Kanye West bei Balenciaga-Modenschau Die Schlammschlacht

Nein, das sind keine Bilder aus Florida nach Hurricane Ian, und auch nicht der neue Held eines neuen klimaapokalpytischen »Mad Max«-Films. Es ist die neue Kollektion vom Hype-Label Balenciaga – vorgeführt von Kanye West.
Eine Stilkritik von Xaver von Cranach
Kanye West

Kanye West

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picture alliance / Photoshot

Der Herbst ist die Jahreszeit, in der man neidisch auf kleine Kinder schaut, die in vollgummierter Ausstattung durch Pfützen springen können. Die gar nicht versuchen, herumzulaufen, sondern absichtlich mitten rein dürfen, ja: sollen. Und dafür passend ausgestattet sind. Wo sind eigentlich die Matschhosen für Erwachsene?

Vielleicht war das der Gedanke hinter der Modenschau von dem seit Jahren geyhpten Label Balenciaga am Sonntag in Paris. Wahrscheinlich aber nicht. Was genau sich Designer Demna Gvasalia bei dem apokalyptisch anmutenden Setting für seine nächste Frühjahrskollektion gedacht hat, ist nicht bekannt, auch nicht so wichtig vielleicht. Es handelt sich bei so einer Modenschau ja nicht primär um die Vorführaktion verkaufsträchtiger Mode, sondern um ein Gesamtkunstwerk. Es geht also um Assoziationen, die wiederum Interpretationen bedingen sollen, um einen erzählerischen Mehrwert zu generieren.

Nicht zuletzt gelang das dieses Mal so gut, weil sich einer der größten Popstars unserer – oder höchstens unserer kürzlich vergangenen – Tage unangekündigt auf den, sagen wir mal, Laufsteg, getraut hat. Kanye West, der mittlerweile lieber Ye genannt werden will, stapfte kaum zu erkennen durch den Matsch. Er trug eine schwere schwarze Jacke mit der Aufschrift »Security«, angeblich brauchten auch die geladenen Gäste einen Augenblick, um zu merken, mit wem sie es da zu tun haben. Es folgten 15 Minuten, in denen die Models durch die Balenciaga-Dystopie liefen, begleitet von mal einpeitschendem, mal düster grollenden Techno.

Abschluss-Walk bei Balenciaga: Die Wiege des Lebens?

Abschluss-Walk bei Balenciaga: Die Wiege des Lebens?

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Der Schlamm wurde extra vom spanischen Konzeptkünstler Santiago Sierra angefertigt. Sierra ist bekannt für seine großen und manchmal provokanten Installationen. Einmal hat er einen Raum der hannoverschen Kestnergesellschaft mit 120 Tonnen Schlamm befüllen lassen. Dass jetzt Kanye West in Balenciaga über den Aktionskunstschlick läuft, muss man aber nicht als Ausverkauf ans Kapital deuten. Dafür ist Ye, der in den vergangenen Jahren den Pop zu neuen Höhen katapultierte, andererseits aber auch durch verstörenden Irrsinn in der Öffentlichkeit auffiel, selbst schon viel zu sehr Kunstwerk geworden.

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Der unbedingte Wille von Balenciaga, sich abseits der übrigen Luxushäuser als inhaltlich avantgardistisches Label zu positionieren ist auf jeden Fall bemerkenswert. Und die Stimmung trifft Demna Gvasalia natürlich voll. Die Zeiten sind düster. Krieg. Wirtschaftskrise. Da ausgerechnet eine Frühlingskollektion im Matsch zu veranstalten will zeigen: Wir schauen nicht weg. Wir wissen, dass alles ganz schön aussichtslos ist.

Und natürlich bleibt selbst dieser Show – trotz Terror-Techno, trotz Szenen, die an einen neuen klimaapokalpytischen »Mad Max«-Film denken lassen, trotz Models, die an Orks aus der neuen »Herr der Ringe«-Serie erinnern – ein Stück Hoffnung eingeschrieben. Denn andererseits ist der Schlamm auch die Wiege des Lebens. Aus ihm erwächst etwas Neues.

Dass ausgerechnet der größenwahnsinnige Ye diese Schlammschlacht eröffnete und sich indirekt als Retter (»Security«!) in aussichtslosen Zeiten präsentierte, überrascht eigentlich nicht. Er ist ein Heiland in Matschhosen.

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