Kevin Spacey vor Gericht House of Justice

In London musste Hollywoodstar Kevin Spacey erstmals wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe vor Gericht erscheinen. Es ist der Auftakt eines vermutlich langen Strafverfahrens.
Aus London berichtet Nora Gantenbrink
Schauspieler Kevin Spacey vor Gericht in London

Schauspieler Kevin Spacey vor Gericht in London

Foto: David Cliff / AP

Seit sechs Uhr morgens hat sich die internationale Presse vor dem Westminster Magistrates’ Court in London versammelt. Der Grund dafür ist an der hölzernen Tür am Gerichtssaal 1 angeschlagen. FOWLER steht dort, der Nachname von Kevin Spacey. Case Number 2201021068. Erstmals muss Spacey selbst zu einer kurzen Anhörung vor Gericht erscheinen. Vorgeworfen werden ihm sexuelle Übergriffe an mehreren Männern.

Blitzlichtgewitter ist Kevin Spacey sein Leben lang gewohnt gewesen. Aber als der zweifache Oscar-Gewinner (»Die üblichen Verdächtigen«, »American Beauty«) und ehemalige »House of Cards«-Star heute Morgen in Gefolgschaft seines amerikanischen Anwalts von Fotografen vor dem Gericht umringt wird, erahnt man, obwohl er mit einem Lächeln durch die Menge schreitet, dass er auf diesen Auftritt lieber verzichtet hätte. Spacey trägt einen blauen Anzug und eine gepunktete Krawatte und blickt geradeaus. Fragen beantwortet er nicht.

Der Absturz der Hollywood-Größe Kevin Spacey begann im Jahr 2017, dort werden im Zuge der #MeToo-Bewegung erstmals Vorwürfe von Männern laut, dass Spacey diese sexuell belästigt haben soll. Auch das Old-Vic-Theatre in London, dessen künstlerischer Direktor Spacey zwischen 2004 und 2015 war, berichtete im selben Jahr von 20 Beschwerden, die wegen unangemessenen Verhaltens gegen den Schauspieler eingegangen seien.

Auch Crewmitglieder der US-amerikanischen Netflix-Serie »House of Cards« warfen Spacey sexuelle Belästigungen vor. Spaceys Name wurde im Zuge der #MeToo-Debatte Bewegung in einem Atemzug mit Harvey Weinstein genannt. Der Streamingdienst Netflix kündigte die Zusammenarbeit mit ihm. Die Erfolgsserie »House of Cards« wurde ohne ihn fortgesetzt. Aus dem bereits abgedrehtem Film »All the Money in the World« wurde Spacey rausgeschnitten. Kevin Spacey verschwand von der Bildfläche – und das nicht nur im metaphorischen Sinne.

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Spacey selbst hat immer wieder seine Unschuld beteuert. Auch vor seinem Auftritt in London. Dem US-Sender ABC hatte Spacey bereits angekündigt, sich dem Verfahren zu stellen. Spacey: »Ich werde mich gegen diese Vorwürfe verteidigen und bin optimistisch, dass meine Unschuld nachgewiesen wird.«

Kevin Spacey in seiner Rolle als Frank Underwood in der ersten Staffel von »House of Cards«

Kevin Spacey in seiner Rolle als Frank Underwood in der ersten Staffel von »House of Cards«

Foto: Capital Pictures / ddp

Diesen Eindruck versuchen Spaceys Anwälte und er selbst auch bei dem kurzen Auftritt vor Gericht in London zu vermitteln. Spacey betritt den Gerichtssaal selbstbewusst, schaut immer wieder den Anwesenden und Zuschauern direkt ins Gesicht. Nennt dem Richter seinen Namen, Geburtsdatum und seine Adresse.

Die Anhörung selbst dauert nicht einmal 30 Minuten, aber in seinem Redebeitrag macht Spaceys Anwalt klar, wie kooperativ sein Mandant sei. Und auch wie unschuldig. Der Gesprächsbeitrag von Spaceys Verteidiger steht allerdings im starken Widerspruch zu dem, was Spacey in der Anklage vorgeworfen wird.

Anklage auf »penetrierende sexuelle Aktivität ohne Zustimmung«

Spacey wird sich in den kommenden Wochen wegen Vorwürfen von sexuellen Übergriffen in vier Fällen gegen drei verschiedene Männer verantworten müssen. Der Tag heute ist nur der Auftakt eines höchstwahrscheinlich langwierigen Strafverfahrens. Die mutmaßlichen Taten sollen in den Jahren 2005 bis 2013 in London und der Grafschaft Gloucestershire stattgefunden haben. In einem weiteren Fall lautet die Anklage auf »penetrierende sexuelle Aktivität ohne Zustimmung«. Der Begriff »ohne Zustimmung« wird an diesem Tag mehrfach verlesen.

Der Prozess in London, beschließt der Richter in London, werde am 14. Juli vor dem Southwark Crown Court fortgesetzt. Bis dahin darf Spacey auf freiem Fuß bleiben und auch weiter in die USA reisen. Ein zuvor erlassener Haftbefehl wurde aufgehoben.

Sein Verteidiger hatte vor Gericht gesagt, das Gesicht seines Mandanten sei »well-known«, sehr bekannt. Wo bitte solle Spacey bei seiner Bekanntheit denn untertauchen? Es bestehe keinerlei Fluchtgefahr. Zudem lebe Spaceys neunjähriger Hund in den USA.

Als Spacey das Gerichtsgebäude verlässt, schaut eine Mitarbeiterin des Gerichts dem Presserummel von einem Fenster im ersten Stock aus zu. »So viele gefallene Stars«, sagt sie leise. »Erst Boris Becker, jetzt Kevin Spacey.«

Tut er ihr leid?

»Mir tut niemand leid, der Scheiße baut«, sagt die Mitarbeiterin.

In New York muss sich Spacey bald zudem noch einer Zivilklage stellen. Der Kläger Anthony Rapp gibt an, zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Übergriffs erst 14 Jahre alt gewesen zu sein. Ein Richter in New York hatte Spaceys Antrag, die eingereichte Klage abzuweisen, am Montag abgelehnt.

Bislang wurde Kevin Spacey vor allem von Hollywood für seine mutmaßlichen Taten abgestraft. Nun müssen Gerichte in London und New York entscheiden, ob und in welchem Maße er schuldig oder unschuldig ist.

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