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FORSCHUNG Kaum schöner Ding

Die Preußen ermittelten den Schwerpunkt bewaffneter Schützen, Miederfirmen messen Busen reihenweise -- die Suche nach dem idealen und dem Durchschnittsmenschen ist Thema einer neuen Monographie.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Mit Eile und Spanne, um Haaresbreite, in Rufweite und im Augenblick -- die Menschen haben sich stets die Welt nach dem eigenen Muster eingeteilt: faustdick und fingernagelgroß, knöcheltief, kniehoch, wadenlang.

Verborgenen Idealgestalten spürten Künstler aller Stilepochen nach. »Von Punkt zu Punkt muß man messen«, so schilderte Albrecht Dürer seine Mühen dabei. »man durchsucht oft zwei- oder dreihundert Menschen, daß man kaum eins oder zwei schöner Ding an ihn findt, die zu brauchen sind.«

Wie nie zuvor aber, erweist ein jetzt erschienenes, von zehn Autoren erarbeitetes Sammelwerk über »Anthropometrie in Kunst und Wissenschaft«, sind die Menschen der modernen Massengesellschaften in Koordinatensysteme eingespannt*: Der neue Forschungs-Zweig liefert Normtabellen für Büstenhalter und Sitzhöhen, von Körpergewichten und Herzkammer-Drücken, über den Greifraum von Fließbandarbeitern und den Atemluftbedarf in Schulklassen.

* Der »vermessene Mensch -- Anthropometrie in Kunst und Wissenschaft Heinz Moos Verlag, München: 192 Seiten: 68 Mark.

Zweieinhalb Jahrtausende ist es her, daß der griechische Sophist Protagoras den Menschen zum Maß aller Dinge erklärte. Doch die Unstimmigkeit von Typ und Einzelwesen ist nicht zu beseitigen, der Konflikt zwischen Modellgrößen und individuellen Bedürfnissen weniger denn je aufzulösen.

Der Architektur beispielsweise, so kritisiert die Münchner Kunsthistorikerin Dr. Sigrid Braunfels in dem Maß-Band, sind schöpferische Proportionsregeln weithin abhanden gekommen: das vorherrschende Normdenken reiche gerade hin. »Waben« zu bauen -- »kein Goldener Schnitt wird ihre falschen Maße ausgleichen«.

Und selbst im trivialen Bereich der Gebrauchsgüter, erklärt der Kieler Anthropologe Professor Hans W. Jürgens, sind menschliche Maße ein Problem. Die Industrieproduktion erreicht erst langsam und mit Unsummen von Daten wieder den Standard, den einst Handwerker wie Schneider, Schuhmacher und Sargtischler vorgegeben haben.

Einen geometrischen Formenkanon hatten altägyptische Bildhauer und Maler schon vor rund 5000 Jahren entwickelt: erstmals legten sie ihren Reliefs und Grabbildern Rasternetze aus Fuß und Elle. Faust- und Fingerbreiten zugrunde. Doch die Künstler suchten in solchen Gesetzmäßigkeiten einen Überbau harmonischer Ordnung. Noch für Leonardo da Vinci waren Ebenmaß und Symmetrie des Menschenkörpers, der sich den Grundformen Kreis und Quadrat einzeichnen läßt, gleichsam die Bestätigung, wie Sigrid Braunfels erläutert, »daß Gott die Welt und seine Geschöpfe nach mathematischen Gesetzen lenke«.

Die modernen Industrie-Anthropometer dagegen müssen versuchen, die Vielfalt des Gewöhnlichen auf wenige Leisten zu bringen -- Paßformen der anonymen Verbraucher wie auch die Körpermaße und Aktionsbereiche des austauschbaren Arbeiters, dessen Werkplatz auf höchste Produktivität ausgelegt sein soll.

Die Vorstellung, dabei könnte ein statistisch erkundeter »mittlerer Mensch« dienlich sein, konstatiert Jürgens, erwies sich vielfach als »grober Fehler«. Auf einem Stuhl von 46 Zentimeter Sitzhöhe etwa, der dem Durchschnittsbürger angemessen ist, schlafen den kleineren Benutzern -- immerhin 50 Prozent der Bevölkerung -- die Beine ein.

Genaue Meßreihen vermittelten überdies überraschende soziale Befunde. Schon in den alten Hutmacher-Zünften galt der Erfahrungssatz, daß teure Hüte hauptsächlich in großen Weiten, billige Mützen durchweg nur in kleinen Größen abzusetzen seien. Ähnliche Unterschiede fanden die Forscher mittlerweile häufig:

* Frauen der sozialen Unterschicht sind besonders schwer und auch fettleibig;

* Berufskraftfahrer sind gedrungener als Durchschnittsmänner;

* bundesdeutsche Akademiker sind vier bis sieben Zentimeter größer als Ungelernte ohne Volksschulabschluß.

Ebenso wichtig wie die Dimensionen sind den Menschen-Vermessern die Körperhaltungen. So ließ die preußische Armee bereits gegen Ende des vorigen Jahrhunderts den Schwerpunkt des vollausgerüsteten Schützen ermitteln.

Die Experten für Industrie-Anthropometrie mußten sich insbesondere mit dem Sitzen befassen, der »ungesündesten Form aller Dauerhaltungen« (Jürgens). Beugewinkel der Beine unter dem Schreibpult oder des Fußes am Gaspedal, ermüdungsfreie Armhaltung im Pilotensessel und günstigste Arbeitshöhe von Montiertischen sind inzwischen exakt beschriebene Größen -- bis hin zum Druckverteilungsmuster des menschlichen Gesäßes, das ein Sitz aus Fühler-Polstern elektronisch ertastet.

Ein grundsätzlicher Mangel bei diesem Streben nach Perfektion ist bislang, daß solche Daten oft nur an Wehrpflichtigen gewonnen wurden. Die Besonderheiten weiblicher Körperformen berücksichtigt die Industrie zwar bei den speziell für Frauen gefertigten Konsumgütern. »Viele andere Bereiche der Arbeitswelt« aber, vermerkt Professor Jürgens, würden »offenbar von Männern für Männer gestaltet«.

Sitzmöbel etwa sind in der Regel -- nicht für das breitere Becken und die kürzeren Beine der Frauen gebaut. Auch bei der Konstruktion von Automobilen, konstatiert der Kieler Wissenschaftler, werde die weibliche Anatomie mißachtet: es sei nicht einmal auszuschließen, daß Frauen dadurch mehr als Männer unfallgefährdet sind. Zumindest was ihren Arbeitsplatz anlangt, könnten sich Frauen sogar auf das Gesetz berufen: Nach Paragraph 90 des Betriebsverfassungsgesetzes, seit Anfang vorigen Jahres in Kraft, sollen dabei alle gesicherten Erkenntnisse »über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit« auch angewendet werden -- für jedwedes Geschlecht.

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