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POP Kieksstimme Amerikas

aus DER SPIEGEL 50/1998

Was gibt es Interessanteres als einen Fall von amerikanischem Mädchen-Irrsinn am Ende des amerikanischen Jahrhunderts? Vor fast vier Jahren veröffentlichte ein 20jähriges Mädchen mit dem Hippie-Vornamen Jewel (und dem kaum beachteten Nachnamen Kilcher) eine Platte mit Teenager-Lyrik und kieksigem Gesang zu Gitarrenbegleitung; und weil ihre Songs viel von Unschuld und Reinheit erzählten, verkaufte Jewel nicht nur eine Menge - zehn Millionen - CDs an junge Menschen, sondern brachte es auch zu einer Titelgeschichte im US-Magazin »Time": Dort wurde sie verklärt zum Idol einer neuen, unschuldigen und irgendwie reinlichen Generation. Im Rest der Welt allerdings fand man die junge Frau nur kieksstimmig, lahm und nicht weiter der Rede wert.

Mittlerweile ist Jewel in den USA auch als Autorin eines ätzend harmlosen Gedichtbandes erfolgreich, sie hat als zeitweilige Freundin des Hollywood-Stars Sean Penn ein paar Erfahrungen gesammelt und berichtet im Interview, wie sehr ihr das Unschulds- und Idolgetöse der US-Medien auf die Nerven geht. Alles zweifellos hoch interessant. Nur leider ist Jewels neues Album »Spirit« abermals eine Sammlung von gnadenlos ärmlichen, schauerlich gesungenen Kleinmädchenliedern, in denen es pausenlos um die Suche nach Sinn im entseelten Hier und Jetzt geht, und deshalb wird Jewel weiterhin ein sehr amerikanisches Phänomen bleiben: Diesseits der USA wird man weiterhin nur ein Achselzucken für den Jewel-Rummel übrig haben - is' ja interessant.

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