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LITERATUR Kachelglanz und Ekelkulisse

aus DER SPIEGEL 29/2001

Reynolds, Jason und Ezekiel leben in London und träumen von ihrer Heimat Jamaika. Sie haben Zeit dafür: Sie versorgen eine öffentliche Bedürfnisanstalt in der City und halten selbst an diesem Unort streng auf die Einhaltung der britischen Teatime. Ansonsten schrubben sie die Fliesen, kehren die Reste weg und versehen die Urinale mit Duftsteinen. In dieser skurrilen Unterwelt mit ihren gekachelten Aborten lässt sich trefflich dem verlorenen Zuhause nachsinnen, etwa Mamas wohligen Formen, oder über Kinder und Familie plaudern - und die zwei Ehefrauen Jasons, der ihretwegen zum Rasta geworden ist: »Rastas dürfen mehrere Frauen haben.«

Der in Südafrika geborene, heute in Lymington (Hamshire) lebende Warwick Collins, 53, erzählt die Geschichte der drei Heiligen an diesem Ort diskreter Begierden locker und dialogreich: Smarte Herren in Business-Anzügen kommen betont unauffällig herunter und schließen sich ein: bisweilen auch zu zweit (oder zu dritt), um eine schnelle Nummer zu machen. Dieser öffentliche Ort ist ein stadtbekannter Schwulentreff. Und weil das nicht so bleiben kann, schlägt der Rastafari Jason schon mal mit dem Stock auf die Knöchel der anonymen Kopulanten, damit die gierigen Kerle nicht überhand nehmen.

Doch als gar noch die Behörde gegen die Unsittlichkeit in den Kabinen einschreitet, bekommen die drei ein Problem. Denn wo das kleine Laster nicht blühen kann, geht der Umsatz zurück. Und so sitzen die drei Wärter bald mit Sorgen um den Arbeitsplatz herum. Aber zwischen aseptischem Kachelglanz und Ekelkulissen gibt es schließlich trotzdem ein Happy End, im Sinne der freien Marktwirtschaft.

Collins erkundet in seinem munteren Miniroman einen abseitigen Schauplatz, politisch unkorrekt, mit schrägem Witz, und kalauert ironisch mit den Vorurteilen über Schwarze, Weiße und Schwule. Ein idealer Fall auch für den kleinen Bücherstapel im Klo daheim: Das Buch lädt ein zum Verweilen - aber nicht zu lange.

Warwick Collins: »Herren«. Aus dem Englischen von Thomas Mohr.Verlag Antje Kunstmann, München; 140 Seiten; 28 Mark.

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