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THEOLOGEN / MOLTMANN Kinder des Protestes

aus DER SPIEGEL 4/1968

In drei Jahren stieg das Buch eines jungen deutschen Gottesgelehrten In die Spitzenklasse der theologischen Weltliteratur auf: die »Theologie der Hoffnung« des jetzt in Tübingen lehrenden Professors Jürgen Moltmann, 41*.

Sechs deutsche Auflagen sind bisher von Moltmanns Buch erschienen. In fünf Sprachen wurde es übersetzt -- in die holländische, englische, italienische, japanische und nun auch in die französische.

Als »Herold eines neuen Protestantismus« wird Moltmann in den USA gerühmt (Theologie-Professor Frederick Herzog). Universitäten in der Tschechoslowakei, den Niederlanden, den USA und der DDR riefen Moltmann zu Vorträgen. Es gibt in der Welt kaum eine theologische Zeitschrift von Rang -- ob protestantisch oder katholisch -, die nicht über Moltmanns Theologie berichtet hat.

Wahrscheinlicher Grund des ungewöhnlichen Buch-Erfolges ist der revolutionäre Inhalt von »Theologie der Hoffnung«.

* Jürgen Moltmann: »Theologie der Hoffnung«. Chr. Kaiser Verlag, München; 344 Seiten; Leinen 22 Mark.

** Wolf-Dieter Marsch: »Diskussion über die »Theologie der Hoffnung"«. Chr. Kaiser Verlag, München; 240 Seiten; 12,50 Mark.

Moltmann propagiert darin ein umstürzlerisches, gesellschaftsänderndes -- wie er sagt: ursprüngliches -- Christentum und offeriert damit Christen und Kirchen eine Theologie, die zu aktiven, ja aggressiven Auseinandersetzungen mit der politischen Umwelt ermächtigt und anfeuert.

Die Christen, so ruft Moltmann seine Glaubensbrüder auf, sollen der Wirklichkeit nicht mehr »die Schleppe nachtragen, sondern die Fackel voran

Jetzt erschien eine erste Auslese der weltweiten Moltmann-Diskussion, eine Sammlung der Äußerungen von zwölf protestantischen und katholischen, west- und ostdeutschen, tschechoslowakischen und holländischen Theologen -- Titel: »Diskussion über die »Theologie der Hoffnung,"**

Die Bilanz der darin enthaltenen zwölf Ansichten kommt der des holländischen Theologen Johan Marie de Jong ziemlich nahe: Angesichts der zur Zeit geläufigen Theologien, die wahrlich nicht »in das bleich gewordene Christenblut Eisen gespritzt« hätten, leiste Moltmanns Buch ausgezeichnete Dienste, indem es die »letzte Perspektive« des Christentums aufzeige: das »kommende Reich Gottes«.

Eisen -- noch mehr Eisen als in der »Theologie der Hoffnung« -- hat Moltmann nun in einem Nachwort zu der Zwölfer-Sammlung untergebracht. Ein kräftiger Schuß Marcuse-, Adorno- und Dutschke-Vokabular verleiht der ohnehin aufsässigen Hoffnungs-Theologie aktuelle Brisanz.

Wie jene Propheten und Agitatoren des Neo-Marxismus prangert Moltmann im Nachwort die gegenwärtige Gesellschaft als »repressiv« an.

Wie jene fordert er auf, »intolerant gegen die Mächte und Wortführer des status quo« zu sein.

Wie jene empfiehlt er, für die Bedrängten zu »demonstrieren«, damit eine »humane Gesellschaft« entstehe.

Die Christen, meint er, sollten »mit den Protestierenden zu »Kindern des Protestes« werden«.

Die schon in der »Theologie der Hoffnung« vernehmbaren marxistischen Untertöne kommen nicht von ungefähr. Moltmanns philosophisches Idol ist ein Marxist: Ernst Bloch, 82, wie Moltmann Professor in Tübingen.

Blochs berühmtes Werk »Das Prinzip Hoffnung« hat offenkundig bei Moltmanns »Theologie der Hoffnung« Pate gestanden.

»Eine kleine Bloch-Musik« nennt sie deswegen auch Moltmanns Wuppertaler Kollege, Professor Wolf-Dieter Marsch.

Anders als Karl Marx, der Religionen pauschal als »Opium des Volks« disqualifizierte, beschrieb Bloch im »Prinzip Hoffnung« den Kommunismus -- als Vollendung alttestamentlicher Religiosität: »Wo Lenin ist, ist Jerusalem.«

Den fortschrittlichen Charakter des alten Judentums sah Bloch darin, daß es das Diesseits verändern wollte, ebenso wie es der Kommunismus heute proklamiert.

Im Anschluß an Blochs Judentum-Auffassung -- aber von da an mit ihm nicht übereinstimmend -- möchte Moltmann das Christentum als universale Fortsetzung und Steigerung der weltverändernden jüdischen Religion auffassen: als eine Bewegung mit »mobilisierender, revolutionierender und kritischer Einwirkung« auf die Umwelt.

Das zentrale christliche Ereignis ist für Moltmann die leibliche Auferstehung des Religionsgründers zu Ostern, am dritten Tage nach seiner Kreuzigung auf Golgatha -- so wie es seine Jünger bezeugt haben.

Moltmann mißt der Auferstehung deswegen so große Bedeutung bei, weil sie die radikalste Durchbrechung des status quo, des trostlosen Zustandes der Welt schlechthin, bedeute: »Dort, wo in der Auferweckung des Gekreuzigten die Grenzen durchbrochen sind, an denen alle menschlichen Hoffnungen sich brechen, dort kann und muß sich der Glaube zur Hoffnung weiten.«

Die nach Moltmann durch Christi leibliche Auferstehung gestiftete Hoffnung ist durchaus irdisch zu verstehen.

Moltmanns Eschatologie -- Lehre von den Letzten Dingen -- zielt auf das Gottesreich im Diesseits. So wie Christus auferstanden ist, sollen eines Tages alle Menschen auferstehen: »In dieser Hoffnung schwebt die Seele nicht aus dem Jammertal in einen imaginären Himmel der Seligen und löst sich auch nicht von der Erde.«

Wie politisch das gemeint ist, zeigt eine Auseinandersetzung Moltmanns mit den weltlichen, ideologischen »Utopien« der Neuzeit -- worunter Moltmann offenkundig vor allem den Kommunismus versteht und Karl Marxens Hoffnung auf eine »klassenlose Gesellschaft«.

Die christliche Hoffnung, die »auf Neuschöpfung aller Dinge durch den Gott der Auferstehung Christi« gerichtet sei, werde -- meint Moltmann -- die »Vermessenheit« solcher Utopien »zerstören«. Selbst wenn sie verwirklicht werden sollten, werde die christliche Hoffnung sich dadurch »nicht mit dem Dasein versöhnen« lassen.

Moltmanns Drohung, das Hoffnungs-Christentum werde die Utopien »zerstören«, hat ein überraschendes Motiv: Die Utopien sind ihm nicht revolutionär genug.

Sie trügen »Keime der Resignation« in sich, »die sich spätestens im ideologischen Terror der Utopien zeigen, mit denen die erhoffte Versöhnung mit dem Dasein zur erpreßten Versöhnung wird«, womit Moltmann auf den Stalinismus und auf das heute noch in kommunistischen Staaten herrschende Polizei-Regime anspielt.

Andererseits aber bietet Moltmann den Utopien -- praktisch also wiederum dem Kommunismus -- ein christliches Bündnis an. Immerhin stecke in ihren »Vermessenheiten immer noch mehr wahre Hoffnung als im skeptischen Realismus und auch mehr Wahrheit«.

Darum sollten die »Richtungsstöße«, die von den Utopien ausgehen, laut Moltmann »von der christlichen Hoffnung aufgenommen und weiter getragen« werden.

Moltmanns »kleine Bloch-Musik« hat zumindest innerhalb der Theologie eine Revolution verursacht. Zwanzig Jahre lang hätten, beobachtete der Münchner katholische Theologe Professor Heinrich Fries, die Lehren des großen »Entmythologisierers« Rudolf Bultmann die Bühne der evangelischen Theologie beherrscht. Moltmann hat nun Bultmanns Vorherrschaft in Gefahr gebracht.

Auch die christliche Eschatologie hatte Bultmann entmythologisiert. In den Berichten des Neuen Testaments von Auferstehung, Jüngstem Gericht, Gottesreich, neuem Himmel und neuer Erde sah Bultmann Legenden, die dem modernen Menschen nicht mehr zugemutet werden könnten.

Demgegenüber insistiert nunmehr Moltmann, der »Herold eines neuen Protestantismus": »Das Christentum steht und fällt mit der Wirklichkeit der Auferweckung Jesu von den Toten durch Gott.« Christlicher Glaube sei immer »Auferstehungsglaube«.

Während auf der einen Seite die modernen marxistischen Denker -- wie der DDR-Deutsche Robert Havemann, der jüdische Westdeutsche Ernst Bloch, der Franzose Roger Garaudy, der Pole Leszek Kolakowski -- neuerdings immer theologischer werden, neigen auf der anderen Seite die modernen christlichen Theologen in zunehmendem Maße zu revolutionären Ambitionen.

Im letzten Jahr in Marienbad -- wo auf einer Tagung der Paulus-Gesellschaft (SPIEGEL 20/1967) theologisierende Marxisten und revolutionäre Christen die Bühne beherrschten -- zeichnete Moltmann denn auch eine neuartige politische Weltkarte.

Er beschrieb einen geistig-politischen Front-Verlauf, der quer zum »Eisernen Vorhang«, zur ideologischen Grenze des Kalten Krieges, liegt.

In beiden »Lagern« der Welt, dem kommunistischen und dem westlichen, gebe es heute »Nonkonformisten": dort »kritische, humanistische« Marxisten, hier »kritisch-häretische« Christen.

Diese »Nonkonformisten aller Lager«, sollten sich -- so Moltmann -- »erkennen, um sich möglicherweise zu vereinen« und die »Konservativen« zu bekämpfen: dort die stalinistischen Marxisten, hier die staatskirchlichen Christen.

Neben Moltmann haben noch andere deutsche Theologen die Fahne einer christlich-revolutionären Hoffnung gehißt -- so der junge Mainzer Professor Wolfhart Pannenberg, 39.

In seinem letzten Buch ("Grundfragen systematischer Theologie"*) erklärt er Gott als die »Macht der Zukunft« schlechthin. »Sie ist die Macht des Widerspruchs gegen das Gegenwärtige.«

Ähnliche Gedanken propagieren seit langem im katholischen Lager die Professoren Karl Rahner, 63, und Johannes Baptist Metz, 39, der sogar »Gewalt« als Mittel christlicher Liebe nicht ausschließt.

»Wenn christliche Liebe«, trumpfte er auf, »sich gesellschaftlich mobilisiert als unbedingter Wille zur Gerechtigkeit und zur Freiheit für die anderen, dann kann unter Umständen gerade diese Liebe selbst revolutionäre Gewalt gebieten.«

Die neuen revolutionären Theologen sind oft der Fraternisation mit den Marxisten verdächtigt worden. Tatsächlich ist die Moltmannsche »Theologie der Hoffnung« ohne die »Richtungsstöße« des Marxismus nicht denkbar.

Doch hat jetzt -- in dem Sammelband »Diskussion über die »Theologie der Hoffnung"« -- der DDR-Theologe Christoph Hinz, 39, aus Merseburg darauf aufmerksam gemacht, daß Moltmanns »Widerspruchstheologie« sich in der marxistischen Umgebung der Deutschen Demokratischen Republik ganz anders ausnehme als dort, wo Moltmann seinen »Sitz im Leben« hat, nämlich in der Bundesrepublik.

Bloßes »Nein-Sagen« zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und bloßes Widersprechen«, wie es Moltmann im Westen empfehle, helfe der Gemeinde in der DDR nicht. Sie pendele dann zwischen »Assimilationsbewegung« und »erstarrtem, krankhaftem Protest«.

Deswegen dürfe der Christ nicht nur im Widerspruch mit der Umwelt leben, sondern sie auch lobpreisen -- mit dem Paulus-Wort: »Gott aber sei Dank

Tatsächlich wäre auch zu fragen, ob DDR-Landesvater Ulbricht an einer zwar am marxistischen Beispiel geschulten, aber auch prinzipiell »querulantischen« Hoffnungs-Theologie --

* Wolfhart Pannenberg: »Grundfragen systematischer Theologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen und Zürich; 400 Seiten; 29,80 Mark.

Moltmann bezeichnet christliche Hoffnung als einen »Querulanten im Denken« -- mehr Freude hätte als am konservativ-lutherischen Christentum, das sich seit je auf das Lob der Obrigkeit versteht.

Auch ist Moltmanns »Theologie der Hoffnung« in einem Punkt im Nachteil gegenüber dem Kommunismus: Soviel in ihr von »Zukunft« und »christlicher Sendung« die Rede ist, sie hat keine konkrete Vorstellung vom zukünftigen Gottesreich. Moltmanns Kollege Marsch: »Man wüßte gern genauer, wohin und wozu die Christenheit nun eigentlich »gesendet« wird und wie sie das macht.«

Moltmann jetzt zu solcher Kritik: »Was nicht ist, kann ja noch werden.«

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