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REGISSEURE Käfig aus kaltem Licht

Roman Kuhn ist der Star unter den deutschen Werbefilmern. Nun präsentiert Pro Sieben sein Thriller-Debüt »Die Schläfer«, das mit rasanten Bildern verblüfft.
Von Nikolaus von Festenberg und Lothar Gorris
aus DER SPIEGEL 47/1998

Bleiben Sie ruhig. Ärgern Sie sich nicht. Greifen Sie nicht zur Fernbedienung. Das Kabelnetz funktioniert, auch wenn Bildsplitter wie Blitze über den Schirm fetzen. Die Einstellung der Helligkeit stimmt ebenfalls, auch wenn weißes Licht blendet oder Graufilter die Natur verschleiern, daß die Augen verzweifeln.

Die Bildverstörung ist Absicht, die Verdunklungsübung gewollt. An diesem Sonntag abend um 20.15 Uhr wird auf Pro Sieben, dem Sender der großen Verheißungen von ewiger Jugend und deutschem Hollywood, ausnahmsweise mal ein künstlerisches Versprechen gehalten: Es blufft und zappt, es schimmert und schockt, bis vor lauter Lust an optischer Zündelei die Handlung in die Luft fliegt. Und ist es nicht Hollywood, so ist es doch Neuland.

Selten ist in letzter Zeit ein Regisseur interessanter und hoffnungsverheißender auf Kollisionskurs mit den Konventionen gegangen als der Schwabe Roman Kuhn, 40, mit seiner rasanten TV-Räuberpistole »Die Schläfer«. Die Story ist aus robustem Seemannsgarn, reißfest gegen die Zumutungen der Realität.

Eine schöne, aber irre Frau (Gesine Cukrowski) kann sich nicht erinnern. Nur wenn sie im Schwimmbassin der Klapsmühle auf den Boden taucht, dämmert's ein wenig im gedächtnisblockierten Hirn: Da war was Schreckliches mit Seenot auf stürmischem Meer. Durch Internet-Recherche - das Netz, modern, modern, weiß mehr als Dr. Freud - wird für die Patientin die Spur zu den Quellen der Amnesie konkret.

Die Heldin entweicht der Anstalt. Man sieht sie ein trübes Felseneiland betreten, und nach und nach kommt die Wahrheit ans Licht: Auf einer (erdachten) Insel, nördlich von Rügen gelegen und Tradum geheißen, boten die Bewohner ihre Dienste als Fluchthelfer aus der DDR an.

Aber statt die Schutzbefohlenen in die Freiheit zu bringen, erschlugen die ungetreuen Fährleute die armen Menschen, befestigten an den Füßen der Leichen beschwerte Hummerkörbe - die Toten konnten nicht auftreiben, sondern hingen, vom Strick gehalten, zwischen Meeresgrund und Oberfläche - eine besonders verwesungsgünstige Lage für die »Schläfer«, wie der Film versichert.

Doch dumm, die DDR ging unter, die Stricke reißen, die Mumien kommen nach oben. Die Amnesiekranke bringt Licht in die verdunkelte Vergangenheit - und läßt sich dabei auch durch die Affäre mit einem undurchschaubaren Schiffer (Michael Mendl) nicht irritieren. Des Traumas Lösung: Die Heldin wurde von einem verliebten Jungen mitleidig über Bord geworfen. Während die Eltern von Mörderhand starben, überlebte das Mädchen gedächtnisgestört.

Kaum zu glauben. Die Handlung ist so vertrauenswürdig wie die Existenz von Hummern samt Körben in der Ostsee oder wie die Möglichkeit, daß Fischer im Grenzgebiet der DDR so frei schalten und walten konnten. Aber was zählt das? Kuhn überrennt dramaturgische Schwächen mit seiner Bilderkunst. Nie hingen Leichen schöner als Kuhns schaurige Mumien im Spiel der Unterwasserströmung.

Und erst die Klapsmühle: Sie zeigt der Film wie eine Schizophrenen-Phantasie, einen Käfig aus bösem, kaltem Licht, in dem nur die gelbgrünliche Sonnenbrille eines Arztes einen irritierenden Farbfleck bildet.

Dem Schauspieler Axel Milberg, aus Filmkomödien für harmlose Sachlichkeit bekannt, gewinnt Kuhn diabolische Tragik ab - ein böser Hamlet im Ölzeug. Der Streifen »Die Schläfer« verrät in jeder Einstellung den Willen, die Handlung durch die Bilder zu überbieten, magische Räume zu öffnen und die Logik des Wortes zu entthronen.

Das hat Kuhn in der Werbung gelernt. Der Schwabe ohne Abitur machte zunächst eine Ausbildung als Kartograph und quälte sich damit ab, den Namen Castrop-Rauxel »rückwärts spiegelverkehrt« hinzuschreiben. Bald schon wechselte er als grafischer Zeichner zu einer Werbeagentur, wurde Layouter und schließlich Art Director. Anfang der achtziger Jahre, als das Wort Cyberspace allenfalls bei Fachleuten bekannt war, unternahm Kuhn eine Expedition in den entstehenden virtuellen Kosmos und gründete eine erfolgreiche Firma für Computergrafik. Dort entstand unter anderem das erste computeranimierte SPIEGEL-Titelbild (30/1984), ein Hürdenläufer.

Und weil das Wandern des Werbers Lust ist, machte sich Kuhn nach Streit mit seinen Partnern »von einem Tag auf den anderen« mit Sack und Pack nach Amerika auf und schaute den Special-effects-Handwerkern auf die Finger.

Seine Lust, das Reale und das Animierte zu verweben, entdeckte der kreative Schwabe - wieder zurück in Deutschland - als Geschäftsführer des TV-Ablegers der Münchner Filmfirma Arri. Dort produzierte er Werbefilme.

Kuhns Stunde schlug, als er die ersten Werbespots selber drehen durfte. Ausgerechnet die Reklame für den Weinbrand Asbach Uralt wurde seine Bewährungsprobe. Die Werbung für das spirituelle Getränk ("Im Asbach Uralt liegt der Geist des Weines") hatte mit Kaminfeuer und altherrlichem Sprechergebrumm Patina angesetzt. Kuhn plante was mit Rössern in der Toskana, doch »da fiel uns das Mädel vom Pferd, wir mußten abbrechen«.

Der tapfre Schwabe verzagte nicht. »Voller Kampfgeist« stellte Kuhn in letzter Minute einen anderen Clip mit einer Ballerina in einem Wiener Theater auf die Beine. Die Filmerei in der Wirklichkeit hat eigene Gesetze, lernte er und fing Feuer.

Per Asbach ad astra: Der damals eher für Biedersinn bekannte Warenhauskonzern C&A wollte ein neues Image und seine Linie für junge Mode bewerben. Kuhn ("Ich war noch kein richtiger Filmer, sondern ein bißchen Grafiker, der so reingeschnuppert hat") reiste als einer von vielen Bewerbern um den lukrativen Auftrag mit bangem Herzen an. Im riesigen Besprechungsraum des Konzerns trug er sein Konzept vor, und der verantwortliche C&A-Mensch sagte den für die zauderige Branche, in der unendlich viele unendlich viel in Projekte hineinreden, erstaunlichen Satz: »Ja, gut, dann drehen Sie das mal.«

Was entstand, wurde berühmt: Kuhns Filme trommelten nicht einfältig für ein Produkt. Die Spots illuminierten ein Lebensgefühl: Skifahrer glitten über die Lavahalden Lanzarotes; chamäleongleich verwandelte sich während einer Einstellung ein Tennisspieler in einen Radfahrer. Zu den Klamotten der Rodeo-Linie schuf Kuhn eine Stimmung aus leicht surrealer Fröhlichkeit.

Die Reklame gewann mit Kuhns Handschrift - er war der erste deutsche Werbefilmer, dessen Name am Ende eines Spots zu lesen war - die Dimension des Unbewußten. Schon der jetzt gestorbene Systemtheoretiker Luhmann hatte bemerkt: »Die Werbung okkupiert die Oberfläche ihres Designs und verweist von da aus auf eine Tiefe, die nur für sie selbst unzugänglich bleibt.«

Kuhn gewann Preise, doch für C&A zahlte sich der Zauber nicht wie gewünscht aus. Die Atmosphäre der realen Warenhäuser widersprach der Reklamebotschaft ("Wir verstehen euch") an die Jugend. Doch was in der Werbung nicht so funktionierte, kommt dem Filmdebüt zugute. Die Suggestion der Bilder ist Kuhns Message.

Fünf Filme, zwei fürs Kino und drei fürs Fernsehen, bereitet er vor. Für die Ausstrahlung der »Schläfer« verwickelt er sich allerdings in unlösbare Widersprüche: Der Meister der Werbung wünscht sich keine Werbeunterbrechung.

NIKOLAUS VON FESTENBERG, LOTHAR GORRIS

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