5D-Kino Das große Krabbeln

Mit Duftwolken, Kribbelsitzen und Sprühregen soll Kino künftig wirklichkeitsnäher werden. In Berlin hatte gestern das "Leinwanderlebnis für alle Sinne" Deutschlandpremiere. Filmreif war allerdings nur eines: der Optimismus der Veranstalter.


Von der Ursache für die Abschmelzung der Pole haben Eisbären keine Ahnung. Von deren Folgen allerdings schon: Laut krachend stürzt eine Eishöhle im Polarmeer ein - genau an der Stelle, die einer Bärenfamilie noch eben sicheren Unterschlupf bot. Mit einem Sprung retten sich zwei weiße Bärenkinder und deren Mutter auf die nächste Eisscholle. Die gerät unter dem Gewicht stark ins Schwanken, die Tiere verlieren das Gleichgewicht - und landen im eiskalten Wasser. Nass und durchgeschüttelt werden jedoch nicht nur die Eisbären - sondern auch der Mensch. Nämlich als Zuschauer im 5D-Kino.

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5D-Kino: Wen kratzt die Handlung?

In Berlin hatte am gestern Nachmittag das so genannte "Erlebniskino" Deutschlandpremiere. Gezeigt wurden 3D-Filme, wie man sie aus IMAX-Produktionen kennt. Neu war allerdings, das dass Filmspektakel auch fühlbar und riechbar wurde. Die österreichische Firma Primecine und Deutschlands größter Kinobetreiber Cinestar wollen mit dem Event Impulse für Wege aus der Kinokrise geben.

Kino ohne Berührungsängste

So genannte "Sensory Seats" machen den 5D-Effekt möglich. Das sind schwarze Ledersitze, die sich synchron zum Filmgeschehen nach recht oder links bewegen, nach hinten kippen, hoch oder runter sacken. In den Armlehnen der schwarzen Sessel verbergen sich zudem Duftdüsen, die Wohlgerüche, Gestank oder Wassertropfen absondern. Je nach Szene und Stimmung wehen dem Zuschauer eisiger Wind oder modriger Waldgeruch entgegen: Taucht ein Seelöwe auf, riecht es nach Schrimps. Schmeißt ein Affe mit Früchten, strömt Mangogeruch in den Kinosaal. Plumst der Eisbär ins Wasser, spritzt Wasser durch den Saal. Und rennen Ratten durchs Bild, spürt der Zuschauer ein unangenehmes Krabbeln an seinen Waden.

Der Überraschungseffekt ist im ersten Moment garantiert. Vor allem Kinder zeigen sich von dem "hautnahem Erlebniss" beeindruckt. Beweis dafür sind die Zuschauerzahlen. Denn bereits seit Sommer 2005 gibt es in Wien und in Linz zwei 5D-Kinos. Obwohl in den Spielstätten pro Vorstellung nur Platz für 36 Leute ist, konnten Primecine und Cinestar in Österreich bereits 100.000 Zuschauer verbuchen. Überwältigt vom Erfolg sieht Daniel Siebert, Marketingleiter von Cinestar Berlin, im 5D-Kino bereits eine "neue Vision, wie Kino im 21. Jahrhundert aussehen könnte". Auch Alfred Gelbmann, Primecine-Geschäftsführer, erklärt, es handle sich um ein "Nischenprodukt, das einen hohen Erlebniswert hat und neue Wege beschreitet."

Ob 5D wirklich ein Durchbruch ist und das Kinosterben stoppen könnte, ist allerdings mehr als fraglich. Denn gezeigt werden bislang weder Blockbuster noch andere reguläre Kinofilme. Zu sehen sind vielmehr ausgewählte Spezialproduktionen ohne echten Handlungsverlauf. In Berlin sind es derzeit die drei Titel "SOS Planet", "Odysee" und "Haunted House".

Auch die Idee, olfaktorische und physische Sinneswahrnehmungen als neue Dimensionen ins Leinwanderlebnis zu integrieren, ist nicht gerade neu. Sämtliche Versuche verliefen bislang allerdings im Sand. Bereits in den siebziger Jahren wurden Kinosäle mit Duftwolken eingelullt; für die Satire "Polyester" von Trash-Regisseur John Waters gab es in den Achtzigern Duftkarten zum Eintrittsticket. Und aus amerikanischen Erlebnisparks kennt man so genannte "simulation rides" - Wackelsitze.

Das riecht nach Zirkus

Das neue 5D-Kino hat eher Eventcharakter statt Kinocharme. Gelbmann räumt selbst ein, dass Hollywood-Produktionen in absehbarer Zeit nicht in 5D-Qualität zu sehen sein werden. Schon aus "ästhetischen und rechtlichen" Gründen. So würden Starschauspieler sicher "nicht beeindruckt sein, wenn sie nach einem anderem Parfüm riechen, als von den Werberverträgen vorgesehen", sagt der Primecine-Geschäftsführer.

Sein Kollege, Generalmanager Gottfried Lutz, verweist jedoch auf das "mobile Konzept" des 5D-Kinos. Die Spielstätte, ein Kubus mit 65 Quadratmeter Grundfläche und 5,50 Meter Höhe, kann von vier Leuten innerhalb von drei bis vier Tagen zusammengepackt und weiter transportiert werden. So wird auch der aktuelle Standort - ein Einkaufzentrum in Berlin-Tegel - nur zehn Wochen das Erlebniskino beherbergen. Danach soll die Anlage anderswo aufgebaut werden und Zuschauer anlocken.

"Damit steht auch der Wanderzirkusgedanke im Hintergrund, also dass man die Attraktionen zu den Menschen bringt", sagte Lutz. Denn auch 5D-Kino werde das "Problem mit der Nachhaltigkeit" haben. "Nach zwei bis drei Jahren nutzt sich der Erlebniseffekt ab", erklärt der Österreicher. Mit dem mobilen Konzept wollen die Betreiber deshalb die Gefahr vermeiden, "einen Standort bespielen zu müssen, dessen Attraktivität mit der Zeit nachlässt." Kurz gesagt, wenn 5D in Berlin kein Publikumsrenner mehr ist, ziehen die Macher weiter in die nächst kleinere Stadt und kommen irgendwann wahrscheinlich auch in der Provinz an.

Angesichts des Kinosterbens könnte das Wanderzirkuskonzept aus betriebswirtschaftlicher Sicht tatsächlich sinnvoll sein. Primecine - ein Unternehmen, das ursprünglich aus der Messe- und Marketingbranche kommt - hat bereits eine neue Vision: Mittelfristig soll ein fahrbarer Truck eine Minianlage für 5D-Prokuktionen beherbergen. Dann kann das Erlebniskino noch am gleichen Tag wieder einpacken und weitergondeln.



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