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Filmfestival in Venedig: Zum Auftakt die Wahrheit

Foto: Domenico Stinellis/ AP

Filmfestival in Venedig Der widerspenstige Löwe

Genauso viele Frauen im Hauptprogramm wie Regisseure, denen Vergewaltigung vorgeworfen wurde: Das 76. Filmfestival in Venedig tut sich schwer mit dem #MeToo-Zeitgeist. Spannend werden dürfte es trotzdem.

Auch das noch: Wenige Tage vor Beginn des 76. Filmfestivals in Venedig sagte die australische Regisseurin Jennifer Kent ihre Teilnahme in der Wettbewerbsjury des ältesten Filmfests der Welt ab. Nicht aus Protest gegen die nachhaltig trotzige Haltung des Festivals gegenüber dem Zeitgeist, sondern aus privaten Gründen, wie das Branchenblatt "Indiewire" meldete.

Im vergangenen Jahr war Kent mit ihrem Rachedrama "The Nightingale" die einzige Frau im Venedig-Wettbewerb gewesen - und musste sich in der Pressevorführung von einem erzürnten Besucher als "Hure" beschimpfen lassen. Ihren Juryplatz nimmt nun die US-Filmemacherin Mary Harron ein, die ihren sehr guten Manson-Family-Film "Charlie Says" letztes Jahr nur in der Nebensektion "Orizzonti" zeigen durfte.

Immerhin: Den Vorsitz der Jury hat ebenfalls eine Frau inne: die weltweit renommierte Filmemacherin Lucrecia Martel ("Zama"). Und im Wettbewerb sind diesmal sogar zwei Frauen vertreten: Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour mit "The Perfect Candidate" und die australische Regiedebütantin Shannon Murphy mit "Babyteeth".

Mehr, aber nicht genug. Erst im letzten Jahr hatte sich Festivalchef Alberto Barbera, 69, widerwillig zur Unterzeichnung der Petition "50/50 by 2020" durchgerungen, die eine Genderparität in den Programmen der großen Filmfestivals anstrebt. Venedig war nach Locarno, Berlin und Cannes nicht nur das letzte der A-Festivals, das sich der Petition verpflichtete, es hinkt nun, ein Jahr später, immer noch hinterher.

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Filmfestival in Venedig: Zum Auftakt die Wahrheit

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Selbst der französische Festivalmacho Cannes hatte in seiner diesjährigen Ausgabe vier Filme von Frauen im Wettbewerb, im wichtigsten nordamerikanischen Festival in Toronto, das am 5. September gleich auf Venedig folgt, sind diesmal sogar 36 Prozent des gesamten Programms Arbeiten von Frauen. In Toronto laufen unter anderem Filme von anerkannten Autorenfilmerinnen wie Marjane Satrapi, Malgorzata Szumowska und Marielle Heller. Die Ausrede, es hätte womöglich nicht genügend taugliche Filme für den Wettbewerb um den Goldenen Löwen von Venedig gegeben, zieht also nicht. In der "Orizzonti"-Sektion hingegen sind Regisseurinnen diesmal häufiger als früher vertreten, unter anderem zeigt die deutsche Regisseurin Katrin Gebbe ("Tore tanzt") dort ihren neuen Film "Pelikanblut".

Es bleibt dennoch schwierig mit den Frauen und der Quote am Lido di Venezia. Fast wirkt es, als wolle Barbera, der 2020 sein letztes Jahr als Mostra-Leiter beginnt, sich noch einmal besonders widerspenstig geben. So wirkt es wie eine bittere Pointe, dass in diesem Jahr genauso viele Frauen im Hauptprogramm des Festivals vertreten sein werden wie Regisseure, denen Vergewaltigung vorgeworfen wird. Für Aufsehen sorgte zunächst die Einladung Roman Polanskis in den Wettbewerb. Der französisch-polnische Oscarpreisträger ("Der Pianist") ist in den USA immer noch Ziel einer Strafverfolgung und kann daher wegen eines Auslieferungsabkommens mit Italien nicht nach Venedig reisen, um seinen neuen Film "J'accuse" persönlich vorzustellen.

Kritik provozierte auch die Einladung des afroamerikanischen Filmemachers Nate Parker ("The Birth of a Nation"), dem vorgeworfen wurde, als junger Mann am College eine Mitstudentin vergewaltigt zu haben. Parker wurde zwar freigesprochen, gilt aber in Hollywood als Persona non grata. Venedig gibt ihm eine zweite Chance: Am Lido zeigt Parker außer Konkurrenz sein Selbstjustizdrama "American Skin". Spike Lee wird den Film vorstellen, nach der Galapremiere soll es auch eine Fragerunde geben. Dennoch zeigten sich besonders US-Medien erbost über diese Programmierung, im Branchenblatt "Hollywood Reporter" erschien am Wochenende eine geharnischte Vorab-Abrechnung mit dem Festival: "How Venice Became the F-You Film Festival". 

Festivalchef Barbera: "In Europa sehen wir das anders"

Barbera gibt sich gelassen gegenüber solchen Aggressionen. Er nehme wahr, dass vor allem in den USA der Blick auf die Kunst sehr rigide geworden sei, sagte er in einem Interview mit "Blickpunkt: Film": "Es wird keine Unterscheidung zwischen dem Menschen, der die Kunst macht, und der Kunst selbst getroffen. In Europa sehen wir die Dinge ein wenig anders." Den verfemten Polanski rückt er in die Nähe von alten Meistern: "Sollen wir alle Caravaggios verbrennen, weil wir wissen, dass der Mann ein Mörder war,  der sich seiner Bestrafung entzog?"

Für reichlich Diskussionsstoff ist also gesorgt, wenn am Mittwoch das Festival mit "La verité" eröffnet wird, dem ersten französischsprachigen Film des japanischen Auteurs Hirokazu Koreeda, der im vergangenen Jahr mit seinem Patchworkfamiliendrama "Shoplifters" die Goldene Palme von Cannes gewann - und nun Venedig erobern möchte. Die Hauptrollen spielen Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke.

Zum ersten Mal seit 2012 wird das Festival also nicht mit einer US-Produktion gestartet, was Kritiker bereits unken ließ, Venedig verliere allmählich seinen in den vergangenen Jahren aufgebauten Status als Oscar-Rampe der Hollywoodstudios. Tatsächlich ist Venedigs Lauf beeindruckend: Von "Gravity" und "Birdman" über "La La Land", "The Shape Of Water" und "Roma" bis zu "A Star Is Born" liefen so gut wie alle späteren Oscaranwärter der jüngsten Zeit zuerst am Lido.

Besonders schmerzt Barbera daher, dass ausgerechnet eines der garantierten Glanzstücke der Saison nicht rechtzeitig fertigwurde: Martin Scorseses von Netflix finanziertes Gangsterepos "The Irishman" musste nach New York ausweichen. Dafür wird mit Todd Phillips' "Joker" erstmals ein Quasi-Superheldenfilm im Wettbewerb zu sehen sein: Joaquin Phoenix spielt darin Batmans irren Erzgegner. Und mit Noah Baumbachs "A Marriage Story" (mit Scarlett Johansson und Adam Driver), ebenfalls eine Netflix-Produktion, hat Venedig einen sicheren Hit für die beginnende Awards-Season im Portfolio. Kontrovers, interessant und im besten Falle aufregend wird das 76. Filmfestival von Venedig daher allemal.

Hier sind zehn der zu erwartenden Film-Highlights des Festivals:

  • "Ad Astra" von James Gray: Ein Vater-Sohn-Epos im Weltraum mit Brad Pitt und Tommy Lee Jones verspricht Hollywoodglanz und Starkino.
  • "Joker" von Todd Phillips: DCs neuester Versuch, im Superheldengenre zu punkten. Der "Hangover"-Regisseur verheißt nichts Tiefsinniges, Joaquin Phoenix könnte als irrer Batman-Bösewicht jedoch spektakulär sein.
  • "Marriage Story" von Noah Baumbach: Scarlett Johansson und Adam Driver als scheidungsgestresste Mittdreißiger in einem "Kramer gegen Kramer"-Update von einem der besten US-Indiefilmer zurzeit. Die Oscars winken schon.
  • "J'accuse": Roman Polanskis neuer Film handelt von der Dreyfus-Affäre, die Frankreichs Justiz und Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts erschütterte. Mit Jean Dujardin und Emmanuelle Seigner.
  • "American Skin": Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Nate Parker bleibt den Motiven seines Sklavendramas "The Birth of a Nation" treu - und schildert den Selbstjustiz-Feldzug eines Ex-Marines gegen die rassistische US-Justiz und Polizeigewalt. Kontroverse garantiert. (Außer Konkurrenz)
  • "Seberg" von Andrew Benedict: Kristen Stewart verkörpert Jean Seberg ("Außer Atem") in einem Film über das bewegte Leben der US-Schauspielerin, der mehr Polit-Thriller als Biopic sein dürfte. (Außer Konkurrenz)
  • "Ema" von Pablo Larrain: Nach seinem Ausflug in die US-Historie mit "Jackie" drehte der chilenische Regisseur nun wieder auf Spanisch und zeigt ein Adoptionsdrama mit Horrorpotenzial.
  • "The Laundromat" von Steven Soderbergh: Meryl Streep in einem Soderbergh-Film über die Investigativrecherche der "Panama Papers" - das verspricht ganz großes Polit-Kino.
  • "The Perfect Candidate" von Haifaa Al-Mansour: Eine junge Ärztin beschließt, als Stadträtin zu kandidieren - als erste Frau in ihrem saudi-arabischen Heimatort. Turbulenzen sind vorprogrammiert.
  • "La verité": Mit seinem Patchworkfamiliendrama "Shoplifters" gewann er Cannes, jetzt bewirbt sich der japanische Autorenfilmer Hirokazu Koreeda um den Goldenen Löwen von Venedig - mit seinem ersten französischsprachigen Film.
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