60 Jahre Cannes Wie man Kino auf die Palme bringt

So groß und glamourös die Filmfestspiele in Cannes heute sind, so bescheiden war ihr Anfang. Was als Cineasten-Treff begann, ist mittlerweile der wichtigste Kino-Rummelplatz Europas. Stationen einer filmreifen Geschichte.

Von Helen Hoffmann


60 Jahre haben die berühmtesten Filmfestspiele der Welt schon auf dem Buckel. Aus einer feschen Feier der Cineasten-Familie, bei der die Veranstalter großzügig Preise vergaben, ist ein fast unüberschaubarer Branchentreff geworden. Wer im Filmgeschäft wichtig sein will, kann es sich kaum erlauben, dem Festival fernzubleiben. Und das nicht nur wegen der Präsentation auf dem roten Teppich. Denn hinter der Kulisse von Kunst, Kultur und Glamour wird knallhart verhandelt. Es geht um Rechte an Filmen, neue Projekte oder erfolgversprechende Nachwuchskünstler.

Wut und Enttäuschung über die Mostra in Venedig waren ausschlaggebend für die Idee eines eigenen Festivals in Frankreich. Der 1932 gegründete Filmtreff in Italien bevorzugte im Laufe der dreißiger Jahre nämlich immer deutlicher Produktionen faschistischer Regmine. Als dann 1938 nicht der klare Favorit "Le Grande Illusion" ("Die große Illusion") des französischen Regisseurs Jean Renoir gewann, sondern die von Joseph Goebbels in Auftrag gegebene Produktion "Olympia" von Leni Riefenstahl, verließen die Franzosen das Festival.

Noch im gleichen Jahr setzte sich eine Gruppe aus Kritikern und Filmemachern bei der französischen Regierung für ein alternatives Filmfest ein. Nach langen Verhandlungen wurde der 1. Oktober 1939 als Eröffnungstag festgelegt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges machte alle Vorbereitungen zunichte.

Erst 1946 wurde der Plan in die Tat umgesetzt - mit dem damals 82 Jahre alten Cinématographie-Erfinder Louis Lumière als Jurypräsidenten. Im Wettbewerb lief Jean Cocteaus "Die Schöne und die Bestie", Billy Wilder zeigte "Lost Weekend" und Alfred Hitchcock "Berüchtigt" ("Notorious"). Die Goldene Palme gab es damals noch nicht. Dafür achteten die Veranstalter darauf, dass fast jeder Film eine Auszeichnung mit nach Hause nehmen konnte.

Ein Palmenzweig und nackte Brüste

1948 und 1950 fiel die Party wegen Geldmangel aus, danach wurde das Festival vom Herbst ins Frühjahr vorverlegt und immer berühmter. Orson Welles, Federico Fellini, Louis Malle und Michelangelo Antonioni, Ingmar Bergman und Luchino Visconti gehörten zur Regie-Elite der frühen Jahre. Brigitte Bardot zog die Aufmerksamkeit der Fotografen erstmals 1953 auf sich, als sie über die Croisette flanierte.

Prägend für das Image des Wettbewerbs war das darauffolgende Jahr: Ein Pariser Juwelier erfand das Palmenmotiv - die erste Goldene Palme gewann 1955 der Liebesfilm "Marty" von Delbert Mann -, und ein französisches Starlet entblößte während eines Fototermins am Strand ihre Brüste. Die junge Dame namens Simone Sylva brachte es zu kurzem Weltruhm und strippte sich zur Urmutter all der jungen Frauen, die sich in Cannes oben ohne oder knapp bedeckt entdecken lassen wollen.

Aber nicht nur mit Sex, sondern auch mit Politik stießen die Internationalen Filmfestspiele an der Côte d'Azur auf großes Medienecho. Ausgelöst durch eine umstrittene Personalentscheidung an der Festivalspitze und befeuert durch die Mai-Unruhen in Paris, ging es 1968 auch fern von der Hauptstadt heiß her. François Truffaut, Jean-Luc Godard und andere Leitfiguren der "Nouvelle vague" erzwangen zuerst den Abbruch einer Vorstellung und später des ganzen Festivals.

Der Einzug von Hollywood

Die siebziger Jahre brachten neben Neuheiten in der Filmproduktion auch Veränderungen im Procedere des Wettbewerbs. Hatten bis dahin die teilnehmenden Länder ihre Beiträge selbst ausgewählt, so bekam 1972 erstmals eine Auswahljury des Festivals die Hoheit darüber - ein Verfahren, das schnell von anderen Filmwettbewerben übernommen wurde. Prägend für die Dekade waren zudem Hollywood-Regisseure wie Martin Scorcese, Francis Ford Coppola und Robert Altman das Festival. Aber auch europäische Filmemacher schrieben Cannes-Geschichte, so zum Beispiel Wim Wenders, John Boorman, Louis Malle, Rainer Werner Fassbinder und Roman Polanski.

Aktuelle politische Entwicklungen griffen die Filmemacher nicht nur in ihren Werken, sondern immer wieder auch in Fachkonferenzen auf, die bis heute das Festival begleiten. So nahmen 1989, im Jahr des Mauerfalls, mehr als 100 Regisseure aus der ganzen Welt an einem Symposium mit dem Thema "Kino und Freiheit" teil.

Größer und glamouröser

Cannes hat es geschafft, sich immer wieder aufs Neue zu inszenieren. Mit großem Erfolg, denn die Zahl der "Festivaliers", die jeweils im Mai die kleine Stadt am Meer bevölkern, scheint jährlich zu wachsen. In den vergangenen Jahren akkreditierten sich mehr als 4000 Journalisten. Sie mischen sich unter gut 22.000 Produzenten, Schauspieler, Verleiher, Autoren und Anwälte. Dazu kommen natürlich noch Filmfans, Touristen und die Bewohner von Cannes selbst, die - sofern sie nicht fliehen - entweder vom Rummel profitieren oder zumindest einen Blick auf den einen oder anderen Star vor dem Festivalpalais erhaschen wollen.

Heute schreit niemand mehr "Skandal", wenn sich Porno-Stars vor den Augen Eis essender Familien auf der Uferpromenade frei machen. Politische Eklats sind ebenfalls selten. Auf Kritik stößt eher die zunehmende Kommerzialisierung. Gewaltige Werbeplakate verdecken den Blick auf die hübsche Fassade des Carlton-Hotels, die Sponsoren sind allgegenwärtig. Ob großes Hollywood, Porno oder Hongkong-Action: Filmfirmen nutzen den Marktplatz Cannes, um Aufmerksamkeit zu ergattern. Im vergangenen Jahr war manchen auch die Auswahl der Filme Anlass zur Sorge: Eröffnungsfilm war der dröge Blockbuster "The Da Vince Code" mit Tom Hanks.

Das Festival selbst macht sich über die Folgen der Kommerzialisierung kaum Gedanken. Es sind wohl eher die Folgen der Digitalisierung, welche die Branche beunruhigen. Denn in einer Zeit, in der fast jeder Film zuerst im Internet kursiert, bevor er ins Kino kommt, und Home Cinema immer beliebter wird, ist die Zukunft der Leinwand keinesfalls gesichert.



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