007-Dreh in Bregenz Wenn James Bond dir 38-mal auf den Fuß tritt

Etwa fünf Minuten des neuen Bond-Films "Quantum of Solace" spielen in Bregenz. In der österreichischen Stadt herrschte eine Woche lang Ausnahmezustand: Händler und Restaurants lockten mit 007-Specials, Regisseur Marc Forster und Hauptdarsteller Daniel Craig hatten keine ruhige Minute.
Von Siegfried Tesche

Marc Forster ist müde. Es ist kurz vor Mitternacht, und bis 6 Uhr wird noch gedreht. Forster zieht sich seine graue Strickmütze ins Gesicht, greift zur Wasserflasche, reibt sich die Augen und sinkt auf einem der schmucklosen grauen Regiesessel nieder, die am Set des neuen Bond-Films "Quantum of Solace" vor dem Festspielhaus in Bregenz stehen.

"Artist" steht auf der Rückenlehne. Nicht etwa sein Name oder der eines Hauptdarstellers. Seit Januar drehte Forster erst in den Pinewood Studios, dann in Panama, Italien, Chile - und jetzt in Österreich. Als der Schweizer Regisseur im November Berlin besuchte, um seinen Film "Drachenläufer" vorzustellen, sah er entspannter, erholter, gesünder aus als jetzt. Nicht so dünn und blass. Bond zehrt an den Nerven. Unter 200 Millionen Dollar soll er bleiben. Die Drehtage in Bregenz wurden von zehn auf acht gekürzt. "Auch bei James Bond hat man kein unbegrenztes Budget", sagt Location Manager Leonhard Gmür, der an seinem sechsten 007-Abenteuer arbeitet und einst bei "Octopussy" dafür sorgte, dass der Agent Ihrer Majestät über die Berliner Avus rasen durfte.

In den vergangenen Monaten haben Gmür und seine Frau Karin exakt 5297 Statisten gecastet, fotografiert und vermessen. Rund 300 sind an diesem Abend dabei, als Forster immer und immer wiederholen lässt, wie die Limousinen vor dem Festspielhaus vorfahren. Drinnen stehen die Gäste in eleganten Roben und schwarzen Smokings. Draußen sollen zahlreiche Kameras und Licht-Installationen dafür sorgen, dass der Platz vor dem Theater später im Film viel größer und beeindruckender wirkt als in der Realität.

Forster und sein Kameramann Roberto Schaefer haben sich ausführlich über das visuelle Konzept des Films Gedanken gemacht und festgestellt, dass sie beide die Polit-Thriller der siebziger Jahre schätzen – "Die drei Tage des Condor" etwa, oder "French Connection". Beides sind Klassiker des Genres. Und natürlich lieben sie - wie jeder - die frühen Bond-Filme mit Sean Connery.

Im Gespräch am nächsten Tag bestätigt der jetzt hellwache Forster, wie anstrengend der Bond-Dreh ist: "Ich habe das Gefühl, ich mache zwei oder drei Filme auf einmal, aber Orson Welles hat gesagt, man muss einmal in seinem Leben einen kommerziellen Film drehen." Er erwähnt auch, dass er speziell Terence Young schätzt. Der Brite hatte in den sechziger Jahren mit den ersten Agentenabenteuern "James Bond – 007 jagt Dr. No", "Liebesgrüße aus Moskau" und "Feuerball" einen Standard für die ganze Serie gesetzt.

Ob der neue Bond-Darsteller Daniel Craig in diesen Retro-Kosmos hineinpasst? Und ob, meint Forster. Auch mit Craig hat er lange gearbeitet und am Drehbuch gefeilt. Sogar den jungen amerikanischen Autor Joshua Zetumer hat er noch hinzugezogen, der die letzte Version von Star-Autor Paul Haggis ("Million Dollar Baby") noch einmal überarbeitet hat. "Daniel ist ein guter Schauspieler", so Forster, "und dieser Film wird vom Charakter James Bonds bestimmt werden, nicht von der Geschichte. Ich glaube nicht an Rache. Sie führt nicht weiter. Es geht um den zwiespältigen Helden."

Der muss in dieser Nacht mehrfach eine der Außentreppen zum Festspielhaus hinauflaufen. Hinein kommt er jedoch erstmal nicht: Eine verdreckte weiße Hose, braune Schuhe und eine dunkle Jacke sind in der Oper nicht hilfreich. Später klaut sich Bond einen Smoking und schafft es doch noch. Zwischen jeder Aufnahme stürmt Daniel Craig zu Forster, starrt auf den Monitor und sieht sich selbstkritisch seine Darstellung an. Mehrfach ändert er seinen Gesichtsausdruck, wenn er erneut die Treppe hinaufsprinten muss.

Auch Mathieu Amalric variiert viel. Mal verschafft er sich Platz, rempelt jemanden an, begrüßt jemanden oder spielt mit dem Treppengeländer. Der Franzose ("Schmetterling und Taucherglocke") ist als Gangster Dominic Greene zu sehen, der - im Gegensatz zu Bond - den Haupteingang der Oper benutzt – im Smoking. Nach sieben Takes sitzt Szene 65 N 6. Zwei Nächte zuvor wurden 38 Wiederholungen benötigt, denn Craig/Bond ist nicht nur im Auditorium des Gebäudes unterwegs, sondern flitzt auch durch Küche und Restaurant und erschießt einen Gangster. Dafür musste er einer Dame auf den Fuß treten – 38-mal. Sie trug es mit Fassung. Craig auch.

Auf 109 Drehtage ist der Film veranschlagt, in 101 davon wird der britische Schauspieler benötigt. Um das durchzustehen, stählt er auch hier seinen Körper. Im "Home of Balance" genannten Fitnesszentrum des Hotels Panoramahaus in Dornbirn nahe Bregenz hat Craig einen eigenen Trainingsbereich. Sporadisch tauchte er auch in der hauseigenen Sauna auf. Dass die Statisten ihn mögen ist offensichtlich. Immer wenn das befreiende "Cut! Reset" erklingt, und er an ihnen vorbeigeht, applaudieren sie, halten aber dennoch respektvollen Abstand.

Die Stadt umarmt den Kino-Helden geradezu. Rund 50 Geschäfte bieten "007 Prozent Rabatt" beim Shoppen, ein Schuhhändler wirbt mit den weichen Tretern, die Daniel Craig erworben hat, die Bäckerei Schähle hat "JB" und "007"-Brezeln im Angebot - und ein Kellner des Ristorante San Giuseppe erzählt froh, dass man am Vorabend der "Bond Night", in der acht echte Aston Martins in der Fußgängerzone standen, 400 Pizzas und 200 Nudelgerichte verkaufen konnte – 20 Prozent mehr als sonst. Es ist fast wie zu den legendären "Bondomanie"-Zeiten in den sechziger Jahren.

Mit einigen wenigen Schießereien und am Hemd explodierenden Blutkapseln geht Drehtag 80 für Craig und Regisseur Forster in den frühen Morgenstunden zu Ende. Man musste aufhören, weil die Vögel zu laut zwitscherten.

Die wirklich lauten Geräusche stehen erst noch an. Ab nächster Woche dreht das Team bis Mitte Juni in den Londoner Pinewood Studios. "Dort wird gerade ein Außenset gebaut", sagt der Sound Mixer und Oscargewinner Chris Munro, für den dies auch schon der fünfte Bond-Film ist. "Dort gibt es vor allem Explosionen, und das Eco-Hotel des Gangsters fliegt in die Luft." Es ist eben James Bond. So viel Action hätte es in den Thrillern der siebziger Jahre dann doch nicht gegeben.

"Quantum of Solace" kommt am 6. November in die deutschen Kinos. Etwa fünf Minuten des Films spielen in Bregenz.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.