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TV- SPIEGEL Kindheit mit Humor

Martin Morlock, 54, ist als Fernsehkolumnist ("Telemann), Fernsehautor und Kabarett-Texter bekannt geworden.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Im Jahre 1892 gab es den Panamaskandal. schrieb Gerhart Hauptmann »Die Weber«, erfand Carl Ludwig Schleich die Lokalanästhesie und wurde zu Ortisei im Valle Gardena ein Knabe namens Alois geboren, der später unter der Firmenbezeichnung »Luis Trenker« rund 50 Spiel- und Kulturfilme ("Der Feuerteufel«, »Grüß Gott. Herr Pfarrer"), einen Stapel Bildbände ("Meine Berge"), 15 literarische Fiktionen ("Das Tagebuch der Eva Braun") sowie eine Biographie ("Alles gut gegangen") hervorbrachte.

Seit 1959, als sein siebtes Lebensjahrzehnt zur Rüste ging, gefiel er nicht nur sich, sondern auch Millionen Fernsehzuschauern als Plauderer über Gott und die Bergwelt, und wäre ihm nicht am letzten Mittwoch ein Riegel vorgeschoben worden, hätte sein Ruf als kehlig tirolerndes, mit sämtlichen Extremitäten gestikulierendes Tele-Genie womöglich noch ein neuntes Jahrzehnt überstrahlt. Dieser Riegel hieß »Luis Trenker zum 80. Geburtstag, ein Rückblick« und war vom Bayerischen Fernsehen geschmiedet.

Wer rückzublicken bereit war, erlebte den Jubilar in dessen Geburtshaus, einem ehrfürchtig gebohnerten Trenker- Museum; begleitete ihn auf mehrere Dolomitengipfel und nach New York, wo laut Kommentar seine »mittlere Schaffensperiode« stattgefunden hat; bekam Bauchgrimmen« als der Gefeierte aus den Tiefen seiner Plaudertasche Antifaschistisches hervorflunkerte («... da hat der Herr Minister die Papp'n halten müssen") und registrierte staunend, daß man, um achtzig zu werden, drei Dinge benötige: »Xundheit, a Viertel Wein und« -- was immer das sein mag -- »an guat"n Humor.«

Vor allem bemerkte ein Betrachter, dem der Trenker Luis seit längerem nicht mehr mit dem Schirmscharm ins Haus gefallen war, was passiert, wenn ein Naturbursche ständig zu hören bekommt, wie natürlich er ist: Naive Freude am Geschichtenerzahlen gerinnt zu Werbespot-Gelatine, und der Stegreif, aus dem da scheinbar so lebfrisch fabuliert wird, hängt in Wahrheit längst an einem Karussellpferdesattel.

Gewiß, der Achtzigjährige posierte auf Höhen, zu denen keine Seilbahn führt, so wurzelknorrig, glitt ein Stückchen Skipiste so standsicher zu Tal, als ob er gerade siebzig geworden wäre. Auch die Früchte seines Nachdenkens standen denen anderer Hochbetagter nicht nach.

»Die Menschen kommen und gehen, die Berge bleiben«, ist eine absolut korrekte Feststellung, und bei einem Satz wie »Wenn man vergleicht mit gestern und heute, fällt der Vergleich dem Gestern zu«, weiß man immerhin, was gemeint ist. Dennoch wurden allzu viele Sendeminuten dazu benützt, eine Boeing beim Landen zu beobachten, und obwohl bei Persönlichkeiten der Zeit- und Sittengeschichte gerade das Charakterbild von Interesse ist, blieb auch diesmal die niemals völlig geklärte Frage offen, inwieweit Werke, die den Namen Trenker führen, von diesem nachgeschöpft, angeregt, mitverfaßt oder gar selber verfaßt worden sind.

Die nächsten fünf Geburtstage wolle er ohne gratulierendes Fernsehen auskommen, scherzte das Mirakel der Rüstigkeit am Ende der Sendung. Mag sein, daß sein Wille geschieht, doch spätestens 1982 wird der Bayernfunk wiederkommen und ihn auf eine nicht mehr ganz so hohe Bodenerhebung geleiten, wo der Luis dann wahlweise einen Handstand oder eine Anekdote vollführen und abermals resümieren kann: »Es war sehr schön.« Wie gesagt, Xundheit, a Viertel Wein und an guat'n Humor.

Martin Morlock
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