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MEDIZIN Kannste träumen

Immer stärker verbreitet sich unter West-Berliner Kindern die Schnüffelsucht. Das Einatmen von Pattex-Verdünner führte schon zu schweren Lähmungen und Muskelschwund.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Zuerst fangen die Bäume an zu laufen, erscheinen kleine rote Männchen und verwandelt sich Wasser in flüssiges Gold.

Dann werden siegreiche Kämpfe ausgefochten -- gegen Kung Fu, mächtige Stiere oder Raubtiere.

Schließlich kehrt wohlige Entspannung ein: »Dann biste von allem weg ... haste deine Ruhe ... kannste anjenehm träumen ...«

Rausch und Ruhe, wie West-Berliner Schüler sie schildern, werden aus der Plastiktüte »geschnüffelt": Dämpfe von Klebstoff-Verdünn er entrücken die meist Elf- bis Vierzehnjährigen der öden Wirklichkeit in den Stadtteilen Kreuzberg, Wedding und Neukölln.

Die ersten gewohnheitsmäßigen Schnüffel-Kinder wurden dort Anfang der siebziger Jahre registriert. Nun hat sich die Sucht nach den aromatischen Lösungsmitteln so stark ausgebreitet, daß West-Berlin mehr Schnuffler zählt als irgendeine andere deutsche Stadt.

Über schwerwiegende Langzeitfolgen bei 25 Jugendlichen aus den traditionellen Berliner Arbeitervierteln berichtete jetzt der Neurologe Holger Altenkirch in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift«. Wegen Nervenlähmungen und Muskelschwund mußten die Schnüffler bis zu zwölf Monate im Klinikum Steglitz der Freien Universität und anderen Krankenhäusern behandelt werden; einige der Patienten blieben jahrelang im Rollstuhl.

Die West-Berliner Schnüffel-Kinder berauschen sich fast durchweg an einem chemischen Lösungsmittel, das normalerweise in die Werkstatt oder in die Heimwerkerecke gehört: »Pattex-Verdünner«, Lösungsmittel für den gleichnamigen Klebstoff. Seine Bestandteile Toluol und Äthylacetat haben eine stark narkotisierende Wirkung.

Chronische Schnüffler können die »legale« Droge in Heimwerkergeschäften, Farbenhandlungen oder Drogerien kaufen. Mitunter wird in Gurkengläser oder Flaschen abgefüllt. Der Tagesbedarf eines Dauer-Schnüfflers, etwa ein halber Liter, kostet zwei bis drei Mark.

Bis zu zwölf Stunden täglich, im Durchschnitt acht Stunden, so ermittelte Altenkirch, drücken die jugendlichen Schnüffler den gefüllten Plastikbeutel über Mund und Nase. Treffpunkt für das Gemeinschaftserlebnis sind Abbruchhäuser, Garagen oder Parks. Nach den ersten Atemzügen, die Herzklopfen und Luftnot verursachen, stellen sich dann spannungslösende Betäubung und Halluzinationen ein.

Mit Hilfe der Pattex-Narkose flüchten die jungen Schnüffler aus ihren meist kaputten Familien und der tristen Großstadt-Umgebung. Fast alle Schnüffler -- in West-Berlin wird ihre Zahl auf mindestens 500 geschätzt -- stammen aus kinderreichen oder Scheidungsfamilien; in vielen Fällen sind Väter und Mütter alkoholsüchtig. Die von dem Steglitzer Neurologen jahrelang behandelten 25 Schnüffler waren Opfer des Versuchs, die Kinder mit einem Trick von ihrer Droge abzubringen: Um den Pattex-Mißbrauch einzudämmen, hatte die Firma Henkel von 1975 an ihrem Klebstoff-Verdünner ein Vergällungsmittel zugesetzt.

Doch auch der Gestank dieser Mischung schreckte die Schnüffler nicht. Die gesundheitlichen Folgen waren verheerend: Arm- und Beinmuskeln versagten, die Mediziner stellten bleibende Rückenmarkschäden fest.

Obwohl Henkel den vergällenden Zusatz später wieder wegließ, wurden auch in den folgenden Jahren immer wieder Schnüffler mit schweren Vergiftungen eingeliefert. Sie hatten ältere, noch vergällte Chargen von Pattex-Verdünner gekauft.

Solche Lähmungserscheinungen und Nervenschäden sind beim Gebrauch von unvergälltem Pattex-Löser, auch wenn er über Jahre hinweg inhaliert wurde, bisher nicht beobachtet worden. Zwar zeigen die Kinder im Rausch Bewegungs- und Sprechstörungen; wieder ernüchtert, fallen sie in Depressionen und Lethargie zurück, scheinen aber körperlich nicht beeinträchtigt.

Dennoch hält Dr. Altenkirch »die potentielle Gefährdung für ungeheuerlich«. Im Laufe der Jahre, so fürchtet der Neurologe, könnten zum Beispiel Schäden zutage treten, wie sie von Arbeitsmedizinern im vergangenen Monat auf einem Kongreß in Prag beschrieben wurden: Autolackierer und Maler, die ständig mit chemischen Lösungsmitteln umgehen, klagten zunächst nur über vermeintlich harmlose Symptome wie Unlust und Schlaflosigkeit. Bei Untersuchungen wurden später hirnorganische Schäden und zunehmende Geistesschwäche festgestellt.

Nur die wenigsten Schnüffler sind fähig, von ihrer Gewohnheit abzulassen -- selbst die an Lähmungen Erkrankten griffen nach der Entlassung aus der Klinik wieder zur Plastiktüte.

Sollten selbst die paar Mark für den Kauf von Pattex-Verdünner fehlen. verschaffen sich die Jugendlichen einen Schnüffel-Ersatz -- etwa Benzin, das durch einen Plastikschlauch aus den Tanks geparkter Autos abgesaugt wird.

Dauerhafte Hilfe für die »Hilflosesten aus der Suchtszene« (so die stellvertretende West-Berliner Drogenbeauftragte Maria Schmejkal) könnte nur eine Sozialtherapie bringen.

In drei Projektgruppen, vom West-Berliner Senat mit 600 000 Mark ausgestattet, versuchen Psychologen und Sozialhelfer, Kontakt zu Schnüffler-Familien aufzunehmen. Ihre Hoffnung: die Kinder aus den Gangs heraus- und in Bastel- und Freizeitgruppen hineinzulocken. Dort können sie sich schöpferisch und handwerklich betätigen -- ohne Pattex. »Gepattet« wird nicht.

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