heute! Vor 50 Jahren war sie beinahe revolutionär. Als Künstlerkollektiv zogen Lampe, ihr zeitweiliger Lebensgefährte Stein und ein Dreamteam toller Schauspielerinnen und Schauspieler wie Edith Clever, Otto Sander und Bruno Ganz 1970 um in die Berliner Schaubühne, die damals am Halleschen Ufer residierte.

Ein von den Kämpfen der 68er inspiriertes Mitbestimmungsmodell legte fest, dass in der Schaubühne »alle künstlerischen Mitarbeiter bei Stückauswahl und Spielplanpolitik« praktisch gleichberechtigt mitreden durften. Das führte zu lautem internen Palaver und zur Empörung von konservativen Stadtpolitikern. Der CDU-Mann Peter Lorenz unterstellte den Theaterleuten eine »klar gegen die Existenz der Stadt gerichtete Tätigkeit«.

Tatsächlich scherten sich die Regisseure des Hauses bald weniger um Politik als um das sorgsame Auskundschaften klassischer und halbwegs aktueller Theaterliteratur. Klaus Michael Grüber inszenierte mit Lampe in den frühen Siebzigerjahren zum Beispiel Shakespeares »Hamlet« – sie war die Ophelia – und Horvaths »Geschichten aus dem Wienerwald«. In Steins bald heilig gesprochener Inszenierung von Tschechows »Drei Schwestern« von 1974 warf Lampe sich in der Rolle der Mascha bäuchlings auf einen Diwan, auch in Arbeiten des Supersensibilisten Luc Bondy war sie ein bejubelter Star.

Die merkwürdig tapsige Art, in der sie ihren schmalen Körper bewegte, der stets ein bisschen träge Augenaufschlag, ihre wohlklingende, immer ein bisschen singende Stimme verliehen ihr die Aura einer hochinteressanten, hochintelligenten Verstrahltheit. Unter den Regisseurinnen und Regisseuren des deutschen Autorenkinos war Margarethe von Trotta offenbar weithin die einzige, die Lampes komplizierte Darstellungskunst als Aufforderung zur Zusammenarbeit begriff.

»Eine Seele vielleicht, ein Geist«

In Trottas Film »Schwestern oder die Balance des Glücks« von 1979 ist Lampe wie in »Die bleierne Zeit« zwei Jahre später die bodenständigere, handfestere, klügere und schmerzgebeugtere von zwei Schwestern. Im ersten der beiden Filme sitzt sie einmal lächelnd am Steuer eines BMW, der über eine winterliche Landstraße fährt, im zweiten posiert sie auf einem sommerlichen Balkon für eine Kamera – und in beiden Szenen begreift man sofort, dass Jutta Lampe auch auf der Leinwand eigentlich die Kraft für noch größere, wildere, vielleicht auch populärere Rollen besessen hätte.

Jutta Lampe mit Rüdiger Vogler im Film »Die bleierne Zeit« (1981)

Jutta Lampe mit Rüdiger Vogler im Film »Die bleierne Zeit« (1981)

Foto: United Archives / imago images

Von priesterlichen Theaterfans wie Botho Strauß, in dessen Stücken sie famose Auftritte hatte, wurde sie ausdrücklich dafür gelobt, dass sie sich von Film- und Fernseharbeiten weitgehend fernhielt. Auf der Bühne wurde sie zu einer bereits zu Lebzeiten legendären Schauspielerin.

1999 verließ sie, nicht ohne ihre Wehmut zu bekunden, nach fast drei Jahrzehnten das Ensemble der Schaubühne. Jutta Lampe war keine Prinzessin, sondern eine Königin auf der Erbse. Bei aller Verletzlichkeit habe er sie stets »als Grande Dame« erlebt, sagt der aktuelle Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier am Donnerstag über sie am Telefon, eine »besondere Vornehmheit« habe Lampes Spiel ausgezeichnet.

Sie selbst berichtete 2007 in einem Interview  der FAZ-Journalistin Irene Bazinger über sich: »Ich fühlte mich nie als gebrochener Mensch. Es gab Probleme, Ängste, Schuldgefühle, ich habe Psychotherapien gemacht, um mit mir ins Reine zu kommen. Aber ich wusste immer, dass etwas in mir war, eine Seele vielleicht, ein Geist, die ich lebendig machen wollte.«

Vom Stolz, von der Klugheit und der Bescheidenheit, die aus diesen Sätzen sprechen, erzählte Jutta Lampe in all ihren Rollen.

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