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Ausstellungen KAMIKAZE IN HÄUSERSCHLUCHTEN

Geht das Zeitalter der Stadt zu Ende? Mit einem Rückblick auf 120 Jahre Architekturgeschichte beschwört das Pariser Centre Pompidou noch einmal die Faszination der Metropolen.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Die Katastrophe ist absehbar. »Im Sturzflug auf die Stadt« wird der Pilot seine Maschine nicht mehr hochreißen können. Schon rast er zwischen die Hochhäuser hinab. Seinen Kopf, den Fluchtpunkt der steilen Perspektive, umstrahlt ein heller Glanz; die rauschhafte, ebenso aggressive wie selbstmörderische Wahnsinnstat wird mit dem Schein des Heldentums verklärt.

Ein künstlerisches Meisterwerk ist es nicht unbedingt, das der Italiener Tullio Crali da 1939 gemalt hat - in leicht verspäteter Reaktion auf ein acht Jahre älteres Manifest für eine futuristische »Fliegermalerei«, hingegen pünktlich zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Allzu schematisch ist die Szene konstruiert, allzu penetrant drängt sich das Motiv dem Betrachter auf.

Aber genau darum geht es: Plakativer als so ließe sich schwerlich jener Sog anschaulich machen, den die europäische Stadt seit mehr als einem Jahrhundert auf Künstler ausgeübt hat - ein schwerer Traum voll mächtiger Verlockungen und nicht minder großer Ängste.

Deswegen hängt Cralis Gemälde nun prominent in einer ehrgeizigen Großausstellung zum Thema: »La ville«, das Schau-Ereignis des Jahres im Pariser Centre Pompidou*, erklärt die Stadt _(* Bis 9. Mai; ab 21. Juni im neuen ) _(Centre de Cultura Contemporania, ) _(Barcelona. Katalog 468 Seiten; 350 ) _(Francs. ) zum Inbegriff moderner Kultur; sie ist deren Schauplatz und ihr ewig ungelöstes Problem. Am Ende des 20. Jahrhunderts, dies die zentrale These der Veranstalter, droht ihr der Untergang in einer flächendeckend »urbanen« Welt der Telekommunikation und der schnellen Verkehrsverbindungen. Wenn jeder rasch jede Entfernung überbrücken kann, wird die Stadt als ein gebauter, also ortsfester öffentlicher Raum entbehrlich.

Die Ausstellungsmacher Alain Guiheux und Jean Dethier verfolgen ihr Thema von 1870 bis zur Gegenwart auf zwei parallelen Spuren: Mit rund 600 Zeichnungen werden die Architekten und Stadtplaner zitiert; ihre Entwürfe für besser funktionierende oder einfach schönere Wohn- und Geschäftsanlagen hängen im hellen Tageslicht eines verglasten Großraums. Ein düsteres Kabinette-Labyrinth daneben birgt etwa 500 enthusiastische und beklemmende Visionen, zu denen die Stadt Maler, Bildhauer und Fotografen inspiriert hat.

Rundum gutgehen konnte das kaum. Der enzyklopädische Ehrgeiz der Ausstellung macht sie zum Kamikaze-Unternehmen, ähnlich wie Cralis gemalten »Sturzflug«.

Im Architektentrakt ist ein immenses Material ausgebreitet - von Kölner, Wiener und Berliner Stadterweiterungsplänen der Jahrhundertwende über englische »Gartenstadt«-Konzepte etwa bis zu den unerbittlich rechtwinkligen Entwürfen des Bauhaus-Meisters Ludwig Hilberseimer und des Schweizers Le Corbusier. Das Plänestudium aber erweist sich bald als mühsam. Beschriftungen sind häufig schwer oder auch gar nicht zu entdecken, der wenig benutzerfreundliche Katalog (ohne Ausstellungsverzeichnis, Künstlerviten und Register) hilft keineswegs immer weiter.

Im dunklen Reich der freien Künste glänzen Perlen wie Giorgio de Chiricos Architektur-Stilleben »Metaphysische Stadt«, das »Großstadt«-Pandämonium von George Grosz oder Wassily Kandinskys gleichsam im Farbenrausch taumelnder »Roter Platz« - Phantasmagorien zwischen Sündenbabel und himmlischem Jerusalem. Die Stadt erscheint als bedeutungsvoll stilisierte Kulisse, konsequenterweise dann auch auf expressionistischen und futuristischen Bühnenbild-Entwürfen.

Auf Höhen- folgen Sturzflüge. Der Zwang zur Bebilderung, der jeden Veranstalter einer Themenausstellung unter Druck setzt, durchmischt die Spitzenwerke mit heillos mittelmäßigen Bildern. Und wenn es das Unglück will, sind gerade die besonders groß.

Mehr Gestaltungskraft als mancher Maler bringen Architekten auf, die ihrer Einbildungskraft ohne Rücksicht auf Bauherren und Statik die Zügel schießen lassen. Beim Italiener Virgilio Marchi krümmen sich Brücken, Tore und Türme ekstatisch zur »Phantastischen Stadt«, der sowjetische Konstruktivist Jakow Tschernikow verbindet Elementarformen zu spannungsvollen »Architekturphantasien«.

Aber die Wandlungen der realen Stadt, ihren Aufbau und ihre Zerstörung, beschwört kein zweites Medium so packend-anschaulich und so kontrastreich wie das Foto. Hier schöpft die Ausstellung aus reichen Quellen, hält höchstes Niveau und kommt wie beiläufig zu schlagenden Inszenierungspointen. Eine muntere Schönheit, »Paris erobernd«, auf dem Eiffelturm und ein steinerner Engel über der Trümmerwüste von Dresden - dieses Nebeneinander ist ein stiller Höhepunkt.

Eine vergleichbar dissonante Zusammenschau wird dem Besucher angeboten, der in eine Vitrine mit einem Modell für das Lagergelände des KZ Sachsenhausen hineinsieht - und durch sie hindurch.

Hinter dem knapp angedeuteten Projekt des Architekten Daniel Libeskind, den Schreckensort halb unter Wasser zu setzen und halb mit einem Ausbildungszentrum zu bebauen, öffnet sich der Blick auf Paris. Er umfaßt die spätgotische Kirche Saint-Eustache, die Gegend der 1971 in einer städtebaulichen Untat abgerissenen Markthallen und schließlich, am Horizont, das megalomanische Hochhausviertel La Defense.

Da draußen rumort es weiter, und das bedeutet offenbar: Noch ist die Stadt nicht tot. Y

* Bis 9. Mai; ab 21. Juni im neuen Centre de Cultura Contemporania,Barcelona. Katalog 468 Seiten; 350 Francs.

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