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25. Januar 2000, 13:01 Uhr

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Lieber tot als dick

Von Jörg Häntzschel

Sollten wir uns wie die Höhlenmenschen nur noch Fleisch und Fett einverleiben? Oder amputieren wir uns lieber gleich den Verdauungstrakt? Die paläolithische Caveman-Diät "Neanderthin" und der Minimagen, die so genannte Fobi-Tasche, gelten als revolutionäre Ansätze auf dem Gebiet der Diäthaltung.

Ein langes Leben war den Neandertalern nicht beschieden. Wer weiß, ob sie glücklicher waren als heutige Konsumenten? Wer bei bräunlichem Himmel auf dem Los Angeles Freeway im Stau steht oder Freitag abends versucht, den Times Square zu überqueren, der muss sich solche Gedanken machen: Schlimm, wie die Entfremdung um sich greift! Nun ist es auch wissenschaftlich erwiesen: Entfremdung macht dick. Und weil wir dünn sein müssen - um in enge Flugzeuge zu passen, Designermode tragen zu können und an gute Jobs ranzukommen - sollten wir uns auf unsere "primitiven" Vorfahren besinnen, meint Raymond V. Audrette. Sein Buch "Neanderthin" gehört zur Avantgarde der in Amerika gerade tobenden "Diät-Revolution". Jahrelang wurde propagiert: viele Kohlehydrate, wenig Eiweiß und möglichst gar kein Fett. Politisch-vegetarisch korrekt war das obendrein. Aber halt, völlig falsch, rufen die Revolutionäre, und: Back to the roots! Esst Eiweiß, Eiweiß und nochmals Eiweiß! Und Fett nach Belieben - aber bloß keine bösen Kohlehydrate. Kein Sushi mehr, nur noch Sashimi, ohne Reisbett, reines Eiweiß! Audrette geht aber noch viel weiter. Seine paläolithische Caveman-Diät, die stark und dünn machen soll, besteht aus so viel Fleisch und Fisch, wie das Kühlregal hergibt. "Je mehr Fett, desto besser. Es hilft, Cholesterin abzubauen", doziert Audrette vor staunenden Zuhörern. Nur ja kein Getreide, keine Milch, keine Kartoffeln: Das alles seien schlimme Erzeugnisse der modernen Landwirtschaft. Ob man da mitspielt, ob man Lust hat, seine Freizeit mit Falknerei zu verbringen, wie Audrette rät, oder mit dem Reißen von rohem Fleisch, ist eine Frage des Lebensgefühls. Wer archaisch disponiert ist, findet hier sicher schöne Anregungen.

Den Zukunftsfans hingegen sei eine andere revolutionäre Diätidee empfohlen. Was ist faszinierender, als seinen Körper nach eigenen Vorlieben neu zu konfigurieren? Mit Nase, Lippen und Busen anfangen - und dann, dem medizinisch-technolgischen Fortschritt folgend, immer weiter in die Tiefe, an die Innereien ran gehen. Vom Hirn-Computer-Interface oder vom muskelbildenden Virus kann man bislang nur träumen. Doch das ständige Essen- und Abnehmenmüssen lässt sich heute einfach beenden: Dr. Mal Fobi schneidet euch den Bauch auf, klammert den Magen bis auf zwei Prozent des ursprünglichen Volumens ab und schließt den Darm an das dezimierte Orgänchen an, das nach ihm benannt ist: Zwei Kekse - und die "Fobi-Tasche" ist voll. Nun ja, Fobi-Taschen-Besitzer kehrten bald mit Unterernährung ins Krankenhaus zurück, wird kolportiert. Aber ist das nicht auch irgendwie sexy? Wer schön sein will, muss doch leiden! Bei anderen machte das Plastikventil Ärger, das Fobi zur besseren Essenskontrolle in die Magen-Rudimente einbaut. Der Eingeweidemechaniker räumt ein, dass ein Prozent seiner Patienten die Operation nicht überlebten. Aber die nehmen das in Kauf, denn, wie eine von ihnen sagte: "Ich bin lieber tot als übergewichtig."

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