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Kampf den Flaneuren

aus DER SPIEGEL 42/1992

Altenburg, 33, lebt in Frankfurt, arbeitet als Lektor und Schriftsteller. Soeben hat er seinen ersten Roman »Die Liebe der Menschenfresser« veröffentlicht.

Einer hat Abitur und fühlt sich zum Dichter berufen. Er läuft durch eine Buchhandlung und ist irritiert. Er schlendert über die Frankfurter Buchmesse und ist erschüttert. So viele Bücher, so viele Dichter. Was soll er machen? Ihm fällt nichts auf, ihm fällt nichts ein. Aber es drängt ihn, es treibt ihn. Eins will er um jeden Preis: ein Dichter werden. Eins will er um keinen Preis: ein erfolgloser Dichter werden.

Aber was soll er machen, wenn alles schon dagewesen ist - Publikumsbeschimpfung und Agitprop-Romane, Seelenkäse und Ökolyrik, Dokumentartheater und neue Rotzigkeit? Er macht das, was alle tun, denen weder etwas auf- noch etwas einfällt: Er flaniert und spielt mit der Sprache und macht ein Buch daraus. Er bekommt einen Preis, dann noch einen und noch einen. Ihm fällt zwar immer noch nichts ein, und sein Buch ist selten verkauft und noch seltener gelesen worden, aber weil man in seiner Heimatzeitung geschrieben hat, daß er nun ein erfolgreicher Dichter sei, flaniert er weiter und weiter und weiter. Jedes halbe Jahr, wenn er die Abrechnungen seines Verlegers bekommt, rümpft er die Nase und denkt: »Das Volk ist halt doch zu blöde, um mich zu verstehen.«

Wenn ich sie in den Talk-Shows sitzen sehe, unsere Jungautoren, die jetzt schon glauben, sie seien unsterblich, und die deshalb so endlos viel Zeit haben, uns zu langweilen, wenn ich sie dort sitzen sehe, so penetrant sensibel, so rasend bedächtig, dann muß ich immer an »Schneller Pfeil« denken, jene Schnecke, die wir als Kinder in einem Schuhkarton hielten und die wir dann vergaßen, weil sie einfach zu langsam war. Ein Vogel hat sie sich zum Mittagessen geholt. Wir haben sie nicht vermißt.

Ach was, ich habe nichts gegen Flaneure. Nichts gegen die langsamen Heimkehrer und Verteidiger der Vorsichtigkeit, nichts gegen die leise singenden Frauen, die luxurierenden Trödler und anämischen Tränensäcke. Sollen sie doch durch die Fachwerkzeilen unserer Kleinstädte zockeln, sollen sie zaudern und zagen, mir doch egal. Nur lesen möchte ich nichts mehr von ihnen; mit ihren trantütigen Texten sollen sie mir gestohlen bleiben, mit ihren »Versuchen über . . .« und »Beiträgen zu . . .«, mit ihren Bürgschaften und Nasen aus zweiter und dritter Hand, mit ihrem viermal verfluchten: » . . . artikulierte Axel voll furchtsamer Eleganz«. Und vom Hals bleiben sollen sie mir mit ihrem verflennten Kulturpessimismus, von wegen »Untergang der Schrift im medialen Flimmern und Rauschen«. Daß ich nicht lache, bloß weil ihre Auflagen sinken.

O ja, langsam muß man sein. Beim Schreiben. Damit die Sätze Tempo kriegen und die Geschichten Drive. Aber wenn man mit dem Intercity-Expreß von einem Poetik-Seminar zum anderen saust und zwischendurch Bücher schreibt, die sich so lesen, als wären sie auf dem Rücken eines Maulesels entstanden, dann darf man sich nicht wundern, wenn das Publikum sich diesen Werken verweigert. Denn warum sollte ich mir von den Suaden Thomas Hettches meine wertvolle Lebens- und Lesezeit stehlen lassen? Was gehen mich die Bübchen-Bücher des großmäuligen Thorsten Becker an und was die Püppchen-Prosa einer Anita Albus?

Doch daß die Leute nicht mehr lesen wollen, ist auch bloß ein Gerücht, das mit Interesse am Leben gehalten wird. Die einen verbreiten es wehklagend, um allerlei Subventionen einzuheimsen, die anderen triumphierend, um die Anzeigenkunden aus der Populärbranche zu ködern. Aber wann wäre denn mehr gelesen worden als heute? Doch wohl nicht vor 200 Jahren, als Bücher für den gemeinen Mann unerschwinglich waren. Doch wohl nicht im 19. Jahrhundert, als die Leute auf den Feldern, in den Fabriken und unter Tage sich dämlich malochten.

Doch wohl nicht in den ersten 30 Jahren dieses Jahrhunderts, als der größte Teil der Bevölkerung im lesefähigen Alter damit beschäftigt war, sich auf den Schlachtfeldern erschießen zu lassen oder seinem Nachwuchs das hungrige Maul zu stopfen. Doch wohl nicht in den geistfernen ersten 20 Jahren dieser Bundesrepublik. Doch wohl nicht in jener wilden Zeit, als mit der bürgerlichen gleich die gesamte Literatur für tot erklärt wurde. Wann denn wäre mehr gelesen worden als hier und heute?

Und schließlich, was heißt schon Lesekultur? Als wäre es besser, wenn die Kids Kempowski lesen, anstatt mit ihren Kumpels ein pfiffiges Videospiel zu spielen. Als würde in einer einzigen Folge »Alf« nicht mehr Phantasie stecken als in tausend Seiten des schreibenden Schulmeisterleins.

Es soll ein paar kluge Lektoren geben, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, junge Menschen vom Schreiben abzuhalten, anstatt immer nur Jagd auf das wunderbare Nachwuchsgenie zu machen und damit den Betrieb am Laufen zu halten. Schule hat ihr Beispiel bislang nicht gemacht. Die Branche meldet ständig Rekorde: noch mehr Titel, noch höhere Auflagen, noch mehr Umsatz.

Wenn es aber stimmt, daß immer mehr Leute immer weniger bereit sind, das sogenannte gute Buch zu lesen (sondern statt dessen Sex-Ratgeber, Lebenshilfe-Fibeln und Esoterikwichs), warum zum Teufel setzt die Literatur dann nicht alles daran, sich erneut auf ihre alte Weise unentbehrlich zu machen? Und zwar nicht, indem sie sich auf ihre »Textualität« zurückzieht, sondern indem sie beweist, daß sie uns noch immer auf allen Ebenen des Menschlichen anzurühren versteht, daß sie in der Lage ist, uns klüger, genauer und sogar schöner zu machen - ebensogut wie ein guter Film und tausendmal besser als das Fernsehen.

Warum gehen unsere Autoren nicht endlich bei T. Coraghessan Boyle in die Schule, bei Truman Capote und dem riesigen Cormac McCarthy, bei Tobias Wolff und meinethalben sogar bei Tom Wolfe, und natürlich bei jener dicken Mama, die wir uns angewöhnt haben »das Leben« zu nennen? Weil sie dann arbeiten müßten, weil sie nicht länger mit Tiefsinn bluffen dürften, sondern gezwungen wären, sich ein paar Gedanken zu machen: über die Dramaturgie einer Story zum Beispiel, über die Erzählperspektive, über den Rhythmus der Sätze, über die Wahrheit der Figuren. Weil sie dann nicht mehr schlendern dürften, sondern Wirklichkeit raffen müßten. Weil sie sich wieder an jene dirty places begeben müßten, wo Bisse und Küsse so schwer zu unterscheiden sind und wo nicht schon alles durch einen ästhetischen Kodex gezähmt ist.

Hat einer unserer so gräßlich alt aussehenden Jungautoren auch nur ein einziges Mal »Frühstück bei Tiffany« gelesen? Ich bezweifle es. Sie würden sonst anders schreiben müssen. Statt dessen hecheln sie mit hechelnden Zungen der Avantgarde hinterher, noch dazu der von vorgestern, und halten jedem, der in der Lage ist, eine Geschichte zu erzählen, vor, daß man so doch nun weiß Gott nicht mehr schreiben könne.

Als wäre dieser Einwand nicht längst zu einer rhetorischen Floskel verkommen: nur dazu gut, zu verbergen, daß die meisten unserer Autoren so nie schreiben konnten. Es tue doch keiner so, als habe er unentwegt so viel Neues zu berichten, daß ihm nichts anderes übrigbleibt, als ständig zu stammeln.

Und was ist mit der Europäischen Moderne? höre ich sie fragen. Mit Joyce, Beckett, Celine, Musil . . .? Also bitte, Leute, das haben wir doch drauf. Oder? Wenn nicht, dann allerdings müßte nachgesessen werden. Denn, natürlich, ein Realismus (da haben wir das Wort), der nicht durch die Moderne geläutert ist, wäre keinen Pfifferling wert. Aber sind »Murphy« oder »Ulysses« etwa keine realistischen Romane? War das, was deren Autoren an neuen Techniken entwickelt haben, etwa nicht dazu gut, die alte Wirklichkeit auf eine neue Weise und die neue Wirklichkeit überhaupt erst zu erfassen? Und warum sollte man auf irgend etwas verzichten? Warum sollte ein Autor die Errungenschaften der Alten nicht ebenso nutzen wie die Techniken der Moderne?

Manchmal liest man, dieser oder jener sei Vertreter einer »experimentellen Literatur«. Na freilich, was wäre schließlich ein Buch wert, dessen Autor beim Schreiben nicht unentwegt experimentieren würde? Aber Experimente sind dazu da, zu einem Ergebnis zu führen. Und wenn ein Experiment mißlungen ist, ja sakra, warum sollte man dann die Welt damit behelligen? Warum sollte man nicht rasch und ohne Trauer von ihm Abschied nehmen?

Da haben wir also auf der einen Seite die »grandiosen Epen«, die »Tableaus von Menschen und Schicksalen« und die »pointierten Short stories«, wie sie die Amerikaner schreiben und nach denen die Leser noch immer so gierig schnappen wie die Karpfen nach der Wasserleiche, und haben auf der anderen Seite das immergleiche Geknorze der immergleichen deutschen Flaneure, nach dem außer den immergleichen Juroren kein Hahn mehr kräht.

Undine Gruenter, Johannes Jansen, Patrick Roth, Peter Wawerzinek, Klaus Modick - erst kürzlich wurden sie zu Helden der jungen deutschen Literatur gekürt, und doch sind ihre Werke schon wieder so gründlich vergessen, daß selbst mein kluger Buchhändler sich die Namen der Autoren buchstabieren lassen muß. Wenn dann aber einer der unseren, wie Wondratschek es getan hat, endlich mal etwas anderes versucht, wenn er eine Geschichte schreibt, in deren Mittelpunkt weder der leidende bürgerliche Held noch »die Sprache selbst« steht, und wenn er dann leider daran scheitert, dann wird sein Versagen von der Kritik anstatt mit Bedauern mit Häme registriert.

Sollte es sie wirklich geben, die Verschwörung der Idioten im Kulturbetrieb, wie Maxim Biller meint, das ZK der Senilen-Einheits-Deppen? Nein, noch bezweifle ich es. Und doch, wenn man sich anschaut, wen sie reinlassen und wen sie aussperren, dann könnte man schon mißtrauisch werden. Als Biller letzten Sommer in einem kleinen Manifest dafür eintrat, die Literatur gelegentlich mal mit ein paar Recherchen fett zu füttern, als er seine Kollegen zu ein bißchen mehr Welthaltigkeit ermunterte, da war kein deutsches Feuilleton bereit, seinen Text zu drucken. Denn wer war schließlich Biller? Den hatte man doch abgehakt. In der Schweizer (ausgerechnet!) Weltwoche ist sein Artikel schließlich erschienen und wurde auf so groteske Weise mißverstanden, daß man schon fast wieder lachen möchte. In die Reichsschrifttumskammer und in ein »Literaturkommissariat der SED« wollte man Biller verbannen. So, als habe er etwas verbieten wollen. So, als habe er seinen Kollegen nicht einfach angeraten, Augen, Nase und Ohren aufzusperren, um nächstens über mehr und anderes schreiben zu können als über junge Schriftsteller, die über junge Schriftsteller schreiben, die über . . .

Damit wir uns nicht mißverstehen: Ich will den neuesten Wilden sowenig das Wort reden, wie ich über den ältesten Milden den Stab brechen will. Das alles sind Kategorien, die mit Literatur nichts zu tun haben. Literatur hat mit Wahrheit und Schönheit zu tun. Ja doch. Aber auch mit Arbeit, Spannung, Tempo, Leben. Wenn wir das ignorieren, dann allerdings rennen uns die Leser weg. Dann wechseln sie zu Gervais Obstgarten, der leichten Alternative. Und wo die produziert wird, ob in Newport (Nebraska) oder in Nartum (Niedersachsen), das ist dann wirklich egal.

Matthias Altenburg
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