Sugar Daddy Die längste Zugfahrt

Es geht nicht jeden was an, wie das ist, wenn ich und mein Sohn in Mehdorns Intercity pieschern und schietern. Aber wenn man mit uns im Abteil sitzt, dann wird das ein äußerst interessantes Thema. Also: Aufpassen!
Von Jolly Zink

Mein Sohn liebt die Bahn. Er würde Werbung machen für die Bahn. Er würde Mehdorn die Füße küssen. Ihn interessieren Eschede und Brühl und die Verspätungen nicht. Ihn interessieren Tunnel und Brücken und Schienen. Er kriegt leuchtende Augen, wenn er die S-Bahn am Alexanderplatz sieht und den ICE an der Museumsinsel. ICE kann er sogar unfallfrei aussprechen. Mein Sohn ist jetzt zwei.

Also fuhr ich Zug. Ihm zuliebe. Zum ersten Mal in einem richtigen Zug. Berlin-Hamburg. 2 1/2 Stunden, wirbt die Bahn auf großen Werbetafeln. Das klingt nach Entspannung.

Es wurde etwas anders.

Vielleicht hätten wir nicht an einem Sonntag fahren sollen. Sonntags sind die Züge voll. Vielleicht hätten wir auch nicht spät nachmittags fahren sollen. Spätnachmittags sind Soldaten unterwegs. Wir hatten eine Dame im Abteil und zwei Bundeswehrsoldaten. Die Dame las Reader's Digest und sah auch so aus. Die Bundeswehrsoldaten tranken Bier aus der Dose, sie hatten beide kurzgeschorene Haare und Schnauzer und sahen so aus wie alle Bundeswehrsoldaten im Wagen 5 des Intercity Dresden-Hamburg.

Es stellte sich bald raus, dass mein Sohn die Eisenbahnfahrt weniger spannend fand als angenommen. Keine Brücken, keine Schienen, nicht mal ein Zug war zu sehen. Schon gar kein ICE. Ihm wurde schon kurz nach Berlin-Spandau langweilig. Also musste ich das Bord-Entertainment übernehmen: Weihnachtslieder singen, dann kamen Frühlingslieder und schließlich wieder Weihnachtslieder. Die Soldaten fanden das sehr lustig. Sie tranken gerade ihr drittes Bier. Wahrscheinlich ist das der Zeitpunkt, an dem sie sonst selber losgrölen. Nun mussten sie das Lied von der klappernden Mühle am rauschenden Bauch hören. Die Soldaten gackerten.

Die Dame sagte nichts. Sie sagte nichts, als mein Sohn gegen ihren Readers Digest wankte, sie sagte nichts, als er laut schrie, einfach mal so. Sie sagte erst später etwas, als wir vom Pinkeln kamen.

Und das kam so: Wir waren zusammen auf die enge Toilette gegangen, mein Sohn und ich. Es ist nicht unbedingt leicht, mit einem Kind, das alles anfassen will auf eine stinkende Zugtoilette zu gehen und dabei auch noch im Rhythmus des schaukelnden Zuges zu pinkeln. Ich glaube, er hat mich zum ersten Mal so gesehen. Verkrampftes, einhändiges Pinkeln im Stehen. Ich hätte ihm das gern anders demonstriert. Aber er fand das wahnsinnig spannend. Papa pieschern, sagte er und grinste. Ja, Papa muss pieschern, sagte ich.

Wir gingen zurück ins Abteil, und er hatte das dringende Bedürfnis, seinen Mitreisenden mitzuteilen, was gerade passiert war: Papa pieschern, sagte er triumphierend. Ich lächelte. Die Dame lächelte. Die Soldaten lachten. Papa pieschern, wiederholte er und wollte die offizielle Bestätigung der Dame haben. Sie lächelte verkrampft. Viel pieschern, sagte er und rückte näher an sie ran. Nun ist ja gut, sagte sie gereizt. Ihre einzigen Worte zwischen Berlin und Hamburg. Nun ist ja gut. Die Soldaten lachten sich schief. Irgendwie hatte ich gehofft, die Männer würden in einer solchen Situation meine Alliierten sein. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam. Aber sie waren keine Alliierten. Sie waren angetrunken und lachten mich aus. Mich, den hilflosen Vater. Ich hätte sie gern wegen Diskriminierung angezeigt.

Noch schlimmer wurde es kurz vor Hamburg. Der Kleine wurde still, und das ist nicht immer ein gutes Zeichen. Entweder stellt er etwas an oder es bedeutet, dass er in Ruhe in die Windel machen will. Er will dann allein sein. Ich kann das durchaus verstehen. Zuhause ruft er „weg weg“ und schickt mich aus dem Zimmer. Also rief er jetzt den Mitreisenden des Intercity „weg weg“ zu. Aber sie blieben.

Er verdrückte sich in eine Ecke, hinter eine Gardine, und legte los. Man hörte es. Man sah es. Es waren noch dreißig Minuten bis Hamburg, und ich schwitzte. Es sind dies die Momente, in denen ich mich überfordert fühle. Momente, in denen ich gern rufen würde: Susanne, der Kleine hat geschietert, kannst du mal kurz, ich repariere gerade den Hinterholmkolben deiner Reisetasche. Ich schwitzte und befürchtete, mir gleich eine Generalabrechnung über die Unfähigkeit der neuen deutschen Väter anhören zu müssen.

Wickeln war nicht mehr drin. Auf Mehdorns Zugtoiletten ist kein Platz dafür, und im Abteil wollte ich der Dame den Anblick ersparen. Es stank immer mehr, ich schwitzte immer mehr, die Soldaten machten sich lustig, die Dame tat so, als würde sie lesen. Ich sah die Lichter von Hamburg und habe mich selten so auf meine Geburtsstadt gefreut wie an diesem Sonntagabend.