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Autoren Kein Mord, nirgends

aus DER SPIEGEL 9/1996

Sechs Jahre ist es her, daß die Ost-Berliner Schriftstellerin Christa Wolf fürchtete, der Westen wolle »mit der allgemeinen Totaldemontage der DDR« auch die dort geschriebene Literatur demontieren - »und möglichst viele ihrer Autoren gleich mit«. Das war im März 1990, noch vor der Sommerschlacht, die im westdeutschen Feuilleton um die Erzählung »Was bleibt« tobte.

Christa Wolf, die First Lady der DDR-Literatur, wurde für dieses literarische Zeugnis ihrer Beschattung durch die Stasi arg gerupft. Doch niedergemacht werden konnte nur, was vorher zu Denkmalsgröße aufgeblasen worden war - durchaus unter Teilnahme westlicher Kritiker, die in der Literatur aus der DDR gern das verborgen Regimekritische gesucht und gelobt hatten.

Danach hatte die Schriftstellerin kein literarisches Werk mehr veröffentlicht. Zwei Sammelbände - »Akteneinsicht Christa Wolf« (1993) und »Auf dem Weg nach Tabou« (1994) - brachten vor allem Dokumente, Briefe, Reden, Artikel und Tagebuch-Auszüge.

Jetzt, mit dem Roman »Medea. Stimmen«, gibt es wieder Anlaß, nach der literarischen Qualität zu fragen - und nach der aktuellen Botschaft, die in der Neubearbeitung eines griechischen Sagenstoffs versteckt sein könnte**. Diese Erwartung zumindest wird nicht enttäuscht. Christa Wolf, 66, hat aufgefahren, was ihr Frust hergibt: In antikem Gewande wird der Gegenwart der Prozeß gemacht, das heißt der Macht und den Männern. Edel, hilfreich und gut ist hier nur eine: Medea.

Medea? Eigentlich eine mörderische Frau. Aus Liebe zu einem Fremden geht sie über Leichen: das rasende Weib aus Kolchis. Sie tötet und zerstückelt den eigenen ** Christa Wolf: »Medea. Stimmen«. Luchterhand _(Literaturverlag, München; 240 ) _(Seiten; 36 Mark. ) _(* Gemälde »Die rasende Medea« (1838) ) _(von Eugene Delacroix. )

Bruder - um mit Jason fliehen zu können, dem um Thron und Macht gebrachten Königssohn, der von weit her kommt. Als Jason ihr - im Korinther Exil - untreu wird, bringt Medea nicht nur die Nebenbuhlerin und deren Vater um, immerhin den Gastgeber und König, sondern gleich auch noch ihre und Jasons beiden Söhne. Gnadenlose Rache für den Liebesverrat.

So haben die alten Griechen ihre Medea gesehen: als schreckliche Sagenfigur. So hat der Dichter Euripides 431 vor Christus seine »Medea« bei den Athenischen Festspielen präsentiert: als Drama der verstoßenen Frau, die ganz von dieser Welt ist, auch wenn sie sich am Schluß per Himmelswagen irdischer Gerechtigkeit entziehen darf. Den Kindermord freilich hat erst er der tragischen Heldin angehängt - wenn schon Mörderin, dann richtig.

Mehr als 2400 Jahre sind ihm nahezu alle Dichter, die den Stoff aufgriffen, darin gefolgt: Ovid und Seneca nicht anders als im 17. Jahrhundert Pierre Corneille, im 19. Franz Grillparzer, im 20. Jean Anouilh, Hans Henny Jahnn und Heiner Müller. Sie setzten Akzente anders, doch ein Mordsweib in jeder Hinsicht blieb Medea, auch Mörderin der eigenen Kinder.

Alles erfunden, alles falsch, sagt nun Christa Wolf. Nichts als üble Nachrede aus männlicher Sicht. Ihr »Medea«-Roman ist eine gründliche Revision.

Und in der Tat: Diese Medea tut keinem weh. Sie hat auch nie jemandem weh getan. Weder dem jungen Bruder noch gar den eigenen Kindern: kein Mord. Nirgends. Andere waren die Schurken und haben der armen Frau die Schandtaten in die Schuhe geschoben.

Die Medea aus Christa Wolfs Sicht ist eine acht-, allenfalls streitbare Frau, emanzipiert und gelassen. Jason geht fremd? Na und? Sie hat längst selbst einen Lover, den Bildhauer Oistros, und mit dem Vater ihrer Söhne schläft sie nur gelegentlich noch aus alter Anhänglichkeit, da er auf ihren Körper »zu antworten weiß wie kein Mann sonst«. Warum die Korinther sie am Ende aus der Stadt treiben? Weil sie einen »Sündenbock« brauchen. Und sie sind es, die, wie in der Ursage, die zurückgelassenen Söhne der Medea umbringen.

Gewiß, am Kindermord-Vorwurf des Euripides gab es schon vor Christa Wolf Zweifel. Etwa bei dem jungen Jahnn, der 1914 schrieb: »Als ich mit 20 Jahren zum ersten Mal die Medea des Euripides las, wie zornig bin ich geworden. Wie unwirklich war dieser Kindermord . . .« Doch als er dann später selbst ein »Medea«-Stück verfaßte, blieb es dabei.

George Tabori immerhin inszenierte 1985 in München sein Stück »M« als Schützenhilfe für Medea: Jason ist der Kindsmörder. Dabei spielte auch das schon im alten Athen verbreitete Gerücht eine Rolle, der griesgrämige Eigenbrötler Euripides habe sich einst von den Stadtvätern Korinths bestechen lassen, um die Korinther vom Mordvorwurf der Sage zu entlasten und statt dessen lieber die Mutter der getöteten Kinder an den Pranger zu stellen.

Christa Wolf aber, die sich schon einmal - noch zu Zeiten der DDR-Zensur und eines entsprechenden Zwangs zur Verklausulierung - mit ihrer Erzählung »Kassandra« (1983) auf die Spur griechischer Mythen gesetzt hat, geht weiter. Euripides habe Medea nicht nur den Kindermord angehängt, schrieb sie Anfang 1994 in einer kurzen Skizze, sondern sie auch als Barbarin und Hexe ausgegrenzt, während sie doch ebensogut eine »Heilerin« sein könne. Warum, so fragte sie, mußte »einer der größten Dichter . . . zuungunsten der Frau« fälschen?

Nun wird der Spieß umgedreht. Akteneinsicht in Sachen Medea, Freispruch aus erwiesener Unschuld. Das Buch, ein Roman in »Stimmen«, folgt dem Gegenkonzept treu und brav.

Erzählt wird aus sechs verschiedenen Blickwinkeln. Wichtigste Zeugin ist Medea selbst. Doch auch der »Argo«-Kapitän Jason, der sie einst aus Kolchis übers Meer nach Korinth führte, darf seine Sicht zum besten geben, ebenso Glauke, die in Jason verliebte Tochter Kreons, ferner die Kolcherin Agameda, eine abtrünnige Schülerin Medeas und in Korinth Bettgefährtin einflußreicher Männer, schließlich zwei Herren vom Hofe: der königliche Adlatus Akamas, der die Sterne und die Wahrheit nach den Interessen der Macht umzudeuten versteht, und dessen Gehilfe Leukon.

Schöne Monologe, keine Frage. Das ist routiniert und sogar spannend dargeboten - geprägt von jenem sanft-elegischen Tonfall, wie ihn Christa Wolf seit dem Prosastück »Kein Ort. Nirgends« (1979) perfekt beherrscht. Zwar heben sich die einzelnen Stimmen nur wenig voneinander ab, doch sind die Perspektiven geschickt miteinander verzahnt.

Christa Wolf baut den »Medea«-Stoff um, sie greift auf Frühfassungen der Sage zurück, sie erfindet aber auch neue Figuren und eine neue Ausgangssituation: Ihre Medea flieht das »verlorene, verdorbene« Kolchis nicht nur aus Liebe zu Jason, sondern vor Entsetzen darüber, daß ihr eigener Vater, der greise Herrscher, »seine Macht auf einen Frevel gründet«, indem er ihren jungen Bruder ermorden läßt.

Und was entdeckt sie im reichen Korinth? Auch eine Leiche im Keller, genauer: in einer unzugänglichen Felsenhöhle. Ein Staatsgeheimnis. In Ost wie West - alles Lüge, alles Trug. Auch die Stadt Korinth »ist auf ein Verbrechen gegründet«. Spätestens da - noch im ersten Kapitel - hört man die ideologische Nachtigall trapsen.

Was Medea im Dunkeln ertastet hat, sind die Gebeine der in zartem Alter angeblich geraubten Königstochter Iphinoe - ebenfalls ein Opfer männlichen Machterhalts.

Auf einigen Seiten wirkt und bezaubert dieser Roman durchaus als literarisches Gedankenspiel, wie es der Meister des Gegenentwurfs, Max Frisch, nicht besser hätte skizzieren können. Aber es ist der Autorin eben doch ganz ernst mit allem, und so wird aus Medea eine Alice Schwarzer von Korinth, und aus dem Spiel schnell purer Kitsch.

Etwa wenn Medea mit freundlicher Frauensolidarität und archaisch-psychoanalytischem Blick versucht, der von epileptischen Anfällen heimgesuchten anderen Königstochter Glauke, ihrer Nebenbuhlerin, zur bewußten Erinnerung an das Trauma von deren Kindheit zu verhelfen (die rituelle Ermordung der kleinen Schwester).

Und den Geliebten Jason gibt diese Medea gar freiwillig preis. Mordgelüste gegenüber Glauke? Göttin bewahre! Jason ist ohnehin ein Schwächling - ein Held nur in der Sage. »Sie haben aus jedem von uns den gemacht, den sie brauchen«, erklärt ihm Medea. »Aus dir den Heroen, aus mir die böse Frau.«

Das ist die Moral von der Geschicht'': Die Männer lieben starke Frauen nicht. Einmal befreit Medea, die »seine Lust aufzustacheln weiß«, Jason aus einer jähen Impotenz - und als der Geliebte vor Glück weint, weiß sie auch schon: »Dafür werde ich zahlen müssen. Immer muß die Frau dafür zahlen, wenn sie in Korinth einen Mann schwach sieht.«

Mit solch fertigen Kalendersprüchen verrät die Autorin nicht nur das eigene literarische Niveau, sie hat sich auch nicht enthalten können, die Orte Kolchis und Korinth in Analogie zum ehemals sozialistischen Osten einerseits und dem kapitalistischen Westen andrerseits zu setzen - ohne das auszusprechen.

Kolchis, das ist der Ort, wo Frauen behandelt werden, »als hinge von ihrer Meinung und ihrer Stimme etwas Wesentliches ab«. In Korinth dagegen mißt man den Wert eines Bürgers »nach der Menge Goldes, die er besitzt«. Früher einmal gab es - natürlich in Kolchis - eine Vorstellung vom richtigen Leben, etwas zwischen goldenem Zeitalter und kommunistischem Paradies: _____« Wir in Kolchis waren beseelt von unseren uralten » _____« Legenden, in denen unser Land von gerechten Königinnen » _____« und Königen regiert wurde, bewohnt von Menschen, die in » _____« Eintracht miteinander lebten und unter denen der Besitz » _____« so gleichmäßig verteilt war, daß keiner den anderen » _____« beneidete oder ihm nach seinem Gut oder gar nach dem » _____« Leben trachtete. »

Gut, Christa Wolf läßt Einspruch zu - vorgetragen freilich von Jason und von Agameda, die über die Kolcher im Exil höhnt, daß sie »ihre Köpfe zusammenstecken und in den Geschichten, die sie sich zuraunen, ein wundersames Kolchis erstehen lassen, das es auf dieser Erde niemals und nirgends gegeben hat«.

Sieht sich Christa Wolf selbst als Medea? Als Opfer von Verkennung und Ausgrenzung? Es gibt Passagen, die diesen Gedanken mehr als nahelegen ("Ich bin nicht von Kolchis weg, um mich hier zu ducken"), dann aber ist die Autorin doch klug genug, der Gefahr einer solchen Identifizierung auszuweichen.

Dennoch wird ihr Buch auch als Schlüsselroman gelesen werden. Wer verbirgt sich hinter Agameda? Vielleicht die Wolf-Konkurrentin Monika Maron? Oder Sarah Kirsch? Ist die Nebenfigur Presbon, der Ehrgeizling aus dem Osten, der in Korinth sein Talent anbietet und die Festspiele ausrichtet ("er kann sich selbst nur fühlen, wenn ihn eine große Menge bewundert"), _(* Griechische Amphore aus dem 4. ) _(Jahrhundert vor Christus. )

eher Heiner Müller oder Marcel Reich-Ranicki? Trickreich wird das alles zur Spekulation freigegeben und im Ungefähren belassen: Stimmen eben.

Das »Medea«-Material ist in diesem Roman zu einem schlüssigen Modell verarbeitet, nach einem einfachen Prinzip: Alles, was Medea im Abendland berühmt und vor allem berüchtigt gemacht hat - nichts als Fälschung, Nachrede, Geschichtsklitterung aus Männersicht. Medea war eine gute Frau.

Nur: Was sich da so aufgeklärt und die Legende aufsprengend gibt, ist eben auch wieder - Legende: Medea schöngeschrieben. Und daß die Querelen unserer Jetztzeit im Lichte der griechischen Tragödie ein wenig überbelichtet wirken, hat penetrante Züge.

Was bleibt? Am Ende die biedere Variante eines schrägen Dramas aus der Frühzeit des Abendlands - und eigentlich: ein banaler Etikettenschwindel. Christa Wolfs Heldin mag eine mutige und sympathische Fremde aus dem Osten sein, eine Asylantin, der vom Gatten und von den Gastgebern übel mitgespielt wird - eine Medea ist sie nicht.

Kaum vorstellbar, daß diese brave Frau, so feurig und sinnlich sie sich geben mag, die Gemüter erregt und irgend jemand zu einem großen Drama angeregt hätte. Traurig, aber wahr: Das Edle und Gute zieht hinan, aber hier auf Erden fasziniert das Publikum nun einmal eher das Böse. So ungerecht geht es zu, in Korinth und anderswo.

Volker Hage

** Christa Wolf: »Medea. Stimmen«. Luchterhand Literaturverlag,München; 240 Seiten; 36 Mark.* Gemälde »Die rasende Medea« (1838) von Eugene Delacroix.* Griechische Amphore aus dem 4. Jahrhundert vor Christus.

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