Samira El Ouassil

Karneval in Zeiten von rechtem Terror Keine Heilung durch Helau

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Nach Hanau entfremdete der Karneval Herkunftsdeutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund noch mehr als in anderen Jahren. Gut, dass er vorbei ist.
Umzugswagen in Düsseldorf an Rosenmontag

Umzugswagen in Düsseldorf an Rosenmontag

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Federico Gambarini/ dpa

Deutscher Karneval. Ich weiß: die kollektive, mit Fingerfarben aus dem dm erzeugte Spaßgesellschaftlichkeit ist hier sowas wie Nationalheiligtum. Mehr lokalpatriotische Gesichtsbeschminkung gibt es vermutlich nur beim Fußball.

Als oktoberfesterprobte Münchnerin verstehe ich das: eine Gesellschaft, die nicht gerade für ihre Affektzurschaustellung bekannt ist, will den rauschhaften Exzess, wenigstens einmal pro Jahr ordnungsgemäßes Randalieren. Es geht um Sehnsucht nach Gemeinschaftlichkeit, Geselligkeit, Genitalien.

Aber, wie man auch jedes Jahr zur fünften Jahreszeit sieht: es ist eine auffällig weiße Gemeinschaftlichkeit. Natürlich bemüht man sich um Kosmopolitismus, Diversität und Inklusion, überall in Köln sieht man die "Kein Platz für Rassismus!”-Plakate. Dennoch bleibt Karneval, anders als zum Beispiel und ironischerweise das Oktoberfest, eine homogene, ja, recht deutsche Veranstaltung - und dass sie trotz des Attentats in Hanau stattfand, bestärkt diese Außenwirkung.

"Es sind immer schwierige Momente, wenn wir unsere Weltoffenheit, unsere Toleranz und unsere Lebensfreude an Tagen erleben, die überschattet sind, wie jetzt durch diese scheußlichen Vorfälle in Hanau. Aber das gehört zum Karneval dazu, dass er auch in schwierigen Zeiten Lebensfreude ausstrahlt", sagte Kölns Bürgermeisterin Henriette Reker dem WDR.

In diesen sogenannten "schwierigen” Zeiten trotzdem "Lebensfreude” zu erleben, ist ein Luxus, den sich Menschen mit Migrationshintergrund gerade nicht leisten können. Das noch akute Trauma lässt sich nicht wegtuschen. Und ja, es gab Schweigeminuten, in denen man der Ermordeten gedachte, es gab scharf kommentierende Umzugswagen, es gab klare Büttenreden.

Aber mithilfe kostümierten Wegfeierns eine trötige Alltäglichkeit wieder herstellen zu wollen, ist einerseits falsch verstandene Widerständigkeit gegen Rechtextremismus, andererseits Demonstration mangelnden Verständnisses darüber, welches Fanal der Anschlag in Hanau darstellt.

Dieses Jahr entfremdete der deutsche Karneval Herkunftsdeutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund noch mehr, als er es sowieso schon immer tat, weil diese sich nun nicht nur vom Staat allein gelassen fühlen, sondern auch von der Mehrheitsgesellschaft.

Dabei ist die romantische Idee, die dem Karneval innewohnt, eigentlich eine gesellschaftskittende: Der russische Philosoph Michail Michailowitsch Bachtin dachte Karneval als eine subversive Party, die Machtverhältnisse aufbricht und durch gemeinsames Lachen alle Menschen auf Augenhöhe bringt. Status- und Herkunftsunterschiede werden durch Masken und Verkleidungen weggewischt, es ist eine kurze Zeit, in der die Mächtigen lächerlich gemacht und Herrschaftsstrukturen gefahrlos infrage gestellt werden können.

In Deutschland ist von dieser kollektiven Vermischung wenig zu sehen, man flüchtet sich eher in die behauptete, vielleicht auch erhoffte sozialintegrative Kraft des Karnevals - weil man sich auch nicht nehmen lassen möchte, einmal pro Jahr gesellschaftlich genehmigt antisozial sein zu dürfen.

Denn Karneval war und ist immer auch ein gesellschaftspolitischer Inkubator der Ressentiments, weil an den Faschingstagen die Unaufgeklärtesten den Ist-doch-nur-Spaß-Freifahrtsschein zücken.

Das Lachen im Karneval ist stellenweise das der Mehrheitsgesellschaft über sozial Schwächere, Minderheiten, Marginalisierte und verfestigt repressive Strukturen, die es eigentlich aufbrechen soll. "Putzfrau Gretel" und ihre Gendergags, helau.

In Deutschland zeigt sich das nicht in der expliziten Krassheit wie in Belgien, wo Juden mit Hakennasen und Geldsäcken inszeniert oder als lebensgroßes Ungeziefer durch die Straßen gejagt werden. Oder aber wie in Kroatien, wo Sturmtruppen-Jecken im Fernsehen singen und sich küssende Männerfiguren öffentlich verbrannt werden ; oder in Spanien, Feiernde in Nazi- und KZ-Gefangenen-Kostümen eine Holocaust-Parade abhalten , mit einem Wagen in Form eines Verbrennungsofens.

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Im deutschen Karneval alaafen einem die Ressentiments aber anders ins Gesicht: Blackfacing, postkoloniale Exotismus-Klischees , ethnische Stereotype. Bei einem Faschingsumzug in Sachsen sind Männer mit dem Logo der rechtsextremen Identitären Bewegung mitgelaufen . Ein Erfurter Karnevalsverein sah kein Problem darin, eine als "SchwarzRotGold Gemeinschaftsparty" bezeichnete Abendveranstaltung um 19:33 Uhr beginnen zu lassen . Der Vereinschef erklärte: "Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man sich darüber aufregen kann. Wir laufen ja nicht mit dem Hakenkreuz rum."

Karneval sollte in der besten aller Welten antihierarchischer Punk sein, aber deutscher Karneval ist wie ein kollektiv inszenierter Til Schweiger-Film: Er ist die Behauptung von kulturell wertvollem Klamauk, weil er ja so tolle Besucherzahlen hat.

Ich habe auch nichts gegen Jecken - meine besten Freunde sind welche. Doch die karnevaleske Narrenfreiheit erlaubt unter dem Deckmantel der Kostüme programmatisch diskriminierende Momente, die als saisonaler Humor verkauft werden. Man-wird-doch-mal-Witze frisch aus der Region.

Und direkt nach Hanau befremdet und entfremdet das alles noch viel, viel mehr.

Ein solidarischer Lichtblick waren einerseits die politischen Mottowagen von Jaques Tilly, die durch ihre Explizitheit versuchten, den Schock zu heilen, andererseits die Büttenrede von Andreas Schmitt, dem "Obermessdiener am Hohen Dom zu Mainz". Diese war sehr richtig und aufrichtig und laut und ein wichtiges Signal - und es wäre auch ein Problem gewesen, hätte es so eine Ansprache unmittelbar nach Hanau nicht gegeben. Es musste damit umgegangen werden, dass die Gegenwart in den karnevalesken Eskapismus eingebrochen war.

Doch der beherzte Antifaschismus des Büttenredners wurde dann leider auch gleich wieder im nächsten Satz von ihm selbst konterkariert, als er direkt nach den Standing Ovations alle Engländer als "Insel-Affen" bezeichnete. Mainz bleibt Mainz, wie es singt und verlacht.

Die stattgefundene Party unserer Mehrheitsgesellschaft zeigt, dass der Kampf gegen Rechts immer noch nicht die Gesamtgesellschaftlichkeit und Dringlichkeit erreicht hat, die es eben bräuchte, um Deutschland strukturell vor rechter Radikalisierung zu schützen.

Islamisten ärgert es, wenn Franzosen direkt nach Anschlägen trotzig auf Konzerte gehen, das stimmt – aber ich glaube, in Deutschland hätte es die Rechtsextremisten viel mehr geschwächt, wenn ein ganzes Land kollektiv aus Solidarität mit den von Rechtsextremismus Bedrohten das Feiern verweigert hätte.

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