Bild der Woche Hohles, orangenes Gemüse

Halloween im Wahlkampf: Die lustige Bastelarbeit eines amerikanischen Studenten läßt tief blicken...


In früheren Zeiten, als Iren und Briten noch gemeinsam unter dem Begriff Kelten zu vereinen waren, besiegelte man das Ende des freudvollen Sommers mit riesigen Feuern. Man wollte jene bösen Geister, die - so glaubte man - mit der Dunkelheit des Winters näher kommen würden, dort halten, wo man sich vor ihnen sicher wähnte: in den Tiefen der unberührten Wälder. Nicht von Nuklearwaffen, biologischer Kriegsführung oder "Big Brother" fühlte man sich dereinst bedroht, sondern von Kobolden, Hexen und anderem Zaubergetier, das im Glauben der furchtsamen Menschen die Unberechenbarkeit der für allmächtig gehaltenen Naturgeister symbolisierte.

AP
Heute ist das Halloween-Fest, so es denn begangen wird, nur noch ein Schatten seiner selbst. In Amerika, wo man die Fratzen der Kobolde längst auf hohles, orangenes Gemüse verbannte, pilgern nur noch die Kleinsten von Haus zu Haus. Und auch ihnen, wiewohl sie mit kindlichem Gemüt als einzige den Aberglauben ins 21. Jahrhundert tragen, geht es nicht mehr um die Besänftigung der Natur, sondern um Schokoriegel und Pokémons. Die Kobolde sind trotzdem noch da. Wenn auch nicht mehr in den Wäldern, denn die sind bekanntlich nicht mehr unberührt.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Wahl des amerikanischen Präsidenten nur eine Woche nach Halloween stattfindet. Mit dem Sommer endet in diesem Jahr auch die Amtszeit Bill Clintons, der zwar oft von seiner ausgeprägten Libido vom Amtsgeschäft abgelenkt wurde, ansonsten aber als guter Landesvorstand in die Geschichte eingehen dürfte. Die potenziellen Nachfolger, man weiß es längst, sind wenig vielversprechend, obwohl sie den Mund mit Wahlversprechen voll und voller nehmen. Wie die Buchstabenzahl ihrer Namen gleichen sich auch die politischen Programme von Bush und Gore, von Persönlichkeit und Charisma ist weder beim trotteligen Redneck, noch beim weltfremden Intellektuellen etwas zu spüren. Und trotzdem: Einer wird gewinnen, und den Rest entscheidet das Schicksal. Oder die allmächtigen Naturgeister.

Von den prächtigen Halloween-Kürbissen, in die der 23-jährige Student Shaun Chandler aus Quarryville, Pennsylvania unlängst die Konterfeis der Kandidaten schnitzte, sollte man vielleicht noch einige mehr anfertigen. Zum einen natürlich, um die Geister zu beschwören, dass auch in der nächsten Amtsperiode alles gut geht; zum anderen, um in möglichst vielen Hohlköpfen Lichter aufgehen zu lassen. Happy Halloween, Mr. Soon-to-be-President...



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