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PERSONALIEN Karl Otto Pöhl, Hans Apel, Billy Frick, Jürgen Westphal, Hans Friderichs, Jürgen Möllemann, Klaus von Dohnanyi, Florian Havemann, Marilyn Chambers

aus DER SPIEGEL 42/1973

Karl Otto Pöhl, 43, Bonner Finanz-Staatssekretär, verwirrte einen Engländer mit seinen Kenntnissen. Während der Kanzlervisite bei Englands Premier Edward Heath am vorletzten Sonntag auf dem Landsitz Chequers hielt der Bonner Volkswirt einen halbstündigen Vortrag über die internationale Wahrungssituation. Dem Verteidigungsminister. Lord Carrington, halfen Pöhls Auslassungen offenbar nicht weiter. Seine Reaktion: »Ich habe kein Wort verstanden -- aber es war großartig.«

Hans Apel, 41, Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt. entdeckte ein ungewöhnliches Datum. Auf einem Kalender, den der von der Kulturabteilung des AA betreute »Freundeskreis deutscher Auslandsschulen« herausgibt« fand Apel den 31. September vermerkt, Vermutete der Sozialdemokrat, der den zuständigen AA-Kollegen Paul Frank auf den Fehler aufmerksam machte ("Nachforschungen haben ergeben, daß ein solcher Tag nicht existiert"). Links- oder Rechtsradikale wollten »einen zusätzlichen Arbeitstag einführen« -- »um dadurch die psychologische Grundlage für die Weltrevolution zu schaffen« oder »um die Ausbeutung der Arbeitnehmer noch weiter zu treiben«.

Billy Frick, 62, US-Entertainer und »bester Hitler-Darsteller der Welt« (Frick über Frick), wurde während eines Auftritts in Führer-Montur auf der mit Hitler-Büchern reichlich bestückten Frankfurter Buchmesse attackiert. Als er vergangenen Donnerstag -- für 1000 Mark Gage -- mit den Redakteuren des Frankfurter Satire-Magazins »Pardon« vor dem Messegelände vorfuhr, »um die laufende Hitler-Nostalgie zu persiflieren und die Publikumsreaktionen zu testen« (so der geschäftsführende »Pardon«- Redakteur Hagen Rudolph). wurde er aus dem offenen Cabriolet heraus von drei Funkstreifen-Beamten festgenommen und zur Vernehmung ins Polizeipräsidium gebracht (Photo). Nach zwei Stunden wieder entlassen, besuchte Frick mit kostümiertem Redaktions-Gefolge (in SS-Uniformen und ledernen Gestapo-Mänteln) die Stände mehrerer Verlage mit Hitler-Exponaten. Dabei wurde er, obwohl von zwei bewaffneten Leibwächtern der »Frankfurter Wach- und Sicherheits-Dienst Greif GmbH« flankiert, aus einem Seitengang mit einer Portion Senf attackiert. die ihm ein Mitarbeiter des Verlages »Ästhetik und Kommunikation« auf Anzug und Gesicht placierte. Frick hinterher: »Ich hatte mit mehr Protest gerechnet, die meisten Leute haben gelacht und applaudiert.«

Jürgen Westphal, 45, (CDU-)Ministet für Wirtschaft und Verkehr in Kiel, empfahl Verbrauchern orientalische Methoden. Der Minister wunderte sich, daß es »in der Bundesrepublik immer noch etwas verpönt« sei, »mit dem Verkäufer über den Preis einer Ware zu handeln« und so »mit dem Anbieter zu ringen. Er selbst habe sich »im Orient« auf solche Weise »am Teppichhandel. wo ich konnte«, beteiligt.

Hans Friderichs, 41, Bonner Wirtschaftsminister« geriet in Verlegenheit -- durch einen Untergebenen. Während der jüngsten Persien-Visite des Ministers badete die Bonner Delegation im Persischen Golf; dabei gelang es Energie-Unterabteilungsleiter Ulf Lantzke, ein Stück Koralle aus einem Riff zu brechen. Von der Lantzke-Tat äußerst angetan, feuerte die Ministersgattin Erika Friderichs ihren Mann an: »Hennes, tauch mir auch was,« Friderichs delegierte den Auftrag an einen Mitarbeiter.

Jürgen Möllemann, 28. katholisches FDP-MdB, legte sich mit Glaubensbrüdern im Bistum Münster an. Der Abgeordnete bekam nach einer Pro-Abtreibungs-Propaganda rund 3000 Zuschriften -- vorwiegend ablehnende von katholischen Verbänden und Lesern der Münsteraner Bistumszeitung »Kirche und Leben«. Günther Mees, Schriftleiter des Kirchenblatts, bestreitet indes eine gezielte Anti-Möllemann-Kampagne seiner Leser. Befand der Abgeordnete: »Dann lesen wohl nicht einmal die katholischen Funktionäre die Bistumszeitung.«

Klaus von Dohnanyi, 45, Bundesbildungsminister, der von seinen gemieteten Büroräumen am Bonner Tulpenfeld in einen Ministeriumsneubau umziehen wird, monierte in einem Brief an seinen Kollegen vom Bau-Ministerium, Hans-Jochen Vogel, die aufwendige Bauweise. Dohnanyi an den »lieben Kollegen": »Meine Zweifel ... (sind) gewachsen, ob es sinnvoll ist, daß in unseren Breitengraden voll -klimatisierte Bürogebäude erstellt werden, die ... uns ... von der technischen Infrastruktur der Energieversorgung gefährlich abhängig machen.« Der Sozialdemokrat: »Wenn da mal der Strom ausfällt, muß ich meine Leute nach drei Stunden nach Hause schicken.«

Florian Havemann, 21, (1971 aus der DDR geflohener) Sohn des Ost-Berliner Chemie- Professors Robert Havemann, geriet in den Verdacht, Baader-Meinhof-Sympathisant zu sein, weil er das Auto eines BM-Verteidigers benutzt hatte. Der Student (in West-Berlin) war -- im Wagen des Hamburger Rechtsanwalts Kurt Groenewold -- von Gisela Groenewold, der Ex-Ehefrau des Juristen, zum DDR-Grenzübergang bei Lauenburg chauffiert worden, von wo aus er nach West-Berlin trampen wollte. Am Kontrollpunkt wurde Havemann jr. indes von Bundesgrenzschutz und Kripo »stundenlang eingesperrt« (Groenewold) und verhört. Der Anwalt, der darin »Einschüchterungsversuche der Staatsorgane gegen Verteidiger von politischen Gefangenen« sieht, erstattete gegen die Beamten Strafanzeige -- »wegen Freiheitsberaubung«.

Marilyn Chambers, 21, US-»Porno-Königin« ("Newsweek"), lockte 300 -- überwiegend weibliche -- Studenten mit einer Gast-Vorlesung an New Yorks »Neuer Schule für Sozialwissenschaft« an. Zur Eröffnung eines sechsteiligen Kurses über »Nackte Pornographie, entblößte Erotik« (Kurs-Gebühr: 18 Dollar) erteilte die Sex-Darstellerin -- die es in ihren Filmen wie »Hinter der grünen Tür« unter anderem bei einem Trapez-Akt mit vier Männern gleichzeitig treibt -- Aufklärung. Nach dem erfolgreichen Debüt der Sex-Dozentin will Kurs-Leiter Michael Luckman unter anderen die barbusige Cellistin Charlotte Moorman auftreten lassen, um »den Leuten die große Vielfalt legitimer erotischer Praktiken zu zeigen«.

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