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Kassandra heißt der Star der Saison

Die Kulturetats westdeutscher Städte werden gekappt oder eingefroren, Theater müssen kürzertreten, Intendanten kündigen - die öffentliche Hand hält die Spielstätten knapper, vor allem die teure Oper soll sparen. Doch entgegen allem Lamento auf Protestversammlungen und Krisen-Gipfeln behauptet der Brüsseler Opernchef Gerard Mortier, in der Bundesrepublik sei noch »viel Geld«. Kann sein Theater ein Modell sein? *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Bei den Wuppertaler Bühnen hat Generalintendant Jürgen Fabritius das Handtuch geworfen: Die Kommunalpolitiker mit ihrer »Operettengesinnung« ("Neue Musikzeitung") kürzen dem Haus den Zuschuß.

Beim Stadttheater Würzburg gibt Intendant Achim Thorwald vorzeitig, mit Ende der laufenden Spielzeit, sein Amt auf. Grund: Der Betrieb, ohnehin längst zum »Skelett« verkümmert, werde bei weiteren Einsparungen »dahinsiechen«.

Bei den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach macht Intendant Eike Gramss nicht weiter. Anlaß unter anderem: die Spardiktate erschweren seine anspruchsvolle Arbeit.

Rauchzeichen einer schwelenden Theaterkrise auch in Oldenburg, Braunschweig und Augsburg. In Gelsenkirchen, zwischen Kohlenhalden und Stahlküchen, ist sogar schon tabula rasa angerichtet: Dem »Musiktheater im Revier«, einem Betrieb von hohem künstlerischen Wagemut, wird der bisherige Jahresetat von 25 Millionen Mark bis 1991 schrittweise um 10,5 Millionen amputiert - eine Demontage auf Raten, die landesweit zu Protesten und die Intendanten zu einer Krisen-Sondersitzung vor Ort veranlaßt hat.

Nicht nur im Kohlenpott ist die Lage ernst, der Star der Saison heißt fast überall Kassandra. Denn die öffentliche Hand, ohne deren Zuschüsse die deutsche Theaterlandschaft rasch verdorren müßte, knapst angesichts von Massenarbeitslosigkeit und wachsendem Sozialaufwand; die Kulturmacher wiederum sehen sich als die wehrlosesten Opfer staatlicher Millionen-Fuchserei.

»Die Kostenentwicklung rast uns davon«, klagt der Münchner Generalintendant August Everding, zugleich Vorsitzender des Gelsenkirchener Krisen-Gipfels vom vergangenen Freitag, und jammert so im Einklang mit den Kämmerern von Stadt und Ländern, denen das Theater zu teuer wird und die Oper geradezu verschwenderisch erscheint.

Von Pappe sind die Aufwendungen für die etwa 90 öffentlichen bundesdeutschen Sing- und Sprechbühnen jedenfalls nicht. In der Spielzeit 1985/86 - der letzten, über die bereits exakte Bilanzen vorliegen - verbrauchten sie 1,669 Milliarden Mark Unterstützung aus dem Steuersäckel: mehr als das Fünffache dessen, was sie selbst einspielten (337 Millionen).

Die Bühnen der Stadt Köln beispielsweise, ein völlig auf Provinzniveau abgerutschtes Etablissement, kassierten 60 Millionen Mark im Rechnungsjahr 1985/86, die Deutsche Oper Berlin, auch bloß ein hochgepäppelter Allerweltsladen, 67,4 Millionen, die Städtischen Bühnen Frankfurt 70 Millionen.

Damit liegen für jeden Einwohner der Main-Metropole, ob Theaternarr oder Kulturbanause, 133,90 Mark in der Theaterkasse, oder, anders gerechnet, auf jedes verkaufte Billett, gleich welcher Preiskategorie, kommen 203,31 Subventions-Mark.

Wie bislang immer, wenn sich Geldgeber und Geldausgeber auf der Kulturszene die Rechnungen aufmachen, taucht nun plötzlich wieder ein geheimnisumwittertes Papier auf, mit dem die Intendanten stets ihren eisernen Sparwillen beweisen und, komisch genug, die Politiker die Verschwendungssucht der Prinzipale anprangern - die Gagenliste.

In diesem Katalog sind wie auf den Kursnotierungen einer Künstler-Börse alle Sänger angeführt, die pro Abend 5000 Mark Gage und mehr einstecken. Sinn des Kurszettels: Die Stars sollen die Opernhäuser nicht gegeneinander ausspielen und so ihre Honorare unkontrolliert hochjubeln können.

Augenwischerei. Zwar beteuert Münchens Everding, daß »viele Häuser genau auf diese Richtwerte achten«, er

selbst sei beispielsweise »für Domingo fünf Jahre lang exakt bei 20000 Mark pro Auftritt geblieben«. Doch Everdings Bonner Kollege Jean-Claude Riber, dessen kleinstädtisches Institut durch Bundes-Millionen auf Weltstandard geklotzt werden soll, »weiß, daß sich selten jemand daran gehalten hat«, er am allerwenigsten.

Die sichersten Indizien, daß die ominöse Gagenliste kaum mehr ist als ein Alibi-Papier, liefern die Damen und Herren, die darin taxiert werden.

Denn schon beginnen die Primadonnen und Rampen-Sänger mit ihrem Auszug aus den einst millionenschweren Goldgruben in den nun Dollar-schwachen USA. Luciano Pavarotti und Piero Cappuccilli sagten in Chicago ab, Renato Bruson strich ohne Angaben von Gründen seine sämtlichen Auftritte an der Met. »Trübe Aussichten«, kommentierte die »New York Times« den Exitus.

Der zahlt sich aus. Denn während die Met maximal 8000 Dollar Abendgage (von 1988 an: 9000) zahlt, blättern selbst mittlere Bühnen in Europa, vor allem in Italien und Deutschland, gern das Doppelte oder auch Mehrfache hin.

Pavarotti kassierte in Berlin schon 1984 für einen »Aida«-Abend 23000 Mark. Jose Carreras ließ sich für ein Engagement in Essen mit 45000 Mark entlohnen. Domingo wird unter der Hand mit 50000 Mark gehandelt. Die italienische Sopranistin Katia Ricciarelli verlangte und erhielt beim Sommer-Festival im italienischen Macerata sogar 80000.

Diese aberwitzige Preistreiberei, die zwar in den Etats nicht allzu gravierend zu Buche schlägt, in der Öffentlichkeit aber verheerend wirkt, ist für die Spar-Politiker ein gefundenes Fressen und für einen cleveren Störenfried im internationalen Intendanten-Zirkel geradezu ein öffentliches Ärgernis: Gerard Mortier, 44, gelernter Jurist, sieben Jahre lang in den Betriebsbüros der Opern Frankfurt und Hamburg geschult und seit 1981 Chef der Brüsseler Oper, kennt die Mißstände beim deutschen Nachbarn und auch deren Gründe: »In der Bundesrepublik gibt es viel zuviel Geld.«

Im nebenstehenden SPIEGEL-Gespräch kommentiert er erstmals Gründe und Hintergründe seiner ketzerischen Ansichten: Der Starrummel sei widerlich, die »lächerliche Gagenliste« Kokolores, das Abonnementspublikum »oft hoffnungslos veraltet«; manche Inszenierung falle trotz sündhaft teuren Aufwands »vulgär« aus, in vielen Opernhäusern herrschten längst mafiose Zustände.

Mortier weiß, wovon er spricht. Denn auch ihm hat der (belgische) Staat erhebliche Mittel gestrichen und einen Finanzmanager als Aufseher angedroht. Schon mußte er die Spielzeit um zwei Monate kürzen und die Zahl der Neuproduktionen von fünf auf drei verkleinern.

Aber über Abstriche an der künstlerischen Qualität läßt er nicht mit sich reden. Und was er bislang mit einem Etat von 35 Millionen Mark, also mit knapp der Hälfte dessen, was die Opern in München oder Berlin oder Hamburg verjubeln, fertiggebracht hat, kann sich hören und sehen lassen: den weltbesten Mozart-Zyklus, einen grandiosen Verdi"Othello« (Regie: Peter Stein) in Koproduktion mit der Welsh National Opera Cardiff, jede Menge zeitgenössisches Opernschaffen, demnächst sogar ein brandneues Singspiel über Terrorismus.

Während die hochbezahlten Intendanten hierzulande durch die internationale Szene tingeln und angeblich so nebenbei Regie führen (oder was sie dafür halten), macht sich Mortier in seinem schrägwandigen Oberstübchen direkt unterm Dach vor allem Gedanken - auch über den Satz seines Lehrmeisters Christoph von Dohnanyi: »Große künstlerische Dinge sind immer in ärmlichen Verhältnissen entstanden. » Mortier - ein Mann für deutsche Verhältnisse?

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