Festivalhit "1001 Nacht" Erzählen, um zu überleben

Selten war ein Filmprojekt ambitionierter: "1001 Nacht" von Miguel Gomes ist Panorama des von Sparpolitik gebeutelten Portugals und Märchen-Kolportage zugleich - und sechs Stunden lang. Jetzt kommt die gefeierte Trilogie ins Kino.

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Am Anfang rückt sich Regisseur Miguel Gomes selbst ins Bild - und rennt sofort wieder weg. Er flieht buchstäblich vor der Aufgabe, einen unterhaltsamen Film zu drehen und gleichzeitig der Krise gerecht zu werden, in der sich sein Heimatland Portugal befindet. Doch seine Crew setzt ihm nach, und wenige Momente später sieht man Gomes sowie seinen Tonmann und seine Co-Autorin bis zum Hals in Sand eingegraben und von den Kollegen vor eine Art Tribunal gestellt. So könne man sich doch nicht aus seiner Verantwortung stehlen, schimpft die Crew. Daraufhin bietet Gomes ihnen ein Geschäft an: Was wäre, wenn es ihm gelingen sollte, eine spannende Geschichte zu erzählen? Würden sie dann ihr Urteil revidieren?

Wie sich die Filmcrew am Ende entscheidet, erfährt man in "1001 Nacht" nicht. Mit der spannenden Geschichte darf es Gomes aber versuchen. Bereits im Prolog verflechtet er die Geschichte des Protests gegen die Schließung einer Werft mit dem Kampf gegen eine Wespenplage, danach zieht er jedoch erst richtig an: Die berühmteste Geschichtenerzählerin aller Zeiten Scheherazade (Crista Alfaiate) tritt auf, die Fabel eines weisen Hahns wird vorgetragen, die Geschichte einer Amour fou von Kindern re-enacted, eine Satire auf Erektionsprobleme der EU-Troika zum Besten gegeben sowie drei Teilnehmer eines Arbeitslosen-Neujahrschwimmens porträtiert. Und das ist nur der erste Teil.

2015 feierte "As Mil e Uma Noites", wie die Trilogie im Original heißt, in Cannes in der Nebenreihe "Quinzaine des Réalisateurs" ihre Weltpremiere. Sich das an drei hintereinander folgenden Tagen gezeigte, sechsstündige Epos anzuschauen, bedeutete im Rahmen des Festivals, auf die großen Namen im Wettbewerb und ihre großen Erzählungen zu pfeifen und sich ganz dem Eklektizismus hinzugeben - und weil das der Gestus von Gomes' Filmen selbst ist, stellte sich alsbald einheitliche Begeisterung ein: Wer von der Filmkritik "1001 Nacht" in Cannes gesehen hatte, feierte das Filmprojekt als Highlight des Festivals.

Pappmaschee-Kuh trifft potenten Paddler

Mehr als ein Jahr später und jenseits der Eigendynamiken eines Festivals ist die unbedingte Ablehnung einer konventionellen Erzählung immer noch das Spannendste an "1001 Nacht". Denn beständig fragt man sich: Wie soll das alles zusammengehen? Was haben die Bewohner einer Lissaboner Hochhaussiedlung aus Teil zwei gemeinsam mit dem Personal einer Gerichtsverhandlung im Amphitheater, in deren Verlauf eine Kuh aus Pappmaschee auftritt? Und wie passt die erotische Eskapade von Scheherazade mit einem tumben, aber äußerst potenten Paddler zu Beginn von Teil drei zu dem ausführlichen Porträt von Portugals Buchfinkenzüchterszene, das daraufhin folgt?

Zwei erzählerische Klammern bietet Gomes zur Orientierung an: Zum einen eine gesellschaftspolitische. Zu Beginn aller drei Teile werden Schrifttafeln eingeblendet. Die Geschichten, Figuren und Orte, die im Folgenden erzählt würden, basierten auf wahren Begebenheiten, die sich von August 2013 bis Juli 2014 in Portugal ereignet hätten. "Während dieser Zeit wurde das Land von der Sparpolitik einer Regierung beherrscht, die offensichtlich keine soziale Gerechtigkeit kennt. Fast die gesamte portugiesische Bevölkerung verfiel dadurch in Armut."

Ein Team von Journalisten soll Gomes losgeschickt haben, um im genannten Zeitraum Geschichten aus ganz Portugal zusammenzutragen. Doch was im Film auf diesem Material basiert, welche Bilder dokumentarisch sind, was nachgestellt ist und von wem, lässt sich, wie für Gomes' Arbeiten typisch, nicht sagen. Größtenteils von Sayombhu Mudeeprom, dem Stammkameramann von Apichatpong Weerasethakul, gefilmt, sehen alle Szenen gleichermaßen entrückt und sonnengebleicht aus, egal, ob sie im antiken Bagdad oder im zeitgenössischen Lissabon spielen.

Was passiert mit Scheherazade?

Da überzeugt die zweite Klammer, die Gomes auffährt, schon mehr. Es ist die literarische aus dem Titel: In "1001 Nacht", dem Buch, fährt Scheherazade Geschichte nach Geschichte auf, um am Leben zu bleiben. Solange sie so spannend erzählt, dass der König auch in der folgenden Nacht mehr von ihr hören will, bringt er sie nicht um. Genauso versucht auch Gomes seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen: Vielleicht reicht es ja, wenn die Episoden für sich genommen so interessant sind, dass man neugierig auf die nächste ist.

Im ersten Teil - überaus treffend "Der Ruhelose" genannt - geht dieses Kalkül noch glänzend auf. Keiner der Filme weiß sich die kreative Unwucht des ganzen Projekt so gut zunutze zu machen wie dieser. Im zweiten Teil ("Der Verzweifelte") erreicht allein die wiederum in sich selbst stark verschachtelte Geschichte von einer Hochhaussiedlung und ihren Bewohnern eine reizvolle Dichte. Im dritten Teil strapaziert die Episode über die Buchfinkenzüchter schließlich arg die Geduld. Seinen Titel "Der Entzückte" kann dieser Film nur dem Gemütszustand von Gomes entliehen haben: Wie erleichtert muss dieser gewesen sein, das Mammutprojekt zu einem Ende geführt zu haben.

Zu welchem Ende genau, das scheint allerdings auch Gomes nicht zu wissen. Was mit Scheherazade passiert und wie das Urteil der Crew über den Film ausfällt, bemüht er sich erst gar nicht mehr zu erzählen. So bleibt von "1001 Nacht" ein zwiespältiger Eindruck zurück: Einerseits hat Gomes einen einzigartigen Kraftakt gewagt. Und es sich andererseits viel zu leicht gemacht.


Die drei Teile von "1001 Nacht" kommen nacheinander ins Kino: "Teil 1: Der Ruhelose" startet am 28. Juli, "Teil 2: Der Verzweifelte" am 11. August und "Teil 3: Der Verzückte" am 25. August.

Im Video: Der Trailer zu "1001 Nacht"

"1001 Nacht - Teile 1-3"

    PT/FR/DE/CH 2015

    Originaltitel: "As Mil e Uma Noites"

    Regie: Miguel Gomes

    Drehbuch: Telmo Churro, Miguel Gomes, Mariana Ricarda

    Mit: Crista Alfaiate, Luísa Cruz, Adriano Luz, Carloto Cotta, Américo Silva, Gonçalo Waddington, Joana de Verona

    Produktion: O Som e a Fúria, Shellac Sud, Komplizen Film et al.

    Verleih: Real Fiction

    Länge: Teil 1: 125 Minuten, Teil 2: 131 Minuten, Teil 3: 125 Minuten

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