Eva Thöne

Kapitol-Eindringlinge Wie die Könige

Eva Thöne
Eine Analyse von Eva Thöne
Die Trump-Anhänger, die ins Kapitol eindrangen, lachten gelöst – als seien sie unverwundbar. Dahinter steckt ein gefährlicher Männertypus.
Mann im Büro von Nancy Pelosi: Einen Fuß locker auf dem Schreibtisch positioniert

Mann im Büro von Nancy Pelosi: Einen Fuß locker auf dem Schreibtisch positioniert

Foto: JIM LO SCALZO / EPA-EFE / Shutterstock

Der eine fläzte sich gelöst grinsend auf dem Stuhl von Nancy Pelosi, den linken Fuß locker auf ihren Schreibtisch gelegt; ein anderer trug lachend ein Sprechpult mit einem Repräsentantenhaus-Siegel; »wie auf Speed« sagte ein Kollege über seinen Gesichtsausdruck. Was muss das in diesem Moment für ein großartiges Gefühl für die Trump-Anhänger gewesen sein, die am Mittwoch in das Kapitol eingedrungen waren! Sie waren gekommen und hatten alle anderen vertrieben. Für einen Moment waren sie die Könige.

Die Welt lachte auch, aber an den Männern vorbei. Die Bilder von ihnen wurden im Netz zigfach kommentiert und geteilt; ihre Fantasieuniformen taugten als Pop-Element für intelligenten Spott, das Triumphgehabe für Witze über größenwahnsinnige Irre. Was aber auf den ersten Blick wirkt wie ein Zurechtrücken der Realität durch Humor, ist in Wahrheit doch Beleg für eine Kapitulation.

Auch nach vier Jahren rechtpopulistischer US-Regierung gibt es offenbar keine Strategie, um klug mit Donald Trump und seinen Anhängern umzugehen. Der Versuch, die Geschehnisse zu rationalisieren – egal, ob man die Männer als irre Einzeltäter versteht oder als Gefahr für die Demokratie –, setzt bestimmte Regeln voraus. Regeln, Definitionen, über die man nicht mehr sprechen muss, weil sie gesetzt sind.

Mann mit Sprecherpult: Die größte Gefahr

Mann mit Sprecherpult: Die größte Gefahr

Aber mit diesen Regeln, mit der Vorstellung rationalen Handelns kann man Trump und seine Anhänger nicht fassen. Trump handelt nicht strategisch politisch, und genauso wenig verstehen sich seine Fans als politische Opposition zur demokratischen Sphäre. Nein, sie gruppieren sich gefühlsmäßig um das Ideal eines bestimmten faschistischen Männertyps, ähnlich dem, den der Publizist und Soziologe Klaus Theweleit schon lange und immer wieder beschreibt.

Trump-Anhänger mögen Männer und Frauen sein und ihre rechtsextreme Neigung unterschiedlich stark ausgeprägt; im Zentrum ihres Denkens steht als Ideal immer ein Mann, der sich mit ideologischen Größenangeboten identifiziert, weil er sich im eigenen Leben gekränkt fühlt, fragmentiert, und diesen Zustand nach Außen in Akte der Gewalt wendet.

Die Gründe für seine Kränkung mögen strukturell und historisch aufgestaut sein (wirtschaftlicher Frust, das Gefühl, dass einem als weißer Mensch bestimmte Privilegien zustehen, von Frauen verachtet zu werden – wir kennen die Diskussionen). Sein empfundenes Leiden aber ist individuell. Aus dem Gefühl, einem männlichen Ideal entsprechen zu wollen, real aber ein armes Würstchen zu sein, entsteht eine narzisstische Kränkung und der Wunsch, es allen mal richtig zu zeigen.

Verschwörungstheorien und Rassismus sind in diesem Milieu so verbreitet, weil sie einen Ausweg bieten, die Schuld an persönlich empfundenen Missständen nicht bei sich selbst zu suchen, sondern anderen anzukitten.

Weil Kränkungen an ihm abprallen, konnte Trump trotz zahlreicher Belege seiner Inkompetenz und charakterlichen Schwäche nie etwas falsch machen. Er lebt ein Leben vor, in dem Misserfolge – zum Beispiel Wahlniederlagen  – nicht existieren, sondern Größe immer erhalten bleibt.

Trotzdem geht ein therapeutisch-überlegener Blick von Beobachtern auf die Eindringlinge im Kapitol – »Das sind ein paar Irre« – ins Leere. Über diese Misskommunikation zwischen Umwelt und faschistischem Männertyp schreibt Theweleit: »Der soldatische Mann ist eben kein klinischer Fall; so ›krank‹, so ›borderlining‹, so ›schizophren‹, so ›narzisstisch‹ oder auch ›dumm‹ er (…) erscheinen mag. Er ist vielmehr das, was er sich unter einem ›richtigen Mann‹ vorstellt. Er guckt nicht zu. (…) Er ist aktiv. Er handelt. Er richtet die Welt zu, so wie sie nach seinen Vorstellungen zugerichtet gehört.«

Deshalb galten keine demokratischen, aber auch keine moralischen Regeln im Kapitol: Die Männer nahmen Post von Pelosi und ein Stehpult einfach mit. Sie stahlen. In diesem Zustand, in dem die eigene Größe zum Rausch wird, herrscht kein Unrechtsbewusstsein. Deshalb wäre ein noch gewalttätigerer Verlauf der Situation durchaus möglich gewesen; und deshalb traten die Männer im Kapitol gleichzeitig mit der Selbstverständlichkeit von Unverwundbaren auf: In diesem Moment waren sie ganz in der Größe aufgegangen. Das gelöste Lächeln beim Wegschleppen des Rednerpults oder im Zimmer von Nancy Pelosi waren die Höhepunkte dieser Gelassenheit. Die Welt konnte ihnen nichts.

Die physische Erleichterung nach der Gewalt

In diesem Moment des Männerlachens kristallisiert sich aber auch die größte Gefahr. Theweleit hat in seinem Buch »Das Lachen der Täter« auch darüber geschrieben, warum rechte und islamistische Terroristen bei Anschlägen oft befreit und völlig entspannt lachen; im Grunde geht es um eine physische Erleichterung nach Gewaltakten, die auf lange Anspannung folgte, auf Jahre eines unangenehmen, schamvollen Gekichers einsamer Menschen, wie Theweleit es beschreibt. »Das Dauergekicher ist der Selbstausdruck jener, die nicht wissen, wohin und zu wem sie gehören. (...) Das Gelächter (...) hat die Funktion, die Leere augenblicklich zu füllen; sie anzufüllen mit Irgendetwas, das sofort spürbar und erleichternd ist.«

Theweleit beschäftigt sich in seinem Buch auch mit dem befreiten Lachen von dem Massenmörder Anders Breivik, der lächelte, während er auf Utøya Schüler erschoss. Sein Gedankengerüst ähnelt dem der Verschwörungstheoretiker und Rassisten, die ins Kapitol eindrangen, und auch er agierte zwar allein, fühlte sich aber als Teil einer Gruppe, die über dem Gesetz steht und die Regeln anderer verachtet. In seiner Hassschrift schrieb Breivik, Frauen sollten keinen höheren universitären Grad als den Bachelor erreichen, außerdem wollte er »Sexzonen« errichten. Das klingt so verrückt. Aber darüber lachen würden wir nicht.

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