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SOWJET-BIOLOGIE Keine Wunder

aus DER SPIEGEL 49/1964

Er war immer ein guter Kommunist, ein guter Wissenschaftler war er nie. Drei Jahrzehnte lang hat er verkündet, er könne Roggen in Hafer, Weizen in Gerste oder Kiefern in Fichten verwandeln und die Bananenstaude auch in Mittelrußland heimisch machen.

Doch als die biologischen Wunder, die das Dogma der kommunistischen,Heilslehre bestätigen sollten, immer wieder ausblieben, siegte am Ende doch die Wissenschaft über die Ideologie: Trofim Denissowitsch Lyssenko, seit 1935 Hoherpriester der sowjetischen Vererbungsforschung, wurde in den vergangenen vierzehn Tagen öffentlich und, wie es scheint, endgültig als Scharlatan gebrandmarkt.

Schon mehrfach waren in den letzten Jahren die abstrusen, meist im Stil politischer Propaganda vorgetragenen Vererbungs-Theorien des dreifachen Stalinpreis- und siebenfachen Leninorden-Trägers auch von den eigenen Genossen attackiert worden.

Nach Stalins Tod war der sowjetische Genetik-Papst schon fast in Ungnade gefallen, doch 1961 hatte ihn Chruschtschow noch einmal in aller Form rehabilitiert. Letzte Woche nun durfte eine Fronde sowjetischer Gelehrter gegen ihn aufstehen und seine Thesen als »völlig unbegründet« und als staatsschädliche Häresie verdammen.

Das Urteil wurde spät gefällt. Die Lehren Lyssenkos standen von Anbeginn gegen den zunehmend sich klärenden Hauptstrom moderner Vererbungsforschung.

Im festen Glauben daran, daß die Söhne von Grobschmieden mit kräftigeren Muskeln auf die Welt kämen, daß sich »erworbene Eigenschaften« an die Nachkommen vererben ließen, hatte der Ukrainer schon die zielstrebige »Umgestaltung der Natur« geplant - mit einem neuen Menschentyp, der aus gesellschaftlichem Umsturz zwangsläufig hervorgehen sollte. Doch längst wissen die Erbforscher, daß sich ein Organismus zwar im Laufe seines Lebens den Umweltbedingungen anzupassen vermag, daß aber diese angenommenen Eigenschaften nicht vererbt werden: Nur Umwandlungen in den Erbträgern, in Genen und Chromosomen, können das Erbe ändern.

Schneller als mit den herkömmlichen Zucht- und Veredlungstechniken hofften die Sowjet-Landwirte mit Lyssenkos Methoden zu Rekordernten zu gelangen; mit dieser Versprechung erwarb sich der Moskauer Biologie -Diktator ihre Unterstützung. Doch die versprochenen Mais- und Milchvieh -Wunder ereigneten sich nicht. Daß Lyssenko dennoch gelegentlich Erfolge buchen konnte, lag daran, daß er zugleich mit den Erbmanipulationen auch modernere Düngungs- und Bodenbearbeitungsmethoden propagierte.

Den Großteil seiner Landwirtschafts -Maßnahmen aber mußte sich der 66jährige Biologe jetzt von seinen stark gewordenen Gegnern als »Pseudo -Neuerungen« vorwerfen lassen, die »eine negative Wirkung auf die (sowjetische) Agrikultur gehabt haben«. Und die parteiamtliche »Prawda« kündete letzte Woche, daß nun endlich die Lehrbücher für mittlere und höhere Schulen wieder umgeschrieben werden müßten.

Damit haben die Russen künftig erneut Aussicht, auf einem Wissenschaftsgebiet ernst genommen zu werden, das vor dem Irrweg in die Lehren Lyssenkos eine ihrer bedeutendsten Domänen gewesen war: in der Vererbungsforschung.

Sowjetischer Erbforscher Lyssenko

Rückkehr vom Irrweg

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