3D-Trickabenteuer Mit der Furzpistole gegen das Finanzsystem

Er will der weltgrößte Schurke sein - und wird doch zum antikapitalistischen Sympathieträger: Der Möchtegernbösewicht Gru in "Ich - Einfach unverbesserlich", dem Debüt des CGI-Studios Illumination Entertainment, nimmt es locker mit den Helden der mächtigen DreamWorks- und Pixar-Konkurrenz auf.

2010 Universal Studios

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Performance ist alles. Ob du nun als Wall-Street-Widerling einen großen Deal einfädelst oder ob du als der Welt fürchterlichster Finsterling den nächsten spektakulären Coup ausheckst - zuerst musst du einen Geldgeber um den Finger wickeln, am besten mit einer Powerpoint-Präsentation. So ist es auch bei dem stets in schwarz gewandeten Mr. Gru, der einst im Ranking der Bösewichte ganz oben stand, aber nach dem letzten Verbrechen seinen Ruf verspielt hat. Eigentlich wollte er den Eiffelturm in Paris stehlen, seine kriminelle Energie reichte dann aber doch nur für eine Miniatur-Imitation aus Las Vegas.

Um seine Reputation wieder herzustellen, plant Gru jetzt, den Mond vom Himmel zu klauen. Eine noch zu entwickelnde Schrumpfkanone soll ihm bei dem ambitionierten Unterfangen behilflich sein. Doch Forschung kostet Geld, deshalb muss er bei einem Kreditinstitut vorsprechen, in dem sich sämtliche Kapitalismus-Alpträume manifestieren: "Bank of Evil" heißt der Finanzdienstleister - der bis vor kurzem noch unter dem Namen Lehman Brothers firmierte. Das Wort bad bank, es hat in Grus Kreisen einen guten Klang.

Doch so pflichtschuldigst der bei seinem Kreditberatungsgespräch auch den bad man in black gibt, der Bankenboss gewährt ihm keine Mittel. Im Forschungszentrum unter Grus Haus, in dem quietschende Helferlein namens "Minions" allerlei technische Bösewichtutensilien entwickeln, stehen bald die Maschinen still. Gru bleibt nichts anderes übrig, als seinem größten Konkurrenten eine bereits fertige Schrumpfkanone abzuluchsen. Gekämpft wird dabei unter anderem mit Furzpistolen, Tintenfischschleudern und Eichhörnchengeschossen.

Problem: Gegenspieler Vector residiert in einem Hochsicherheitspalast, zu dem nur drei Waisenkinder Zutritt haben, die ihn mit Keksen beliefern. Um sich reinzuschmuggeln, bleibt Menschenfeind Gru nichts anderes übrig als die drei schutzlosen Menschenkinder zu adoptieren. Doch was er danach auch anstellt, die Waisen lassen sich nicht abschütteln, nicht mal mit halsbrecherischen Achterbahnfahrten, bei dem einem als Zuschauer unter der 3D-Brille ganz schwindelig wird.

Jede zerbrochene Eistüte wird zum Kick

Hoppla, wo kommt dieser Film denn auf einmal her? Kapitalismuskritische Klamotte und Menschwerdungsmärchen, Schrumpfkanonenkinderei und Weltenerfindung mit ausgereifter dreidimensionaler Raumerfahrung - "Ich - einfach unverbesserlich" ist alles in einem und fügt sich bestens zwischen die modernen Klassiker der computergenerierten Trickfilmkunst.

Die "Minions" zum Beispiel, diese ein- bis zweiäugigen blechernen Schöpfer kindlicher Ingenieurskunst, erinnern in ihrer Umtriebigkeit an die Pinguine in DreamWorks' "Madagaskar". Und wie hier halslose Ungeheuer einem Misanthrop seinen Menschenhass madig machen, das hat in seiner durchaus poetischen Ausschmückung doch viel Ähnlichkeit mit Pixars 3D-Luftballonballade "Oben". Doch im Vorspann ist weder der Angler auf dem Mond des DreamWorks-Logos zu sehen noch hüpft eine Tischlampe in den Studioschriftzug so wie zur Eröffnung von Werken der Pixar-Studios.

Wie auch, das Abenteuer ist der erste abendfüllende Spielfilm aus der jungen Trickfilmschmiede Illumination Entertainment (der freilich der erfahrene "Ice Age"-Produzent Christopher Meledandri vorsteht). Und es ist auch der erste abendfüllende Spielfilm des Franzosen Pierre Coffin und des Amerikaners Chris Renaud, die hier nicht nur formvollendet Klassiker wie den französischen Panzerknackerkrimi "Rififi" zitieren, sondern auch US-Gangsta-Videos zu imitieren verstehen. So wie im Intro, wo Gru zu einem Pharrell-Williams-Track mit kriminellem Groove die Kleinkinderwelt seine Nachbarschaft in Angst und Schrecken versetzt - jede zerbrochene Eistüte wird da zum Kick.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und so gelingt es den beiden Regie-Neulingen Coffin und Renaud, auch dem eingefleischten Schurken auf magisch schwerelose Art einen sozialen Neustart zu verschaffen. All die infantil-genialische Waffentechnik in diesem Gangstermovie wird doch glatt für den antikapitalistischen Widerstand umfunktioniert. Die Furzpistole dient am Ende nur noch dazu, den bösen Finanzboss in Schach zu halten.



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Savryn 30.09.2010
1. ...
---Zitat--- Kapitalismuskritische Klamotte und Menschwerdungsmärchen, Schrumpfkanonenkinderei und Weltenerfindung mit ausgereifter dreidimensionaler Raumerfahrung - "Ich - einfach unverbesserlich" ist alles in einem und fügt sich bestens zwischen die modernen Klassiker der computergenerierten Trickfilmkunst. ---Zitatende--- Herzlichen Glückwunsch lieber Autor! Sie haben es tatsächlich geschafft, einen herrlich lustigen Animationsfilm zum kapitalismuskritischen Kunstwerk umzudeuten. Wirklich Respekt! Ernsthaft! Oh, wenn doch bloß alle mit so offenen Augen in der Medienwelt umherwandern würden, dann wären wir alle viel besser dran... Wait, what? Mal ernsthaft liebe Leute, das ist doch absolut daneben. Obwohl, eigentlich ist es eher traurig. Also wenn man keine Ahnung hat, dann bitte lieber nichts schreiben, als so einen Blödsinn. Ahso und übrigens, die minions sind weniger einer Anlehnung an die Pinguine aus Madagaskar, sondern mehr an die KGM's aus der Toy Story-Reihe.
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