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LITERATUR Kalkulierter Abschied

aus DER SPIEGEL 50/2005

Am Abend des 8. Dezember trifft sich die Familie noch einmal. Die Mutter, der Vater, ihre beiden Söhne mit den Ehefrauen. Der Vater öffnet einen Barolo, die Mutter reicht Kanapees herum, Krümel fallen auf den Teppich, das Gespräch verläuft lebhaft. Als sich die Kinder von den Eltern verabschieden, ahnen sie, dass die Mutter die Krümel noch wegsaugen wird. Und sie wissen, dass die Eltern am nächsten Abend nicht mehr leben werden.

Die Szene stammt aus dem ersten Roman des Schweizer Übersetzers Nicola Bardola - sie hat wirklich stattgefunden. Bardolas Eltern haben sich mit Hilfe der Schweizer Sterbehilfeorganisation »Exit« das Leben genommen. Der Vater war 75 Jahre alt und an Krebs erkrankt. Die 70-jährige Mutter war - wie es nun im Roman heißt - »lebenssatt«. Vier Monate vorher kündigten sie den Kindern ihren Suizid an; bis in viele Details ist Nicola Bardolas Roman autobiografisch.

Der Vater, so wird in Rückblicken erzählt, hat seine Ehefrau immer verehrt, hat sich oft gewundert, warum sie, die Begehrenswerte, ihn, den eher unbeholfenen Mann, geheiratet hat. Und doch war er es gewesen, der seine Frau - eher aus dem Gefühl der Unterlegenheit - betrogen hat. Die Mutter hält ihren Mann auf Distanz, leidet vor allem unter ihrem Putzfimmel, kann aber nicht anders, als ein ordentliches Haus und vor allem ein ordentliches Leben zu führen, risikolos. Auch das Risiko des Alleinseins scheut sie zuletzt, eines im Schmerz exzessiven Lebensendes. Liebevoll, aber auch ratlos verabschieden sich die Eheleute zum Schluss voneinander.

Der Roman ist klar montiert, der Ton eher sachlich. Bardola beschreibt authentisch die Verwerfungen, die mit der Entscheidung für einen geplanten Tod in einer Familie ausgelöst werden. Und doch offenbaren sich hier auch die Nachteile autobiografischen Schreibens. Das Buch liest sich wie eine Rechtfertigungsschrift, die Angst des Autors, den Eltern zu schaden, ist durchgängig spürbar. Es ist, als wollte der Sohn als Autor den Eltern ein guter Sohn bleiben.

Nicola Bardola: »Schlemm«. A1 Verlag, München; 208 Seiten; 18,40 Euro.

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