Sibylle Berg

Kapitalismus und Corona Die Märkte hatten Burn-out

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Alles, was der Kapitalismus an Ablenkungsgeschenken bereitstellt, gab es in der Corona-Zeit nicht mehr. Keine Spiele, keine Arbeit, keinen Stress außer der Angst um die Existenz. Was folgt daraus?
Charlie Chaplin in "Modern Times" (1936): Zeit des sich potenzierend wachsenden Wahnsinns

Charlie Chaplin in "Modern Times" (1936): Zeit des sich potenzierend wachsenden Wahnsinns

Foto: interTOPICS/ Picturelux/ ddp images

Wie die weltweit am häufigsten vertretene Gesellschaft (Wirtschaftsordnung) auf eine Unterbrechung des Systemablaufs reagiert, ist erstaunlich erwartbar. Das nicht überdachte Zahnradsystem der freidrehenden Märkte (abenteuerliche Metapher) funktioniert, wie alle Systeme, am besten ohne Störfaktoren.

Also zum Beispiel ohne die Natur. Oder ohne Menschen. Oder nur mit putzmunteren Menschen, die sich wie geschmeidige Luchse perfektionieren, trainieren, anpassen, konsumieren, unauffällig sind und keine abweichenden Lebensentwürfe vorzuweisen haben.

In der Schule erlernen die frischen Menschen die hohe Kunst des Wettbewerbs mit dem Ziel, ihn im Verlaufe ihres für die Märkte nützlichen Lebens zu perfektionieren.

Es gilt: Zähne zusammenbeißen und an die Belohnung denken

Und was gibt es da nicht zu tun: Arbeit zum Lebensinhalt zu erklären, leisten, kämpfen, verunsichert sein, wenn man kurz durch unvorhergesehene Unfälle wie Selbstausbeutungs-Burn-out oder Krankheiten (zum Beispiel Schwangerschaften) aus dem Wettbewerb geschleudert wird.

Ansonsten gilt: Zähne zusammenbeißen und an die Belohnung denken. Die ist der Konsum von Shoppingtrips, Zweitwagen, sechs Fernsehern, Konsolen, Trikotagen-Bergen, die der Mensch dann einmal im Jahr ausmistet. Stolz: Was habe ich für eine unglaublich gute Ordnung geschaffen mit all dem Zeug, das nicht da gewesen wäre, hätte ich es nicht gekauft. Aber Schwamm drüber.

Die aussortierte Ware wird in die Länder des globalen Südens verschafft, verwertet, verbrannt. Egal. Uff, da ist endlich wieder Platz, den man mit Produkten füllen kann. So ist der Plan (naja). So ist das System, es ist nicht perfekt, aber das Beste, was wir haben, sagen Leute, die keine Utopien haben.

Leben, ohne ständig zu konsumieren

Und dann passierte, was weltweit als größte Krise nach dem letzten Weltkrieg bezeichnet wurde. Nicht von der Anzahl der Opfer her, sondern auf die Märkte bezogen, die von einem Tag auf den anderen einen Burn-out hatten. Alles, was der wunderbare Kapitalismus an Ablenkungsgeschenken für seine Verbraucher und User bereitstellt, gab es nicht mehr. Keine Spiele, keine Arbeit, keinen Stress außer der Angst um die Existenz. Alle, die nicht verarmten oder in systemrelevanten (fck t system) Berufen arbeiteten oder in zu kleinen Wohnungen mit Kindern hockten, hatten auf einmal etwas, das in unserer wettbewerbsgetriebenen Zeit knapp geworden zu sein scheint: Zeit.

Dass man auch leben kann, ohne ständig zu konsumieren, mit weniger Stress, und nach einer Weile der Ratlosigkeit fühlte es sich - besser an. Zum Denken und Staunen. Viele Menschen begannen, Spaziergänge zu unternehmen, die Waren in den Schaufenstern schienen plötzlich nicht mehr zu leuchten, sondern waren, was sie oft sind: unnütz.

Weltweit wurde die Ungerechtigkeit, die das systemrelevante System verschärft hat, noch sichtbarer . Sehen und fühlen hatte man sie schon lange können, wenn man nur die Zeit gehabt hätte. Auf einmal war sie da, und viele merkten, dass irgendetwas nicht aufgeht. Dass es Irrsinn ist, was wir hier veranstalten, oder mit uns veranstalten lassen. Die Krise der letzten Zeit ist also eine Krise des Systems, dieser Form des Gabber-Kapitalismus (Gabber, so wie die Musikrichtung, eine Variante des Hardcore Techno), der sich selbst so lange beschleunigt, bis er explodiert, und alles mit sich in ein schwarzes Loch reißt, aus dem nicht einmal die wenigen, die mehr als der Rest besitzen , entkommen werden.

Kommen Sie noch mit? Ich nicht.

Nichts mögen Gabber-Kapitalisten weniger als denkende Menschen, als den Sozialstaat. Der Staat ist dazu da, um Unternehmen in Krisen zu finanzieren, und nicht, um jene zu finanzieren, die mit ihrem Geld Unternehmen finanzieren. Kommen sie noch mit? Ich nicht. Keiner kommt da mehr mit, in dieser Zeit des sich potenzierend wachsenden Wahnsinns seit Beginn der Industrialisierung.

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Der Ausweg scheint momentan in durchregierenden Despoten zu liegen, die zunehmend die für den Gabber-Kapitalismus hinderliche Demokratie zu einem von einem ordentlichen Diktator geleiteten Feudalismus umgestalten. Wenn das der Weg ist, den viele Länder jetzt einschlagen, müssen wir uns über neu auftauchende Pandemien keine Gedanken mehr machen.

Die schlechte Nachricht ist: Es werden unruhige und anstrengend Zeiten werden. Die Gute: Wir sind zusammen.

Das war ein Witz, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Haben Sie ein gutes Wochenende.

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