Zur Ausgabe
Artikel 57 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Karriere auf schiefer Ebene

aus DER SPIEGEL 51/1990

Die Philosophin Elke Schmitter, 29, lebt in Berlin. Sie hat den Lyrikband »Windschatten im Konjunktiv« veröffentlicht.

Ihr Vater starb an Eigensinn. Woran sie letztendlich starb, worin ihr Selbstmord wirklich begründet war, darüber wird seit nun schon fast 30 Jahren gestritten. Zwei neue Biographien nehmen den Gesprächsfaden wieder auf, der von literaturwissenschaftlichen Seminaren in Berkeley und Indiana nach Europa gesponnen wurde und von den heiligen Hallen Cambridges aus, sich verwirrend, als ein Knoten aus Vermutungen schließlich in den feministischen Dis- und Strickkursen Deutschlands landete*.

In den siebziger Jahren wußte jede Akademikerin im lila Pullover, warum eine gutaussehende, erfolgreiche, vielseitig begabte 30jährige Lyrikerin an einem frühen, kalten Londoner Morgen 1963 die Gashähne aufdrehte und den Kopf in den Backofen steckte: Ihr Mann hatte sie verlassen, sie saß allein im Elend mit zwei Kindern, und dann weiß man ja, wie so etwas geht.

Leider weiß man nichts. Die Biographiensüchtigen unserer Epoche, die sich aus dem beschädigten Leben davonstehlen, um zwischen zwei Buchdeckeln ein ganzes zu suchen, haben mit Sylvia Plath eine weibliche Droge erster Klasse gefunden: Es sind noch genug Fotos vorhanden, um den Weg vom hoch aufgeschossenen Backfisch zur vollerblühten Frau dem Publikum vorzuführen.

Es gibt noch genug Korrespondenzen, Zeichnungen, Selbstzeugnisse und Erinnerungen von Zeitgenossen, um den Teig immer neu anzurühren; und es gibt in diesem Leben Dramatik genug, um jede nachwachsende Frauen-erforschenihre-Geschichte-Generation _(* Anne Stevenson: »Sylvia Plath«. Aus ) _(dem Amerikanischen von Manfred Ohl und ) _(Hans Sartorius. Übertragung der Gedichte ) _(von Friederike Roth. Frankfurter ) _(Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 656 ) _(Seiten; 56 Mark. - Linda Wagner-Martin: ) _("Sylvia Plath«. Aus dem Amerikanischen ) _(von Sabine Techel. Insel-Verlag, ) _(Frankfurt am Main; 356 Seiten; 39,80 ) _(Mark. ) aufs neue zu beglücken.

Die beiden letzten größeren Arbeiten über Plath erschienen 1987 und 1989 in den USA und wurden in umgekehrter Folge ins Deutsche übertragen: Die umfangreiche Biographie der Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin Anne Stevenson wurde nahezu zeitgleich von der Frankfurter Verlagsanstalt herausgebracht - sorgfältig übersetzt und ebenso lektoriert. Das wesentlich kürzere Buch der Englischprofessorin Linda Wagner-Martin erschien bei Insel mit dreijähriger Verspätung - unbeholfen übertragen und nachlässig bearbeitet.

In ihren Schwächen und Stärken sind sich beide Bücher eigentümlich ähnlich. Sie geben Charakterisierungen und Interpretationen mit einer ums Klischee unbekümmerten Frische und verknüpfen eigene Überlegungen elegant mit Faktenhuberei. Großzügiger verfährt hier - schon aus Platznot - Wagner-Martin, doch auch sie erspart uns nicht die Zimmeraufteilung der Häuser, in denen die Plath gewohnt hat. Beiden Biographien ist eigen, daß die Überlegungen der Autorinnen dann am überzeugendsten sind, wenn sie beiläufig auftreten - als würde ihr Geist am besten arbeiten, wenn nicht große Wahrheiten, sondern kleine Einsichten gefordert sind. Der große Wurf ist es bei beiden nicht.

Daß es der große Wurf nicht sein kann, liegt an der Logik des Goldenen Blatts, die sich auf eine literaturwissenschaftliche Arbeit nur bedingt übertragen läßt. Beide Studien legen Wert auf die legitime Feststellung, daß es ihnen um Plath »als Autorin« gegangen sei, um dann mit unterschiedlicher Sensibilität (hier ist Stevenson ihrer Konkurrentin weit überlegen) die dunklen Metaphern des Spätwerkes zu erhellen. Was aber ist dran am Leben von Sylvia Plath? Warum bildet sie die Matrize für weibliche Selbsterforschung der akademischen Art?

Sylvia Plath war Nachfahr deutschsprachiger Einwanderer; in ihrer Elternfamilie mischen sich Motive kleinbürgerlichen Ehrgeizes akademischer Stoßrichtung mit der pragmatischen Tapferkeit der Methodisten. Ihr Vater Otto, 21 Jahre älter als die Mutter Aurelia, ist ein Patriarch, wie er im Buche steht: ein geachteter Biologe, Linguist, Professor und »der Herr im Haus«; ihre Mutter, ebenso bildungsbeflissen wie aufopferungsbereit, begreift nach der Hochzeit sehr schnell, daß allein »mehr Unterwürfigkeit, als meiner Natur entsprach«, den bescheidenen Hausfrieden sichern würde.

Die Erstgeborene Sylvia wird geliebt, gefördert, in den Schlaf gesungen und reagiert mit heftiger Eifersucht, als sie mit zweieinhalb Jahren ein Brüderchen bekommt: Warren, wie seine Schwester und seine Mutter häufig kränkelnd - die Idylle ist und bleibt angestrengt. Der Vater residiert im Hintergrund als dunkle, drohende Macht, mit zunehmenden Krankheitsbeschwerden wird auch seine »double-bind-message« deutlicher: Ich liebe euch, wenn ihr so seid, wie ich es mir vorstelle - aber seid so bitte anderswo, denn ich habe zu arbeiten.

Die kleinen Fortschrittsparaden, die seine begabten Kinder allabendlich vor ihm vollführen, werden immer kürzer, bis Otto schließlich stirbt. Der Vater läßt seine Familie unversorgt zurück, so daß von nun an die Mutter mit Arbeiten, die weit unter ihren Fähigkeiten liegen, die Familie über Wasser halten muß. Für Sylvia bedeutet der frühe Tod ihres Vaters den für den mittellosen Mittelstand endlosen Hürdenlauf durch den Stipendien-Parcours.

Als sie beim renommierten Smith College aufgenommen wird, stürzt sie sich rückhaltlos in den Trubel von Kursen, Wettbewerben, Partys und Verabredungen. Der Teenager berichtet nahezu täglich nach Hause. Die Spaltung in jene Rolle, die sie der Mutter präsentiert - die tapfere, enthusiastische, durch und durch »positive« Studentin -, und jene, die sie sich selber eingesteht - die kleinliche, verängstigte, nach Zärtlichkeit hungernde Egozentrikerin -, wird sie nie mehr überwinden.

Sie schreibt ihrer Mutter, wie viele Chancen sie hat und nutzt, wie aufregend ihr Leben ist, wie erfolgreich sie selber und wie sie das alles genießt. Ihre Briefe haben von Anfang an einen atemlos hysterischen Ton, als müßte sie nicht nur ihre Mutter, sondern auch sich selber davon überzeugen, daß sie dieses Leben wirklich lebt.

Ihrem Tagebuch vertraut sie die Abgründe ihrer Selbstzweifel an, die Neidgefühle, die ihre »Eingeweide zerfressen«, und die Anstrengung, die es sie täglich aufs neue kostet, »everybody''s darling« zu sein. Ihre Ansprüche an sich sind flächendeckend und unerbittlich: Sie ist »das Mädchen, das Gott sein wollte«. Sie beschwichtigt ihr rigides Über-Ich mit immer neuen kleinen Erfolgen, aber sie vermag sich keinen Flucht- oder Ruhepunkt zu schaffen: Sie muß in allem die Beste sein. Sie will kochen, tanzen, flirten, zeichnen, denken und vor allem schreiben können, und sie ist unfähig, etwas einfach nur zu tun, weil es ihr Spaß macht, sie ist die Tüchtigkeit in Person.

Zutiefst ist sie verstrickt in ihren Kampf mit sich selber und beklagt verwundert die Leere, die sie um sich verspürt. Sie schiebt die Menschen ihrer Umgebung nach ihren Bedürfnissen hin und her, fertigt Checklisten des idealen Liebhabers an und prüft die Kandidaten daran. Sie weiß, daß sie eigentlich einen »romantischen, nichtexistierenden« Helden sucht, aber bei der Wahl zwischen Programm und Wirklichkeit opfert sie letztere ohne ein Wimperzucken. Der Zusammenhang zwischen der Strenge ihrer Träume und der Grausamkeit der Depressionen, die sie befallen, geht ihr nicht auf. Sie ist der Brühwürfel Amerika, und sie ist nicht bereit, sich selber und die Welt zu nehmen, wie sie ist: unvollkommen.

Als sie unter ihren Depressionen zusammenbricht - die bezeichnenderweise an einem Punkt äußeren Stillstandes, in den Semesterferien, kulminieren -, wird sie mit Elektroschocks »therapiert«. Eine psychologische Betreuung begleitet die Barbarei nicht, und so versucht sie, 20jährig, ihren ersten Tod. Es folgt ein Klinikaufenthalt, und dann geht alles weiter wie zuvor.

Sie nimmt den Kampf dort wieder auf, wo sie ihn aufgegeben hat. Das eigentlich Erschütternde ihres Lebens liegt wohl in dieser Starrheit, in der Unbedingtheit, mit der sie auf derselben schiefen Ebene, um sich schlagend, weiterrutscht. Erneut treffen glückliche Briefe zu Hause ein, für sich schreibt sie weiter an der geheimen Litanei der Ohnmacht und des Zorns. Ihr Unglück beutet sie aus für ihre Texte, die, ordentlich getippt, in einer ständigen Rundreise von Redaktion zu Verlag, von Wettbewerb zu Seminar wandern - kuriose, aber erfolgreiche Produkte ihrer Anstrengung, authentisch Empfundenes und literarisch Gewolltes zu verknüpfen, artistische und zugleich folgsame Gebilde einer »writing seminar«-Ideologie.

Als die 22jährige sich aufmacht nach Cambridge, zur letzten Station ihrer akademischen Karriere, hinterläßt sie eine Reihe komplizierter Liebesbeziehungen sowie eine sorgenvolle Aurelia, an die sie weiterhin dramatisch gebunden bleibt. Sie reist voller Hoffnung, aber mit schwerem Gepäck: Dem Geist der fünfziger Jahre verpflichtet, will sie in Europa nicht nur Karriere als Dichterin machen, sondern auch den Mann fürs Leben finden. Und das klappt schneller als erwartet. Zielstrebig sorgt sie dafür, den jungen, in Cambridge bereits berühmten Dichter Ted Hughes kennenzulernen, und das Programm ihrer Träume wird Wirklichkeit: Liebe, Heirat und Arbeitsbündnis.

Scheinbar gewinnt sie an Selbstvertrauen, gibt die Sicherheit des jungen Hughes auch ihr das Gefühl, unterwegs zur eigenen Sprache zu sein. Aber mit ebenderselben unheimlichen Schnelligkeit, da ihr wieder einmal Flügel wachsen, verfällt sie auch in die Rolle der Managerin und des Hausmütterchens. Nun schickt sie seine Texte, sorgfältig getippt, auf die Reise von Journal zu Journal, von Ausschreibung zu Wettbewerb. Sie wagt mit Ted Hughes zusammen den Sprung in die freie Existenz, wirft ihre bürgerlichen Ängste über Bord (und hat schlaflose Nächte deshalb).

Was sie an äußerer Freiheit gewinnt, verliert sie in der Beziehung. Freunde beschreiben sie als »schwierig«, betonen ihre Besitzansprüche Ted gegenüber, ihr Kontrollbedürfnis, die permanente Anstrengung, ihre »B-Film-Glückseligkeit« (Dido Merwin) aufrechtzuerhalten. Zwei Kinder kommen, und die Familie zieht aufs Land - in jenes Haus in der Grafschaft Devon, in dem Sylvia Plath die Stimme findet, für die sie berühmt werden wird.

Sie findet eine Stimme für ihre Ängste, aber überwinden kann sie sie nicht. Trotz wiederholter therapeutischer Versuche, trotz der Sollerfüllung in allen Punkten - als Mutter, Ehefrau, Geliebte, Tochter, Dichterin - bleibt sie ihrem »Dämon« ausgeliefert, von dem sie schreibt, »ich gebe ihm nicht meinen Namen«. Als Ted Hughes eine Beziehung mit einer anderen Frau beginnt, trennt sie sich von ihm und zieht mit den beiden Kindern nach London zurück, wo sie schließlich zusammenbricht. Sie hat ihren Traum gelebt, hektisch, unsicher und voller Beweislast; die »Illusion Liebe«, von der die 20jährige schrieb, »ich würde ihr willig zum Opfer fallen, wenn ich an sie glauben könnte«, ist zerstört. Die 30jährige setzt zum zweiten Mal ihr Leben aufs Spiel, diesmal verliert sie es.

Natürlich scheiden sich am Rätsel ihres Selbstmordes die Geister. Anne Stevenson, deren Biographie übrigens von der Familie unterstützt und gleichsam beglaubigt wurde, legt das Gewicht auf die psychischen Dramen der Plath und die Vermutung nahe, sie sei Opfer einer Erkrankung gewesen - einmal fällt das Wort »Psychose«. Getreu ihrem als feministisch titulierten Ansatz betont Wagner-Martin stärker die ideologisch bedingten Probleme - die banale, gleichwohl elementare Schwierigkeit für eine junge Frau in den sechziger Jahren, als Dichterin und Intellektuelle anerkannt zu sein, ohne als Blaustrumpf abgestempelt zu werden - oder auch Frau eines großen Dichters zu sein, ohne in seinem langen Schatten zu verschwinden.

Beide Biographien sind auf ihre Art im Recht - und wären doch nur wesentlich, wenn sie ihre eigene Antriebskraft diskutieren würden. Im Lebenslauf von Plath ist angelegt, was nicht nur die sechziger Jahre schwierig machte. Die grundneurotische heilige Kleinfamilie, die Dogmen von Effizienz, Tüchtigkeit und kompakter Lebensführung, die Ideologie der allseits entwickelten Persönlichkeit unter Ausschluß aller Anstößigkeiten sind Hürden genug auf dem Weg zum Fetisch Identitätsbildung, für Frauen wie Plath vervielfachen sich die Schwierigkeiten ganz »von selbst«.

Sie schwankte vor den Rollenangeboten ihres Lebens wie vor den Regalen im Supermarkt - unschlüssig, zu welchem Produkt sie greifen sollte. »I am myself«, schrieb sie, »that''s not enough.« Sie war unzufrieden mit allem und wehrloser, als wir es heute sind: Die Simulationstheorie war noch nicht in aller Munde, das eigene Leben noch Kunsthandwerk. Stevensons Biographie weckt beim Leser die Überlegung, Plath wäre auf Erden zu helfen gewesen - mit einer guten Analytikerin beispielsweise. Wagner-Martin deutet außerhalb von Plaths Persönlichkeit allfällige Probleme an, ohne sie wirklich zu beschreiben.

Ein klassischer Streitpunkt der Plath-Gemeinde liegt natürlich in der Einschätzung ihrer Ehe mit dem Naturdichter Ted Hughes, nach dessen Themenlisten Plath jahrelang ihre Lyrik schrieb: Hat er sie bewußt und/oder unbewußt gehemmt, unterdrückt, auf ein atavistisches Rollenklischee festgelegt? Hat er sie verlassen dürfen, hätte er die Kinder nehmen sollen, etc.? Eine wesentliche Differenz der beiden wird jedoch niemals in Betracht gezogen: die Höhe und Solidität des Sockels, auf dem sie sich befanden.

Plath kam nicht nur aus einem speziell ehrgeizigen Milieu, sondern auch aus einer Gesellschaft, die für Genialisches wenig übrig hat. Die Beweislast des Genies liegt bei ihm selber, und der erste wie letzte Beweis ist pekuniär: Dagobert Ducks millionster Taler ist so viel wert wie Mr. Warhols erster Buck, beide haben zu Geld gemacht, was in ihnen steckt. Die Idee, es könnte ein Potential geben, das wertvoll, aber nichts wert ist, ist dieser Gesellschaft wesensfremd. Wo man sich mit Nennung des Jahresgehaltes vorstellt, ist auch die Wesensmetaphysik erledigt, und Plath war in dieser Hinsicht ein Abziehbild der großen Vorlage. Auch ihr lag der Gedanke fern, das unerkannte Genie zu spielen, und sie blieb kindlich abhängig von Lob wie Preis bis an ihr frühes Lebensende.

Mit Ted Hughes traf sie auf einen Europäer, ein Wesen aus einer anderen Welt: unbekümmert um das Urteil seiner Umgebung, emsiger Betriebsamkeit mit Lässigkeit abhold, ganz und gar frei von der Zwangsvorstellung, ein nützliches Glied seiner Gesellschaft sein zu müssen.

Der junge Dichter konnte sich ausruhen auf dem Sockel der Kreativität, an dem Europa seit der Renaissance wieder frisch und unterbrechungslos gezimmert hatte; die Tradition, in der er sich befand, birgt andere Schwierigkeiten als die der Plath, andere Fallhöhen auch - aber für denjenigen, der das Recht, Genie zu sein, in Anspruch nimmt, ein hohes Maß an Toleranz und Würde. Sylvia Plath wäre vermutlich rot geworden bei dem Eingeständnis, sich als Dichterin »zu fühlen«, aber noch kein Gedicht verkauft zu haben, für den heutigen Hofdichter Ted Hughes wären vermutlich beide Aussagen bedeutungslos gewesen. Der Unterschied zwischen der Ottomane des Geniekults und der Halskrause der Tüchtigkeit kann wichtig sein. Er kann ein Leben ausmachen. o

* Anne Stevenson: »Sylvia Plath«. Aus dem Amerikanischen von ManfredOhl und Hans Sartorius. Übertragung der Gedichte von FriederikeRoth. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 656 Seiten; 56Mark. - Linda Wagner-Martin: »Sylvia Plath«. Aus dem Amerikanischenvon Sabine Techel. Insel-Verlag, Frankfurt am Main; 356 Seiten;39,80 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.