Kim Gordon über die US-Wahl "Kein New Deal, aber immerhin ein Anfang"

Mit Sonic Youth erneuerte sie die Rockmusik, im Wahlkampf unterstützte sie Bernie Sanders. Hier erklärt Kim Gordon, weshalb sie auch mit Joe Biden als US-Präsident an die Veränderung glaubt.
Ein Interview von Max Dax
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Jo Hale / Redferns / Getty Images

SPIEGEL: Kim Gordon, fühlen Sie sich erschöpft nach dieser US-Wahl?

Kim Gordon: Ja, ich fühle mich erschöpft. Wir hatten es zwar genau so erwartet, und doch wundern wir uns immer wieder, weshalb es bei uns so schwierig ist, eine Wahl zügig auszuzählen. Und es wird allem Anschein nach ja nicht besser: Jetzt kommen die Anfechtungen und die Forderungen nach Nachzählungen. Aber Joe Biden hat das Rennen gemacht. Das ist ein Anfang, wenn auch vielleicht kein New Deal.

SPIEGEL: Wird Trump die Niederlage irgendwann akzeptieren?

Gordon: Keine Ahnung. Er lebt in Wahnvorstellungen, in einer Fantasiewelt, er wirkt entrückt.

SPIEGEL: Es heißt, dass nur noch seine Tochter mit ihm sprechen könne…

Gordon: Ich denke, es ist jetzt die Stunde der Republikaner gekommen, um Trump zurück in die Realität zu holen und ihm zu sagen: Es ist Zeit zu gehen, Mr President.

SPIEGEL: Wie wird die Zukunft ohne Trump aussehen?

Gordon: Ohne Trump? Sie meinen wohl: Wie sehr wird Trump von nun an jeden Schritt von Joe Biden medial kommentieren! Ich fürchte, dass wir in den kommenden vier Jahren nicht eine Minute weniger Sendezeit von Trump zu sehen bekommen werden. Er wird uns dank der Medien, die er kontrolliert, weiterhin täglich auf die Nerven gehen.

SPIEGEL: Haben Sie als Stimme Ihrer Generation eine Botschaft an Mr Trump?

Gordon: Er liebt doch Twitter und Hashtags. Wie wäre es mit: #youarealoser – das ist meine Botschaft an ihn. Vielleicht liest er sie ja tatsächlich. Gerade weil wir wissen, dass seine Aufmerksamkeitsspanne so niedrig ist, dass sie kaum in Worte zu fassen ist.

SPIEGEL: Gibt es irgendetwas Positives an seiner Präsidentschaft festzuhalten?

Gordon: Ehrlich gesagt: ja. Er hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie angreifbar unsere demokratische Verfassung ist. Wenn man sie jetzt wehrhafter gestaltet, wird man Trump vielleicht eines Tages noch dankbar sein. Auch war sein Versprechen, nicht die Polit-Elite in Washington zu repräsentieren, sondern die Bevölkerung Amerikas, für mich im Kern nachvollziehbar. Es kann nicht angehen, dass die Politiker die Bedürfnisse der Menschen, die sie repräsentieren, ignorieren. Allerdings haben sich seine Versprechen als leere Worthülsen entpuppt. Am Ende war er nur ein Narzisst.

SPIEGEL: Und was werfen Sie ihm am meisten vor?

Gordon: Dass er die Spaltung und den Hass in der Bevölkerung willentlich geschürt hat. Er hat sich zudem korrupt verhalten und hat Ministerien nicht nach Kompetenz, sondern nach Loyalität neu besetzt. Am schlimmsten war es, dass er den Supreme Court mit rechten Richtern neu besetzt hat. Das wird uns noch Jahre wie ein Albtraum verfolgen. Er behauptet, ein Mann der Arbeiter zu sein, der Fabriken bauen will, aber tatsächlich geht es ihm um den schnellen, virtuellen Medienerfolg. Das bezeichnen wir in Amerika als instant gratification – und das hat nichts mit den Werten der Arbeiterklasse zu tun.

SPIEGEL: Sie haben Bernie Sanders unterstützt, Sie haben für ihn sogar einen Kuchen auf Instagram gebacken, als er noch im Rennen war. Wäre er der bessere Kandidat gewesen?

Gordon: Er wäre vielleicht der bessere Präsident geworden. Aber er hat den Fehler gemacht, sich rhetorisch in die sozialistische Ecke drängen zu lassen. Hat man in den USA erst einmal das Label "Sozialist" angeheftet, bekommt man es schwer wieder weg. Dabei hätte er viel glaubwürdiger als Biden für den so dringend benötigten New Deal gestanden.

SPIEGEL: In der letzten Ausgabe vom SPIEGEL hat der heute 89-jährige Jac Holzman , der Gründer der Plattenfirma Elektra, beklagt, dass die amerikanische Gegenkultur dramatisch versagt habe. Kaum ein Musiker, auch Bob Dylan nicht, habe sich offen gegen Trump gestellt.

Gordon: Das kann ich so nicht stehen lassen. Es gab in der Musikszene viele, die sich positioniert haben. Ich denke da an den Rapper Killer Mike oder die gesamte Downtown-for-Democracy-Bewegung. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass Protestsongs heute keinerlei Wirkung mehr haben – anders als in den Sechzigerjahren, als ein Dylan-Song gegen das Establishment noch einen Nachrichtenwert hatte. Man kann also nicht naiv einfordern, dass die Musiker sich heute so zu artikulieren hätten wie früher, um als kritische Stimmen akzeptiert zu werden.

SPIEGEL: Sind Sie jetzt, wo Joe Biden der nächste Präsident der USA wird, zuversichtlich oder gar optimistisch, was die Zukunft Ihres Landes anbetrifft?

Gordon: Klar bin ich optimistisch – denn Trump ist weg. Oder zumindest sollte er jetzt weg sein. Denn machen wir uns nichts vor: Die wirklich wichtigen Krisen stehen uns noch bevor. Ich denke da vor allem an den Klimawandel. Allein Trumps Präsenz im höchsten Amt der USA hat die allernötigsten Schritte nicht nur verlangsamt, sondern sogar die Bemühungen seines Vorgängers Obama zunichtegemacht. Und dass Joe Biden in seiner ersten Wortmeldung angekündigt hat, dass die USA dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten werden, zeigt doch, dass nicht alle Hoffnung verloren ist.

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