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SPIELE Kapitalismus, ungeschminkt

Ein Gesellschaftsspiel nach Mafia-Regeln ist Mode in New York. Seine Gegner behaupten, es sei jugendgefährdend und diffamiere die italienische Minderheit.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Ein New Yorker Stadtverordneter findet es »ekelhaft«, »eine Gefahr für unsere Kinder« und eine »Schande für die Menschen, die in Manhattan leben«.

Zwei US-Senatoren und ein Kongreßabgeordneter sind von empörten Bürgern ersucht worden, »den Einfluß der Regierung« dagegen zu mobilisieren.

Der Vizepräsident der italienischamerikanischen Bürgerrechtsliga, Anthony Colombo, wittert dahinter »eine Konspiration gegen die Italiener« und droht mit einstweiliger Verfügung.

Die geballte Entrüstung richtet sich gegen einen Freizeitvertreib, der neuerdings in New York im Schwange ist: gegen das »Godfather Game« eine exotische Mafia-Variante jener kapitalistischen Raffgier-Spiele für Erwachsene (Monopoly« Börsenspiel, Bigboss), mit denen auch Gehaltsempfänger die Manöver und Möglichkeiten freier Unternehmer-Initiative am Wohnzimmertisch nachahmen können.

Beim »Godfather Game« -- benannt nach Mario Puzos Mafia-Bestseller »The Godfather« (deutsch: »Der Pate") -- sind Machthunger und Gewinnstreben nicht einmal mehr die allgemeinen moralischen Schranken gesetzt. Während der Grundstücks-Spekulant nach den »Monopoly«-Spielregeln durchaus mal im Gefängnis landen konnte, gilt unter den »Godfather«-Gamblern das kapitalistische Gesetz vom Recht des Stärkeren ungeschminkt.

Geliefert wird das krude Spiel, das besonders zur Familienunterhaltung anempfohlen wird, als klassisches Gangster-Accessoire: in einem schwarzen Geigenkasten mit aufgedruckter Maschinenpistole. Das Spielfeld ist in acht New Yorker Bezirke unterteilt.

»Ziel des Spiels ist es«. so heißt es in der Anleitung, in möglichst vielen Stadtteilen »ungesetzliche Erwerbszweige wie illegale Wettbüros, Wucher, Alkoholschmuggel, Raubüberfälle, Erpressung in eigener Regie zu organisieren«.

Die zwei, drei oder vier Mafiosi-Spieler würfeln und ziehen Glückskarten ("Du brichst alle Spielautomaten-Rekorde. Kassiere 400 Dollar") oder Unglückskarten ("Deine kugelsichere Weste war nur neunzigprozentig. Setze eine Runde aus"); wer am besten besticht, am härtesten vorgeht und die meisten gegnerischen Bandenmitglieder ausschaltet, der gewinnt und wird »Godfather«.

Erfinder des aggressiven Zeitvertreibs sind die Brüder David und Jody Porter, der eine Graphiker und Filmemacher, der andere ehemaliger Reporter und Freiwilliger in Bürgermeister Lindsays Wahlkampagne von 1969. Sie hatten den Mafia-Jux vorige Weihnachten, nach Lektüre des Puzo-Buches. ausgeheckt und die Rechte an eine unter dem Namen »Family Games Inc.« firmierende »Gruppe junger Leute mit wenig Geld« weiterverkauft. Seither scheffeln sie Tantiemen.

Denn das Mafia-Spiel für den Feierabend, das sich amerikanische Bürger immerhin 15 Dollar kosten lassen. hat sich längst als Spiel-Hit der Saison qualifiziert. So machen den Brüdern Porter die gegen sie erhobenen Beschuldigungen wenig aus.

»Dies ist nur ein Spiel«, sagt Jody Porter, »und wer mehr dahinter vermutet, nimmt sich selber zu wichtig, der Bürgermeister von New York eingeschlossen.«

Der Erfolg, so argumentiert Porter, gebe ihrem makabren Einfall recht, und im übrigen machten ja mit Gangster-Themen auch andere Kulturschaffende Profit: »In unserem Land gibt es nun einmal eine Faszination für das organisierte Verbrechen. Und wenn man damit Krimis und Gangsterfilme verkaufen kann, warum nicht auch Spiele?«

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