"100 Schritte" Der Poet und der Pate

Allein gegen die Mafia: Der italienische Regisseur Marco Tullio Giordana porträtiert in seinem einfühlsamen Film "100 Schritte" das Leben des sizilianischen 68er-Rebellen "Peppino" Impastato, der in seinem beschaulichen Heimatort gegen das System des Schweigens kämpfte.

Von Oliver Hüttmann


"Peppino" als Kind (Lorenzo Randazzo): Ein Knabe mit "reinem Gesicht und wachem Blick"
Schwarz & Weiß

"Peppino" als Kind (Lorenzo Randazzo): Ein Knabe mit "reinem Gesicht und wachem Blick"

(Er sieht ein wenig aus wie Robert De Niro, der Onkel Tano, der Pate von Cinisi. Er hat auch ein Muttermal auf der Wange, diesen durchdringenden Blick, eine in sich ruhende Haltung und jenes Lächeln, das keinen Widerspruch duldet. Tony Sperando verkörpert mit Gaetano Badalamenti jenen Typus des Mafioso, der uns aus zahllosen Filmen vertraut ist. Dennoch ist in "100 Schritte" vieles anders. Marco Tullio Giordana erzählt hier nicht von der italienischen Mafia, sondern von der italienischen Familie. Das ist einerseits dasselbe. Andererseits betrachtet er nicht die Organisation, sondern die alltägliche Abhängigkeit.

In "100 Schritte" werden keine Gangster gezeigt oder ihre Geschäfte aufgedeckt. Das ist im sizilianischen Cinisi, einem Ort bei Palermo, allen klar. Fast jeder profitiert irgendwie davon und kaum jemand redet darüber. Ein Einzelgänger und Eiferer wie der kommunistische Maler Venuti (Andrea Tidona) findet Anfang der sechziger Jahre kein Gehör, als er öffentlich über die Vetternwirtschaft beim sinnlosen Bau eines Flughafens schimpft. Cesare (Pippo Montalbano), der lokale Mafiaboss, setzt sich gönnerhaft mit einem Stuhl auf den leeren Platz und spottet schließlich: "Wer ist die Mafia? Wo ist sie?"

Neben Cesare auf dem Boden hockt sein Neffe Peppino (Lorenzo Randazzo), ein Knabe mit "reinem Gesicht und wachem Blick", wie Venuti sagt. Er wendet sich an die Jugend und hat Erfolg. Als Peppinos verehrter Onkel Cesare kurz darauf bei einem Bombenattentat stirbt und Tano zum Don aufsteigt, wird Venuti zu Peppinos Patrone. Und anderthalb Jahrzehnte später, als Jugendlicher in den Siebzigern, ist Peppino (Luigi Lo Cascio) der schärfste Ankläger und hartnäckigste Gegner von Tano und dem System des Schweigens.

Rebell "Peppino" (Luigi Lo Cascio, M.): Kämpfer gegen das System des Schweigens
DPA

Rebell "Peppino" (Luigi Lo Cascio, M.): Kämpfer gegen das System des Schweigens

Dieser Guiseppe "Peppino" Impastato hat wirklich gelebt. Er brachte eine kommunistische Lokalzeitung heraus, organisierte Proteste enteigneter Bauern, gründete einen Radiosender und wurde 1978 als Kandidat einer sozialistischen Kommunalpartei kurz vor der Wahl auf einem Bahngleis mit einer Sprengladung hingerichtet. Erst im April 2002, zwei Jahre nach dem Kinostart von "100 Schritte" in Italien, wurde Gaetano Badalamenti als Auftraggeber verurteilt. Das ist nicht der Verdienst des Films. Dass es überhaupt zu einem Verfahren kam, haben Angehörige und Journalisten erreicht. Aber Regisseur Giordana hat diesem zornigen, zielstrebigen Streiter ein entscheidendes Denkmal gesetzt.

Giordana charakterisiert Peppino als Stellvertreter für die Generation der 68er, deren Ideale bei zuletzt uns von neokonservativen Yuppies zerredet wurden und in Italien von Berlusconi kassiert werden. Wo damals in Deutschland die Studenten den Muff der Altnazis bekämpften, tritt Peppino gegen die Angst vor der Mafia an. Beides ist eine Rebellion gegen die Väter und deren Traditionen. Seinen eigenen Vater, Luigi Impastato (Luigi Maria Burruano), schimpft er einen Arschkriecher. Er ätzt und spottet, nennt Tano einen Kuhhirten und Cinisi nur noch "Mafiopolis", deren Geflecht er wie ein Kabarettist seziert. Zwischen Tanos Haus und dem der Impastatos liegen nur hundert Schritte. Und der ganze Ort lauscht seinen mal flammenden Tiraden oder melancholischen Gedanken im Radio, auch Tano und seine Leute. Stumm sitzen sie im Halbdunkel, eine bedrohliche Ruhe, gegen die Peppinos leidenschaftliche Stimme furchtlos plärrt.

Peppinos Vater (Luigi Maria Burruano): Schweigen statt Kämpfen
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Peppinos Vater (Luigi Maria Burruano): Schweigen statt Kämpfen

Peppino ist hier ein poetischer Quälgeist und couragierter Don Quichotte, der über Filme von Francesco Rosi wie "Die Hände über der Stadt" referiert, auf Mädchen, Joints und Rock¹n¹-Roll verzichtet und in seiner Ernsthaftigkeit sogar die Hippies lächerlich macht, bis ihn sogar seine Gefährten nicht mehr verstehen. Während er seiner besorgte Mutter dazu bringt, ein Poem von Pier Paolo Pasolini zu rezitieren, verliert sein Vater die Kontrolle über die Familie. Als er Peppino nicht zur Räson bringen kann, wird er eines nachts überfahren. Es ist die letzte Warnung der Mafia. "Siehst du mich irgendwo Drogen verkaufen?", sagt Tano zu Peppino. "Nein. Trotzdem behauptest du es. Dein Vater hat mit meiner Hilfe sein Restaurant aufgebaut, weil es seine Söhne mal besser haben sollten. Und was ist dein Dank?" Dann trinkt er einen Espresso. Damit seien sie quitt. "Krakeele ruhig weiter wie ein Esel", sagt der Pate noch.

Peppino hat den Kampf verloren, aber in seinem Tod doch noch gesiegt. Gerade als an seinem Sarg ein Cousin zur Mutter bemerkt, seine vermeintlichen Freunde wären jetzt weg, sie könne sich nur auf die Familie verlassen, zieht eine Demonstration für den Märtyrer vorüber. Damit stiftet Giordana die Hoffnung, dass das Wahre und Gute überleben wird. Dass "100 Schritte" nicht pathetisch wirkt und der Held nicht zu edel, verdankt er auch dem Hauptdarsteller, der Peppinos Trotz und hin und her gerissenes Ringen glaubhaft darstellt. "Statt Klassenkampf", sagt er in einem Moment der Besinnung, "ist es wichtiger, die Schönheit zu bewahren."


100 Schritte (I cento passi)


Italien 2000. Regie: Marco Tullio Giordana. Drehbuch: Claudio Fava, Monica Zapelli, Marco Tullio Giordana. Darsteller: Luigi Lo Cascio, Luigi Maria Burruano, Lucia Sardo, Tony Sperandeo, Andrea Tidona, Ninni Bruschetta. Produktion: Titti Film, RaiCinema, Tele+ Media. Verleih: Schwarz-Weiß. Länge: 104 Minuten. Start: 28. August 2003



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