Zur Ausgabe
Artikel 60 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KARL RAHNER

aus DER SPIEGEL 39/1968

gilt als der bedeutendste katholische Theologe der Gegenwart. Seine Forderung an die Kirche, »im Mut zum Neuen und Unerprobten bis zur äußersten Grenze zu gehen«, hat der 64jährige Jesuit selber stets verwirklicht.

Rahners Werk umfaßt neben acht Bänden seiner »Schriften zur Theologie« weitere 24 Bücher und mehr als 900 Aufsätze. Ober 370 000 Rohner-Taschenbücher kamen bislang auf den Markt. Volkstümliche Predigten des Münsteraner Dogmatikers werden auf Bütten und auf Schallplatten verbreitet.

Der gebürtige Schwarzwälder gibt überdies das zwölfbändige »Lexikon für Theologie und Kirche« heraus, an dem 1900 Autoren mitgearbeitet haben, ferner ein fünfbändiges »Handbuch der Pastoraltheologie« und ein Lexikon »Sacramentum mundi«.

Zu den Lesern, die Rahner lobten, zählen die Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. ebenso wie Linkskatholiken. Vor vier Jahren zu seinem 60. Geburtstag wurde er geehrt wie kaum ein anderer geistlicher Gelehrter vor ihm: 15 Kardinäle, 24 Erzbischöfe, 145 Bischöfe und 414 Professoren aller Disziplinen trugen sich in eine Gratulationstafel ein. Zur Heerschar der Rahner-Freunde zählt der Philosoph Martin Heidegger (dessen Schüler Rahner ist) ebenso wie Heinrich Böll und der evangelische SPD-Jurist Gustav Heinemann.

Gastvorlesungen und Vortragsreisen führten den Professor, dessen Werke in zehn Sprachen erscheinen, durch ganz Europa und in die USA. Säle und Hallen sind stets überfüllt, gleichgültig, ob Rahner auf Katholikentagen, in Kleinstädten oder auf Kongressen spricht. Er sucht das Gespräch mit Naturwissenschaftlern ebenso wie mit linken Atheisten, die er auf Tagungen seine »marxistischen Freunde« nennt.

Rahners Professorengehalt und Honorare fließen in die Ordenskasse. Der Gelehrte lebt so besitzlos und bescheiden wie weitaus die meisten anderen Jesuiten. 15 Jahre lang hielt er als Professor in Innsbruck sein karg möbliertes Zimmer selber sauber.

Jesuit ist Rahner bereits drei Wochen noch dem Abitur geworden. Früh stieß er auf Widerstand. In der Wissenschaft: Seinem Doktorvater war seine philosophische Doktorarbeit zu modern. Im Staate: Der Dozent Rohner mußte 1939 Tirol verlassen und Seelsorger in Wien werden, weil die Nazis das Jesuitenkolleg in Innsbruck schlossen. In der Kirche: 1943 widersetzte sich Rahner dem Freiburger Erzbischof Gröber, der Verbote moderner Theologen-Thesen gefordert hatte.

Der Gelehrte wurde jahrelang bekämpft und von den Glaubenshütern des Heiligen Offiziums in Rom so scharf überwacht wie wenige andere Theologen. Noch kurz vor dem Konzil sammelten 250 Professoren Unterschriften, um Rahner vor einer Intervention zu schützen. Schreibverbote und eine Vorzensur der Ordenszentrale wurden zeitweilig verhängt, eine Arbeit Rahners über das 1950 verkündete Mariendogma durfte nicht veröffentlicht werden.

Das Zweite Vatikanische Konzil 1962/65 hat zahlreiche Gedanken aufgegriffen und verwirklicht, die Rohner entwickelt hat. Dazu gehören vor allem das Recht der Bischöfe, gemeinsam mit dem Papst die Kirche zu leiten, und die Zulassung von verheirateten Diakonen (Geistlichen minderen Ranges).

Von der Entstehung des Menschen bis zur »Theologie des Todes« gibt es fast kein für Theologen gewichtiges Thema, über das Rahner nicht eine gründliche Arbeit geschrieben hat. Und es gibt seit langem kaum einen Fortschritt in der katholischen Kirche, den nicht der Jesuit geistig mit vorbereitet und begründet hat. Oft dünkt es Leser und Zuhörer, daß er die Grenze des Erlaubten überschreitet. Er belehrt sie darüber, daß einst Jesus »nicht alles gewußt hat« und daß heute die Kirche »nicht für alles zuständig« ist. Er nennt die heutige Welt ein »Heidenland mit christlicher Vergangenheit und christlichen Restbeständen« und mahnt die Kirche, sie müsse »oft noch erst lernen, Freiheit zu gewähren, demütig und bescheiden mit ihrer gesellschaftlichen Macht umzugehen«. Mag Rahner in seiner Kritik an der Kirche weiter gehen als mancher ihrer Gegner, so ist doch seine breite Wirkung nur aus seiner Treue zur Kirche zu erklären. Rahner -- so schrieb sein Münsteraner Freund und Kollege Johann Baptist Metz -- »geht nur so weit »nach vorn«, als die große Tradition der Kirche und der Theo. lagie sich selbst mitnehmen läßt, oft nur mühsam und protestierend mitnehmen läßt«.

Sosehr Rahner den Dialog mit Andersdenkenden sucht und sich bemüht, sie zu verstehen, sowenig scheut er sich, unpopulär zu sein. Fast als einziger Theologe von Rang verteidigte er im vergangenen Jahr eine Enzyklika, in der Paul VI. die Verpflichtung der Priester zum Zölibat bekräftigt hat, und verwahrte sich gegen »das heute im Klerus -- unverhohlen oder im geheimen -- um sich greifende Verlangen nach der Ehe«. Gegen die Zölibats-Enzyklika gab es nur Proteste von Priestern. Als aber Paul VI. Ende Juli 1968 eine Enzyklika über die Geburtenregelung veröffentlichte, löste er im Klerus wie im Kirchenvolk einen Proteststurm aus wie noch kein anderer Papst in diesem Jahrhundert.

Denn Paul VI. hat allen katholischen Eheleuten die Pille und andere Mittel der Empfängnisverhütung verboten und ihnen zur Geburtenregelung nur die zeitweilige Enthaltsamkeit erlaubt.

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel