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BUCHMARKT Kiepenheuer, Witsch & weg?

Deutschland im Benjamin-Lebert-Fieber: Nichtleser lesen, die Medien streiten, ein Verlag feiert. Der Jungautor selbst genießt - und schweigt.
aus DER SPIEGEL 15/1999

Ein Kuscheltier im Arm, den Erfolg im Blick: So posiert auf einem Werbefoto Deutschlands jüngster Schriftsteller. Er heißt Ronny Mampe, kommt aus Neubrandenburg, und im Mai erscheint im Suhrkamp Verlag sein Debütroman »Butzibutzi!« - stolze 36 Seiten »auf abwaschbarem Kartonpapier«. Mampe ist vier Jahre alt.

Ein Genie? Der kindische Traum jedes Buch-PR-Agenten? Noch nicht: Der Mini-Literat ist eine Erfindung des Satiremagazins »Titanic«, das seinen Lesern auch das angebliche Erstlingswerk einer Münchner Vorschülerin ans Zynikerherz legt ("eine packende Kriminalstory im Sechsjährigenmilieu") sowie »ein Enthüllungsbuch aus dem Innern einer Krabbelgruppe« anpreist. Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld wird mit den Worten zitiert: »Hoffentlich kauft auch wer den Quark!«

Auch dieses Zitat ist erfunden; Benjamin Lebert aber gibt es wirklich. Und auch die Zahlen sind echt: Der Autor ist 17 Jahre alt und sein Roman »Crazy« seit zwei Monaten auf dem Markt. 130 000 Exemplare hat der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) bislang davon verkauft, die sechste Auflage liegt in den Buchhandlungen. Das heißt: Sie liegt eben nicht; die Leute kaufen wie verrückt. »So etwas«, jubiliert der KiWi-Vertriebsleiter, »hatten wir zum letztenmal bei Günter Wallraffs Enthüllungsbuch ,Ganz unten''«. Das war 1985.

Im Jahr 1999 grassiert in Deutschland, so die »Abendzeitung«, der »kollektive Kinderwahnsinn«. Alle wollen lesen, was Jungspund Benjamin im Internat erlebt, erlitten, erfühlt hat. Und wenn sie es gelesen haben, wollen offenbar fast alle auch gleich darüber schreiben.

Den Anfang machte Elke Heidenreich. Im SPIEGEL (7/1999) lobte sie »Crazy« als »ein ganz und gar erstaunliches und wunderbares Buch von einem hochtalentierten, sehr jungen Autor«. Prompt giftete ein anderer hochtalentierter junger Autor, der Journalist Florian Illies, 27, in der »Frankfurter Allgemeinen« über Lebert und »die deutsche Medienmaschinerie«. Überschrift: »Das Kind - Wie ein Schriftsteller gemacht wird«.

Wie eine Debatte gemacht wird, demonstrierte die »FAZ« fünf Tage später: Weil es sonst keiner tat, rühmte sie den Entdecker des »Literatur-Mozarts": den Kolumnisten Maxim Biller. Autor der Eloge: Biller selbst. »Junggenie bleibt eben Junggenie«, fabulierte der Kolumnist, 38; ob er damit Lebert meinte oder doch eher sich selbst, blieb unklar.

Seitdem hyperventilieren die Kritiker. Kein Blatt ohne Beitrag über Benni. »Daß er einer Münchner Journalistenfamilie entstammt, war wenig hilfreich«, glaubte der »Stern« - einen Tag später, der Februar war noch nicht vorbei, kürte mit hellseherischem Weitblick das Magazin der »Süddeutschen Zeitung« (Gründungschefredakteur: Benjamins Vater) »Crazy« zum »Buch des Jahres«.

Je länger andere Blätter das Phänomen verpennt hatten, desto engagierter wurde verrissen. Die »Berliner Zeitung« ging mit einem Goethe-Zitat auf den Schulabbrecher Lebert los ("Das Schicksal des beneidenswerten Wurms"), der Rezensent der »Welt« schmeckte, igitt, eine »Buchstaben-Suppe, die vorwiegend von Nicht-Literaturkritikern angerührt« wurde, und die »Zeit« (für die Benjamins Vater gerade das »Zeit-Magazin« beerdigt), legte in gleich vier Artikeln dar, das Buch sei total unbedeutend.

Das ist es mit Sicherheit nicht. Schon allein deshalb nicht, weil es offenbar eine

* Bei einer Lesung im Hamburger Mojo-Club Ende März.

Generation zum Lesen bringt, die sonst, glaubt man Kulturpessimisten, nur vor der Glotze hängt - eben »neue Leser, die das Buch kaufen wie eine CD«, erklärt KiWi-Cheflektor Helge Malchow, der Leberts Erfolg mit dem »Boygroup-Phänomen« vergleicht.

Tatsächlich bestellen 14-, 15-, 16jährige »Crazy« inzwischen gleich für ihre ganze Schulklasse - und lesen das Buch, wie sie sonst das Pubertäts-Zentralorgan »Bravo« studieren: um sich zu vergewissern, daß sie genauso ticken wie alle anderen Jugendlichen auch. Daß alle anderen auch dauernd an das eine denken, schlecht in Mathe sind und Probleme mit den Eltern haben. Und ihre Eltern kaufen es, weil sie wissen wollen, warum ihre Kinder, die keine mehr sind, dauernd an das eine denken, schlecht in Mathe sind und mit ihnen Probleme haben. Macht zusammen 130 000 Käufer.

Bis jetzt. Denn Leberts Buch läuft und läuft: Soeben hat Kiepenheuer & Witsch »für einen sechsstelligen Betrag« die Rechte für die US-Ausgabe von »Crazy« an den renommierten New Yorker Verlag Alfred A. Knopf verkauft - im eigensäftlerischen deutschen Literaturbetrieb eine Sensation. Auch für Dänemark, Holland, Südkorea und Japan sind die Lizenzen inzwischen vergeben; aus Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien liegen Angebote vor - »Crazy« global.

Damit nicht genug: Bis zu 140 000 Mark sollen für die Filmrechte geboten worden sein - viel Geld für einen Roman fast ohne Handlung. Am Ende erhielten die Münchner Produzenten Jakob Claussen und Thomas Wöbke ("Jenseits der Stille«, »23") den Zuschlag; der Vertrag wird demnächst unterzeichnet; im August sollen die Dreharbeiten beginnen. Der Regisseur Hans-Christian Schmid arbeitet bereits mit Lebert an einem Drehbuch.

Wird da ein junger Mensch ruiniert? Kiepenheuer, Witsch & weg?

»Er wollte es so«, sagt seine Lektorin Kerstin Gleba, 30. Sie habe Lebert aufgrund seiner literarischen Fähigkeiten gefördert, nicht wegen seiner Vermarktbarkeit: Er hätte auch ein unansehnlicher Stubenhocker sein können, »von dem man kein Foto machen kann«. Und überhaupt: »Auch ein 17jähriger kann entscheiden, was gut für ihn ist.«

Das stimmt. So hat Benjamin Lebert zum Beispiel entschieden, nicht mehr mit Journalisten zu reden. Zumindest nicht mit denen, die nicht mit ihm verwandt sind. MARTIN WOLF

* Bei einer Lesung im Hamburger Mojo-Club Ende März.

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