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STRAHLENUNFÄLLE Kellys Dreck

Junge Arbeiterinnen in einer US-Fabrik für Leuchtzifferblätter starben in den dreißiger Jahren an Radiumvergiftung und Knochenkrebs. Wie der Unfall bis heute nachwirkt, belegt jetzt ein Dokumentarfilm. *
aus DER SPIEGEL 2/1988

So ein dickes Fell hab'' ich wirklich nicht«, sagt Martha Hartshorn, 64. Wenn Radium, das Element, nach dem die Radioaktivität ihren Namen hat, durch meterdicke Ziegelwände und durch Stahltüren strahle, dann könne man ihr nicht weismachen,"daß es nicht durch meine Haut geht«.

Zum zweiten Malist die Frau an Krebs operiert worden; eine bösartige Geschwulst wuchs unter ihrem rechten Fuß.

Martha Hartshorn ist überzeugt davon, daß es nicht ein normaler, schicksalhafter Krebs ist, wie er andere Menschen auch heimsucht. Ihren Freundinnen von einst gehe es nicht besser, meint sie, jede zweite von ihnen sei schon unter der Erde, in fast 80 Prozent der Fälle war die Todesursache Krebs. Sie lebten, wie Martha, und starben in Ottawa (US-Staat Illinois), jener Stadt, der die amerikanische Presse den Beinamen gab: »Death City«.

Den Namen erhielt die 16 000-Einwohner-Stadt im Mittleren Westen schon während der dreißiger Jahre. In einer Fabrik, die Leuchtzifferblätter herstellte, waren reihenweise junge Arbeiterinnen umgekommen - als Folge des Hantierens mit der radioaktiven Leuchtfarbe. Sie starben an Radiumvergiftung, oder sie entwickelten Knochenkrebs. »The Living Dead«, Gestorbene auf Abruf, nannte man sie damals.

Als einer der tragischsten Arbeitsunfälle der Vereinigten Staaten hat die Serie von Todesfällen Geschichte gemacht. Aber die Geschichte ist Gegenwart: Auf welch unheimliche Weise das fahrlässig verwendete radioaktive Element noch immer fortwirkt, bringt jetzt ein Dokumentarfilm ans Licht, der unter dem Titel »Radium City« im Herbst letzten Jahres auf dem New Yorker Filmfestival gezeigt wurde (und im Frühjahr auch in der Bundesrepublik zu sehen sein wird).

»Eine Horror-Story aus dem wirklichen Leben, die einen erschauern läßt«, urteilte die »New York Times« über das Werk der Dokumentarfilmerin Carole Langer. Der 110-Minuten-Film folgt den Spuren der Katastrophe, die inzwischen zum Umweltskandal geworden ist: Der radioaktiv verseuchte Abfall der Fabriken ist über die ganze Stadt verteilt worden - ein groteskes Beispiel für sträflichen Leichtsinn im Umgang mit strahlender Materie und für die Langlebigkeit der Gefahr.

Die Tragödie begann 1922. Arbeit war damals knapp im Mittleren Westen, und 17,50 Dollar die Woche waren für Frauen ein Spitzenlohn, für manche Familie notwendig zum Überleben. Bei den jungen Mädchen in Ottawa waren die Jobs in der Radium Dial Company so begehrt, daß sie dafür frühzeitig von der Schule abgingen.

Niemand in Ottawa ahnte, daß das Ausmalen von Leuchtzifferblättern eine lebensgefährliche Arbeit sein könnte. Man brauchte Geduld, eine ruhige Hand und etwas Geschick. Die Ausbildung war kurz: Die Mädchen lernten die feinen Pinselhaare jedesmal zwischen den Lippen zu spitzen, bevor sie sie in die radiumhaltige Farbe tauchten, um die feinen Punkte zu setzen. Manchmal spielten die Arbeiterinnen mit der Wunderfarbe, malten sich Schnurrbärte und Masken auf ihre Gesichter, die dann geisterhaft im Dunkeln glühten.

Nicht nur die Mädchen waren sorglos im Umgang mit dem weißglänzenden Element, einem Zerfallsprodukt des Urans. Lange galt Radium als Wunderdroge. Apotheker verkauften es als Elixier gegen hohen Blutdruck und Arthritis, Depressionen und Impotenz. Joseph Flannery, der Gründer der Radium Chemical Company, düngte damit sogar seine Ländereien und zog gigantische Kürbisse und Tomaten. 1920 starb er an chronischer Radiumvergiftung. Ärzte setzten mit Radon gefüllte Röhrchen noch bis in die sechziger Jahre zur Krebstherapie ein (Radon ist ein beim Zerfall des Radiums entstehendes Edelgas).

Doch dann erkrankten und starben um 1930 die ersten Arbeiterinnen in Ottawa. ÄÄhnliche Fälle waren in Fabriken an der Ostküste bekannt geworden. Der Fabrikant Joseph A. Kelly ging in die Offensive: In ganzseitigen Anzeigen versicherte er den Bürgern von Ottawa, wie »harmlos« Radium sei. Doch die Presse ließ nicht locker, Schadensersatzprozesse drohten. 1937, auf dem Höhepunkt der Kontroverse, schloß Kelly über Nacht die Pforten von »Radium Dial«.

Kaum jemand in Ottawa ahnte, daß die neue Fabrik »Luminous Processes«, die wenige Wochen später ein paar Straßen weiter aufgemacht wurde, ein Etikettenschwindel war. Wie die Todesfabrik, so gehörte auch sie zum Imperium des Joseph A. Kelly, der vom New _(Bei der Ausbildung in einem Saal der zur ) _(Fabrik umgebauten Ottawa High School. )

Yorker Chrysler Building aus die Geschicke seiner 146 Fabriken im ganzen Land lenkte.

Die neue Firma am Ort versprach die gleiche Arbeit unter sicheren Bedingungen. Die angelernten jungen Arbeiterinnen wurden wieder eingestellt. Martha Hartshorn, die über 30 Jahre lang für »Luminous« Leuchtzifferblätter für Uhren und andere Instrumente gemalt hat: »Wenn du 20 bist, glaubst du, du bist unsterblich.«

Sichere Arbeitsbedingungen hießen in der neuen Fabrik, daß die Arbeiterinnen angewiesen wurden, die Pinsel nicht mehr in den Mund zu nehmen. Sonst ging man auch hier mit dem Radium genauso schlampig um wie im alten Werk. Im Sommer wirbelten Ventilatoren Radiumpartikel durch die staubige Atemluft, mit Radiumfarbe getränkte Lumpen wurden regelmäßig im Hof verbrannt - was Strahlung freisetzte.

Eine Kollegin von Martha Hartshorn hatte versehentlich eine Ladung Radiumstaub eingeatmet, als sie ein Glas öffnete. Bald wackelten alle Zähne, wenige Wochen später waren sie ausgefallen: »Man ermahnte uns, vorsichtig mit der Farbe umzugehen, nicht weil sie gefährlich, sondern weil sie teuer war.«

Mit der Zeit wurden auch die Luminous-Arbeiterinnen wieder krank. Nach Recherchen der Filmemacherin Carole Langer war 1968 jede zweite der ehemaligen Kelly-Arbeiterinnen tot, 60 Prozent waren an Krebs gestorben.

Doch nur wenige Opfer haben je gegen die skandalösen Sicherheitsbedingungen in dem Kelly-Werk geklagt. Das örtliche Krankenhaus, wo sie behandelt wurden, gehörte Kelly; von Luminous bestochene Rechtsanwälte, so die Filmerin, weigerten sich, die Fälle anzunehmen. Und niemand glaubte, es lohne sich, einen großen Aufstand zu machen.

Auch eine 1948 von der US-Regierung darauf angesetzte Behörde, das 50 Meilen von Ottawa entfernte Argonne National Laboratory, verhalf den Arbeiterinnen nicht zu ihrem Recht. Vielleicht auch deshalb nicht, meint Carole Langer, weil Kelly sich während des Zweiten Weltkrieges um das Vaterland verdient gemacht hatte: Einstein und Roosevelt hatten ihn persönlich für das geheime Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe gewonnen; Luminous lieferte radioaktives Polonium als möglichen Rohstoff für die Bombe.

In umfangreichen Langzeitstudien haben Richard Toohey und seine Mitarbeiter bei Argonne die überlebenden Radium-Chemical-Arbeiterinnen alljährlich auf Radioaktivität getestet. Sie haben Leichen exhumiert und sich deren Bürsten und Kämme von den Erben besorgt, um daran die Radioaktivität zu messen. Doch niemand in Ottawa hat je erfahren, was die Wissenschaftler in all den Jahren gefunden haben.

In einem Telephoninterview erklärte Dr. Toohey, die Zahlen der Filmemacherin seien falsch. 2500 Radium-Dial-Arbeiterinnen aus dem ganzen Land habe Argonne über die Jahre getestet, nur 90 seien an radiumbedingtem Knochenkrebs und einer seltenen Art von Gehirntumor gestorben. »Die Arbeiterinnen der ersten Fabrik vergifteten sich, weil sie das Zeug in den Pinseln ständig geleckt, also regelrecht gegessen haben. Die Nachfolgefabrik war sicher.« Auch die »zugegebenermaßen hohe Brustkrebsrate« der Luminous-Arbeiterinnen in Ottawa könne man nicht auf Radium zurückführen: »Es ist nichts als eine normale statistische Häufung.«

Martha Hartshorn ist nie getestet worden. Die »statistische Häufung« in Ottawa erklärt sie sich auf ihre Weise: Sie könne über hundert Kolleginnen nennen, die an Krebs gestorben seien.

Auch die Arbeits- und die Behörde für nukleare Sicherheit in Illinois haben die Gesundheitsgefahren bei Luminous offenbar anders eingeschätzt als der Kollege von Argonne. Als Grund für die 1978 überraschend verfügte Schließung der Fabrik gaben sie ausdrücklich Gesundheits- und Sicherheitsrisiken an.

»Als ich nach der Schließung noch mal in das Gebäude wollte«, erinnert sich Martha Hartshorn, »warnte man mich, nur mit Plastiküberzügen über meinen Schuhen dort reinzugehen. Der Zementboden sei extrem verseucht.«

»Man zeigte auf dieselbe Stelle, an der ich über 30 Jahre lang tagein, tagaus gestanden hatte. Und trotzdem will man mir weismachen, meine Tumore am Fuß hätten damit nichts zu tun.«

Der Alptraum von Ottawa war auch nach der Schließung der Kelly-Werke nicht vorbei. Dokumentarfilmerin Langer zeigt, wie durch Fahrlässigkeit und Schlampereien der radioaktive Schutt über die ganze Stadt verteilt wurde.

Erst 1968 war die alte Radium-Dial-Fabrik abgerissen worden. In der Zwischenzeit hatte sie als Lagerhaus für Fleisch gedient - bis auf eines seien alle Familienmitglieder des Betreibers an Krebs gestorben, weiß eine der Interviewpartnerinnen im Film. Für den Abbruch der Fabrik zogen die Eigentümer weder Umwelt-Experten noch die Behörde für nukleare Sicherheit zu Rate. Sie setzten eine Annonce in die Zeitung und boten die - radioaktiv verseuchten - Trümmer zur freien Abholung an. Nun weiß niemand, wo überall in der Stadt das Zeug verstreut ist.

Messungen in verschiedenen Gegenden von Ottawa lassen Geigerzähler knattern. Bis zu sieben Millirem je Stunde - dreieinhalbmal mehr, als die Behörden für sicher erklären - strahlen von Grundstücken, die nicht einmal als gefährlich beschildert oder eingezäunt sind. »Have a nice half life«, höhnt ein Graffito auf der alten Friedhofsmauer: 1580 Jahre beträgt die physikalische Halbwertzeit von Radium, die Zeit, in der jeweils die Hälfte einer Menge eines radioaktiven Elements zerfallen und unschädlich geworden ist.

Mit den Messungen befaßt ist Ken Ricci, Mitglied einer Bürgerinitiative, der mit einem Geigerzähler durch die Stadt streift. »Mir fiel ein Platz auf«, sagt Ricci, »der selbst im tiefsten Winter matschig war, wo kein Schnee liegenblieb.« Unter dem Sportplatz und auf dem Wochenmarkt, wo frisches Gemüse und Eier verkauft werden, am Flußufer und auf verschiedenen Privatgrundstücken - überall hat Ricci erhöhte Werte gemessen.

Im wesentlichen sind es die gleichen Orte und Werte, wie sie die Sicherheitsingenieure der Atombehörde von Illinois ermittelt haben. Erst kürzlich kaufte die Behörde aus Sicherheitsgründen ein Grundstück auf, dessen Radonwerte mehr als fünfmal höher lagen als zulässig. Mindestens zwei weitere Grundstücke sollen ähnlich hohe Werte zeigen, _(Aufgenommen bei einem Picknick. )

doch dafür ist kein Geld mehr da. Tim Runyon, ein Sprecher der Behörde: »Das ist Kellys Dreck. Für Grundstücksgeschäfte sind wir nicht zuständig.«

Die Bürgerinitiative mit dem bösen Namen »Rape«, was eigentlich Vergewaltigung heißt, aber für »Residents against a polluted environment« steht, hat immerhin dafür gesorgt, daß sich der Skandal mit den verseuchten Trümmern nicht wiederholte, als 1985 das zweite, das Luminous-Gebäude, abgerissen wurde; diesmal blieb der Bauschutt nicht in der Stadt.

Mit schwarzen Buchstaben war die Parole quer über die Ziegelfront gemalt: »Dial Luminous for Death«. Carole Langer hat den Abriß der Fabrik gefilmt und dabei wahrscheinlich eine ungesunde Portion Radium eingeatmet, ebenso wie die Arbeiter, die zum Teil in T-Shirts und ohne Mundschutz die alten Holzbalken zum Abtransport zersägten und in Tonnen verstauten. Die Aufseher von der Atombehörde standen derweil in Atemmaske und Schutzanzug dabei.

6,5 Millionen Dollar hat die »Entsorgung« der Fabrik den Steuerzahler gekostet. Der Verursacher - inzwischen Joseph A. Kelly jun., der Sohn - hat sich nach alter Familientradition aus dem Staub gemacht. Wie in einem anderen seiner Werke, in Georgia, das er auch über Nacht verließ, hat er Bankrott angemeldet und seine Zahlungsunfähigkeit erklärt.

Die Sorge, daß Kelly noch ein weiteres Mal zu dieser Taktik greifen könnte, plagt unterdessen die Bewohner in New York: Dort, im Stadtteil Queens, unterhält die 75 Jahre alte Radium Chemical Company eine weitere - stillgelegte - Fabrik, deren Sicherheitsrisiken den New Yorker Behörden die Haare zu Berge treiben.

Bis vor vier Jahren wurden in diesem Werk Radium-»Nadeln« produziert, die in der Krebstherapie verwendet wurden. Inzwischen gibt es in der ganzen Welt keine Abnehmer mehr dafür - die gefährliche Ware stapelt sich in Queens.

Wegen mehr als hundert zum Teil unglaublichen Sicherheitsverstößen wurde das Werk amtlich geschlossen: Radium-Sendungen waren beim Transport von und nach Manhattan spurlos verschwunden, radioaktive Spuren fanden sich im städtischen Sielnetz nahe der Fabrik. 40fach überhöhte Strahlungswerte - bis zu 80 Millirem pro Stunde - wurden letztes Jahr im Oktober an den Fenstern der verlassenen Produktionsstätte gemessen.

140 Gramm Radium - wahrscheinlich die größte Ansammlung dieses Elements irgendwo auf der Welt - werden in dem Gebäude vermutet, eingeschlossen in 2000 zum Teil schon leck gewordenen Phiolen aus einer Platinlegierung. Rund sechs Millionen Dollar, so eine Schätzung, wird es kosten, das Gebäude zu entseuchen und das teuflische Radium loszuwerden.

Die Bürger von Ottawa wollen an ihre Strahlen-Altlast möglichst nicht mehr erinnert werden. Nur die letzten Überlebenden der alten Leuchtziffer-Fabrik und ein paar meist ältere Bürger, die nicht mehr um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, sprachen freimütig vor den Kameras der Filmemacherin. »Die Zeiten sind wieder hart«, erläutert Ricci, »die Arbeitslosigkeit bei uns ist hoch. Jeder hier fürchtet neue Schlagzeilen. Wir haben Angst, den japanischen Arbeitgeber, auf den wir hoffen, zu vertreiben.«

Aber auch wenn die Bewohner von Ottawa vergessen wollen, geht der ganz gewöhnliche Alptraum hier weiter. Jäger finden Rehe, die von Tumoren übersät sind; Haustiere werden nicht ak. Frauen fürchten Genschädigungen. Kinder, deren Eltern nie in Kellys Fabriken gearbeitet haben, leiden an Leukämie und Lebertumoren.

In New York verteilt Konzernchef Kelly jun. Presseerklärungen, in denen er sich rühmt, die Radium Chemical sei »stolz auf ihren guten Sicherheitsstandard und auf die Sorge um das Wohlergehen der Angestellten«. In der Geschichte der Firma habe es »niemals einen sicherheitsbedingten Unfall gegeben«.

Die duldsamen Opfer, die das Gegenteil beweisen, führt Carole Langer in ihrem Dokumentarfilm vor - sie liegen auf dem Friedhof in Ottawa.

Die Filmemacherin war dabei, als Forscher des Argonne-Instituts die Überreste von Radium-Arbeiterinnen aus den zwei Tonnen schweren Betonsärgen meißelten, um sie zu Untersuchungen ins Labor zu schaffen. Auch nach 50 Jahren knatterte über den verwesten Körpern heftig der Geigerzähler.

Bei der Ausbildung in einem Saal der zur Fabrik umgebauten OttawaHigh School.Aufgenommen bei einem Picknick.

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