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Das letzte SPIEGEL-Gespräch mit Karl Lagerfeld "Ich mach das alles nur für mich"

Karl Lagerfeld wurde bewundert und geliebt als Genie und Künstler. Hier dokumentieren wir sein letztes SPIEGEL-Gespräch von 2015.
Von Britta Sandberg, Ralf Hoppe und Stefanie Schütte
aus DER SPIEGEL 23/2015
Foto: JEROME BONNET / DER SPIEGEL

Mit nur 52 Minuten Verspätung, und das ist für ihn nicht viel, betritt Karl Lagerfeld die Räume in der Rue de Lille N° 7 in Saint-Germain, Paris. Das Haus aus dem 19. Jahrhundert hat er nach seinen Vorstellungen umbauen lassen, vorn ein Buchladen, klein und exquisit, von dort geht es durch eine Schiebetür in zwei große Besprechungsräume. Hohe Decken, klares Licht, jeweils ein großer, quadratischer Tisch. Vasen mit weißen Gladiolen. Stapel von Kunstbüchern, Fotobüchern, Gedichtbänden. Gerahmte Fotos, großformatig, lehnen an den Wänden. Hinter den beiden Konferenzräumen liegt Lagerfelds Fotostudio, so hoch wie ein Hallenbad, an den Wänden Bücherregale. Lagerfeld hat einen etwas trippelnden Gang, er redet sehr schnell, Französisch, Deutsch, Englisch durcheinander. Es ist, als wäre eine Comicfigur zum Leben erwacht – die weißen Haare, der Gehrock, die Sonnenbrille: Karl Lagerfeld, 81 Jahre alt. Er ist der wohl mächtigste Modedesigner unserer Zeit, seit über 30 Jahren entwirft er für Chanel, außerdem für Fendi und für seine eigene Lagerfeld-Linie. Nebenbei ist er Fotograf und seit einiger Zeit auch Verleger. Seine Assistenten, darunter viele junge, muskulöse Männer in T-Shirt und mit grauer Wollmütze, rücken Stühle, räumen Bücherstapel weg und stellen für ihren Chef ein Glas Diet Coke bereit. Die Pressesprecherin achtet darauf, wer rechts von Lagerfeld sitzt, links hört er nicht mehr so gut. Das Gespräch wird fast zwei Stunden dauern, während dieser Zeit nimmt Lagerfeld seine Sonnenbrille nur einmal kurz ab.


SPIEGEL: Herr Lagerfeld, dürfen wir fragen, was Sie heute tragen?

Lagerfeld: Das wollen Sie wirklich wissen? Na gut, einen Gehrock, wie man früher sagte, von Dior. Einen Schlips und ein Hemd von Hilditch & Key, das Hemd mit einem Kragen frei nach Harry Kessler, wie man ihn um 1912 trug. Dazu Halsketten von einem jungen Schmuckdesigner, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Eine Brosche aus den Dreißigerjahren von Suzanne Belperron, Wildlederjeans von Dior und passende Wildlederschuhe von Massaro. Das wär's.

SPIEGEL: Warum kleiden Sie sich immer gleich, ist das eine Art Uniform für Sie?

Lagerfeld: Sie nehmen das vielleicht nicht so wahr, aber es sieht schon immer sehr unterschiedlich aus. Die Uniform, die ist nicht das ganze Jahr über feldgrün. Und außerdem: Das gehört dazu. Herrgott, ich lebe in der Welt der Mode. Und ich habe etwas gegen schlampige Leute. Es hat auch etwas mit Disziplin zu tun, sich um das Äußere zu kümmern.

SPIEGEL: Sie könnten es aber auch wie Giorgio Armani halten und ständig Jeans mit schwarzem T-Shirt anziehen.

Lagerfeld: Ja, aber es gibt Momente im Leben, in denen das schwarze T-Shirt, womöglich auch noch ärmellos, einfach nicht mehr angebracht ist.

SPIEGEL: Seit über 60 Jahren entwerfen Sie Mode, seit 1965 für Fendi, seit 1983 für Chanel. Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet Ihrem bisherigen Werk gerade eine große Ausstellung. Rührt Sie das?

Lagerfeld: Ich habe mir das gar nicht erst angesehen. Meine Mitarbeiter wollten unbedingt, dass ich nach Bonn fahre. Aber ich wollte das nicht. Auf keinen Fall! Ich bin gegen dieses ewige Feiern. Man feiert sich gegenseitig, man feiert sich selbst. Ist okay für die anderen, mal zu sehen, was ich so gemacht habe. Aber ich will das Zeug nicht wiedersehen – ich muss mich darum kümmern, was ich morgen mache.

SPIEGEL: Hört sich an, als ob Sie ein interessantes Verhältnis zur Vergangenheit hätten. Angeblich bewahren Sie auch nichts von Ihren alten Zeichnungen und Entwürfen auf. Warum?

Lagerfeld: Alle Kollegen, die sich in ihrer Vergangenheit und in ihren Kreationen geräkelt haben wie in einem ungemachten Bett, haben danach nichts Neues mehr zustande gebracht. Ich halte das für gefährlich. Es gibt dieses jüdische Sprichwort: Keinen Kredit auf die Vergangenheit. Danach lebe ich. Ich habe immer das Gefühl: Ich bin faul. Ich könnte mehr machen. Ich könnte besser werden. Es ist, als ob ich eine Glaswand vor mir hätte, die ich noch durchbrechen muss.

SPIEGEL: Was genau treibt Sie?

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