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SKITOURISMUS Keine Zeit, keine Kraft

Ernst Wilhelm Sachs starb unter einer Lawine in den französischen Alpen -- eines von immer mehr Opfern des teuren, gefährlichen Heli-Skilaufs.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Für die einen ist es eine »neue Dimension des Skilaufs«, das »höchste Vergnügen auf Brettern« oder schlicht der »Skilauf für den Gentleman« -- so Prospekte und Anhänger des exklusiven Sports.

Anderen scheint es ein »Mißbrauch der Berge« durch Degenerierte »ohne Zeit und ohne Kraft« -- so etwa der Österreichische Alpenverein und ein italienischer Ski-Journalist.

So umstritten das Jet-set-Pläsier ist, so gefährlich ist es allemal: »Heu-Skiing«, Skilauf mit Hubschrauberhilfe.

Prominentestes Opfer bisher wurde am Ostermontag Ernst Wilhelm Sachs, 47, älterer Bruder des Playboys Gunter Sachs, Miterbe eines Mehrhundertmillionen-Vermögens der Industriellen-Dynastie aus Schweinfurt und seit dem Vorjahr Eidgenosse.

Sachs erstickte unter einer Lawine am Col du Bouchet unweit des französischen Skidorados Val d"Isére in den Savoyer Alpen.

Morgens nach neun war er mit dem Skilehrer Joel Gerari und dem Bergführer Camille Rey in einen »Alouette«-Hubschrauber der »Heli-Union« gestiegen. In zehn Minuten brachte die Maschine die drei auf einen etwa 3000 Meter hoch gelegenen Sattel des Bouchet-Berges, von wo aus sie über unberührte Pulverschneehänge zum Chalet de l"Arcelin abfahren wollten -- trotz einer allgemeinen Lawinenwarnung nach den Schneefällen der Karwoche.

Schon bald nach den ersten Schwüngen -- die beiden Profis wedelten nach französischer Art vorneweg -- löste sich eine Lawine, die Sachs verschüttete. Der Skilehrer grub mit bloßen Händen nach dem Verunglückten, der zweite Begleiter raste zu Tal und brachte mit dem Hubschrauber Helfer. darunter auch einen Arzt. Doch als sie Sachs nach einer halben Stunde ausgruben, war er bereits tot -- erstickt.

Sein Unfall heizte in den Alpen die Diskussion ums Heli-Skiing neu an. Diese lärmende Aufstiegshilfe hatte in den fünfziger Jahren in der Schweiz begonnen, dann nach Italien, Österreich und Frankreich übergegriffen. Sie war den Normaiskiläufern und Naturschützern ärgerlich; Bergerfahrene sehen sie auch als für die Nutznießer problematisch an.

Zwar ist es ohne Zweifel angenehmer, mit dem Hubschrauber auf die höchsten Gipfel gebracht zu werden und seine Schwünge durch jungfräulichen Tiefschnee zu ziehen, als sich mit Steigfellen hochzurackern oder per überfülltem Lift auf beinharte Buckelpisten zu gelangen -- doch oben wird es für die Ski-Flieger zuweilen brenzlig.

Der Organismus der Heli-Skier hat keine Zeit, sich auf den Höhenunterschied (bis zu 3000 Meter) umzustellen. Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Unsicherheit sind die Folgen -- und das vor einer Abfahrt, die weit mehr Kraft und Konzentration erfordert als ordinäres Pistenwedeln.

Und die Lawinengefahr ist auf Tiefschneehängen in den baumlosen Hochregionen vielfach größer als auf den Seilbahnpisten, die normalhin lawinensicher angelegt werden.

Unumstritten war der Hubschrauber-Skilauf bisher eigentlich nur dort, wo er ausschließlich betrieben wird -- in den kanadischen und amerikanischen Rocky Mountains. Dort verhindern oftmals Naturschutz und Abgeschiedenheit Liftanlagen.

In den Bugaboo- und Cariboo-Bergen betreiben Österreicher und Schweizer seit über einem Jahrzehnt einen Helikopter-Skizirkus für betuchte Enthusiasten aus der ganzen Welt. 30 000 Höhenmeter Abfahrt pro Woche werden garantiert. Für rund 4000 Mark fliegen seit Jahren auch deutsche Reiseveranstalter Heu-Ski-Fans in die Rockies.

In der Schweiz, wo alles begann, ist der Sport strengen Regeln unterworfen. Fünf Firmen fliegen 48 genau bezeichnete Landeplätze an. Und immer muß ein hochgebirgserfahrener Skilehrer dabeisein. Die Preise sind erträglich: Eine Tour von St. Moritz auf den Corvatsch kostet 90 Franken pro Person.

Selbst Superreiche mit eigenem Hubschrauber wie der Schah oder Griechenreeder Niarchos dürfen nicht außerhalb markierter Plätze aufsetzen.

In Österreich, wo Heli-Skiing vor elf Jahren am Arlberg begann, gibt es seit der diesjährigen Skisaison drastische Einschränkungen. Hartnäckige Interventionen des Alpenvereins führten zur Dezimierung der Start- und Landeplätze. In ganz Österreich fliegen nur noch zwei Hubschrauber -- einer im Arlberg, einer im vorarlbergischen Silvrettagebiet.

Die Beschränkung auf wenige Pisten am Arlberg sind es nur noch zwei -- vergrault den Luxus-Kunden auch den Spaß am jungfräulichen Tiefschnee. Da sich auf diesen Hängen dann alles trifft, finden die Tiefschnee-Fans meist nur noch umgeackerte Abfahrten. Folge: Die früher hochkarätige Klientel wie Königin Juliana samt ihrem Bernhard, der Schah, Karajan oder die Flicks haben's weitgehend aufgegeben.

Auch in Italien wächst die Kritik am Heli-Skiing. Der prominente Sportarzt Professor Renato Ziaco findet die Sache gesundheitlich riskant, ja »sehr gefährlich«. Der Skijournalist Aldo Pacor wettert: »Die Hubschrauberbande« wie man sie nennen sollte, vergewaltigt die Natur und nimmt dem Sport die Zünftigkeit.«

Nur in Frankreich, wo der Skisport ohnedies am stärksten technisiert wurde, verlief die Heili-Ski-Entwicklung unkontrolliert. Angeflogen wurden über hundert Landeplätze, der Hubschrauber-Aufstieg wird als »Methode des Jahres 2000« propagiert. Der Gipfelflug etwa auf den Montblanc kostet 300 bis 400 Franc pro Person -- dafür wird eine Abfahrt von 3000 Höhenmetern geboten, die höchste der Welt.

Erst vor einem Jahr wurden auch in den französischen Alpen die Vorschriften verschärft, die Landeplätze etwas eingeschränkt.

Dennoch fliegen die Helikopter, wie im Fall Sachs« ihre Kunden offenbar auch bei Lawinenwarnung hoch. Der Abfahrt-Fan hatte auch nicht dabei, was beispielsweise in Kanada und USA Pflicht ist: einen Mini-Sender« der ständig tickt und das Auffinden eines Verschütteten wesentlich erleichtert. (Die altmodischen Hochtouristen der Vergangenheit, die noch aus eigener Kraft aufstiegen, führten für eben diesen Zweck eine lange, rote Lawinenschnur mit.)

Im amerikanischen Utah fliegt im Hubschrauber sogar stets ein Lawinenhund mit hoch. Dennoch gab es beim Heli-Skiing in der Neuen Welt allein in dieser Saison rund ein Dutzend Lawinen-Tote -- mehr als in allen vorhergehenden Jahren zusammen -- darunter auch drei Deutsche.

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