Zur Ausgabe
Artikel 78 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FILM Kimbles kleiner Bruder

»Moonwalker« von Jerry Kramer und Colin Chilvers. Episodenfilm. USA, 1988, 96 Minuten; Farbe.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Es beginnt wie ein gewöhnlicher Konzert-Film: Vor verzückt kreischenden kleinen Mädchen singt Michael Jackson, der mittlerweile 30jährige gebleichte schwarze Popstar, den Hit »Man In The Mirror«. Zu sehen sind glückliche und weinende Gesichter, Pop-Alltag in den Freiluftarenen zwischen Tokio und Graz.

Dann nimmt der Irrsinn seinen Lauf. Von Jackson ist das Publikum allerlei Verwirrendes gewohnt: Der Mann liebt seinen Affen (stärker als seine Mutter), er singt und tanzt wie kein zweiter und ist das Idol der 8- bis 18jährigen. »Moonwalker« indes ist aberwitzig. Erst schwenkt die Kamera über die Devotionalien-Ablage des jungen Helden, und schon ist der Start frei für einen Amoklauf durch das gruslige Zauberreich der Special Effects.

»Eine magische und musikalische Reise« verspricht der Verleih, »ein Film wie kein anderer« lautet der Werbeslogan zu »Moonwalker«, dem ersten weltweit vertriebenen Kinofilm mit Jackson. Doch das, was auf der Leinwand zu sehen ist, besitzt die Magie einer öffentlich-rechtlichen Kinderstunde, offenbart die Entdeckungslust eines notorischen Stubenhockers. Die Ideen zu diesem Film nämlich lieferte Jackson selbst. Und das macht das krude Werk zu einem geradezu pathologischen Dokument.

»Moonwalker« ist eine rasende Irrfahrt von Episodenfilm zu Episodenfilm. »Speed Demon« und »Leave Me Alone« zeigen Jackson als Richard Kimbles kleinen Bruder: Immer ist er auf der Flucht. Gehetzt von einer Meute ebenso bizarrer wie bedrohlicher Trickfilmwesen kurvt er auf dem Motorrad davon, wozu er, ein humoristischer Höhepunkt, eine Karnickelmaske über die schwarze Lockenpracht stülpt. Später wird der Star zum Opfer von Reporter-Neugier und Vergnügungssucht: ein schlafender Riese, auf dessen Körper Karussells und Achterbahnen gepflastert sind, von denen er sich erwachend befreit.

»Smooth Criminal« schließlich, der weitaus längste »Moonwalker«-Schnipsel, präsentiert Jackson als freundliches Fabelwesen vom andern Stern. Gemeinsam mit einem niedlichen Kindertrio kämpft der reife Knabe gegen eine Horde böser Drogengangster, verwandelt sich schließlich in ein Raumschiff samt Bordkanone und hebt vorläufig ab.

Und die Musik? Viele Songs werden nur angespielt, die öde Drogenplotte ist fast gänzlich mit handelsüblichen Fantasy-Geigen unterlegt. Wem von den gehetzten, rhythmuslosen Schnitten der beiden Regisseure Jerry Kramer und Colin Chilvers noch nicht schwindlig wurde, dem dreht sich spätestens hier der Magen um.

Zur Ausgabe
Artikel 78 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.