Vampir-Western Good Girl, Bad City

Iranischer Western mit einer feministischen Vampirin: So lustvoll wie in "A Girl Walks Home Alone at Night" wurden die Kinogenres schon lang nicht mehr durchgewirbelt.


Ihr Zimmer quillt über von Reminiszenzen an die Popkultur: ein Raum voller Poster, von der Decke hängt eine kleine Discokugel, an der Wand steht ein Plattenspieler. So wie der ist auch sie ein wenig aus der Zeit gefallen, die namenlose junge Frau (Sheila Vand), die in Jeans und Ringel-Shirt durchs Zimmer tanzt. Nur nachts wirft sie sich einen Tschador über und geht auf die Straße. Manchmal spricht sie mit den einsamen Gestalten, die ihr begegnen, Farsi. Manchmal beißt sie einfach nur zu. Die junge Frau ist Vampirin.

Die amerikanisch-iranische Regisseurin Ana Lily Amirpour hat ihren Debütfilm "A Girl Walks Home Alone at Night" an einem irreal wirkenden Ort angesiedelt. Autos aus den Fünfzigerjahren rollen durch die staubigen Straßen, während die Bewohner in ihre funkelnden Handys sprechen. Zuhälter und Junkies streiten um Geld, eine riesige Senke voller Leichen ist keinem Passanten einen Blick wert. Bad City heißt der Ort, aber alle sprechen hier Farsi. Eine iranische Community in den USA? Oder eher der Ort, in dem sich all das Verdrängte und Verbotene des iranischen Gottesstaats manifestiert?

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"A Girl Walks Home Alone at Night": Unterwegs in einer Geisterstadt
Der verlässlichste Bezugspunkt für Amirpours Film ist in jedem Fall das Kino: Im Breitwandformat erscheint Bad City, eingefangen in expressivem Schwarz-Weiß, manchmal wie die halbzivilisierte Steppe Amerikas. Auf schäbigem Asphalt statt auf Pferdepisten steht die verhüllte Frau auf der einen Seite, ihr potenzielles Opfer auf der anderen. Im Umland fahren die Pumpen der Ölbohrtürme so kraftvoll auf und nieder, wie sie es auch in "Near Dark" taten, diesem großartigen anderen Vampirwestern, 1987 gedreht von Kathryn Bigelow.

Ein wenig Rächerin, ein klein wenig Bestie

Doch Bad City verdankt dem frühen Jim Jarmusch genauso viel wie dessen aktuellem Werk "Only Lovers Left Alive", Abel Ferraras "The Addiction" so viel wie David Lynch oder Tomas Alfredsons "So finster die Nacht". Bei all ihrer Zitathaftigkeit bewahrt sich Amirpours Erzählung aber etwas Einzigartiges, einen rätselhaften Zauber von Stimmungen und Kontrasten, von Bedrohlichkeit und Zärtlichkeit, von Grausamkeit und Humor.

Anders als andere Artgenossen auf der Leinwand fährt diese Vampirdame schon mal Skateboard. Überhaupt ist sie eine neue Vertreterin ihrer Spezies - ein wenig Rächerin, ein ganz klein wenig Bestie, vor allem aber ein postmodernes weibliches Update all der schmachtenden Romantiker von Dracula bis Anne Rice' Louis aus "Interview mit einem Vampir", gleichzeitig geerdet im Lebensgefühl all der jugendlichen und sehr sterblichen Sinnsucher, die sich mit Popkultur zu trösten versuchen.

In einem seltsam geschniegelten Vorort von Bad City begegnet sie schließlich Arash (Arash Marandi). Normalerweise zieht er sich an wie James Dean, kümmert sich um seinen drogenabhängigen Vater und fährt einen Ford Thunderbird, den er zwischenzeitlich an einen Dealer verloren hat. Nur heute Nacht ist er high, orientierungslos, voller Liebeskummer und verkleidet - ausgerechnet als Dracula.

Wenn die Gefühle explodieren

Die Frau nimmt Arash mit zu sich nach Hause, wo die beiden einander in einer ostentativ langsamen und dennoch keine Sekunde langweiligen Szene näherkommen. "Death" von den Post-Punkern White Lies liegt darüber, ein hypnotischer Mix aus Beschleunigung und Melancholie, während Arash zu ihr geht, und sie sich umdreht und ihn beißen könnte. Augen, Münder, Hälse, man muss es wohl eine Liebesszene nennen - oder besser: Einen Moment, in dem sich eine Sehnsucht verdichtet nach einem anderen Menschen und nach einer anderen Welt.

In diesen Gefühlsexplosionen gerät die Sprache bekanntlich schnell an ihre Grenzen, womöglich gilt dasselbe auch für die Bilder. Amirpour lässt in ihrem Film dafür oft die Musik erzählen: Die iranischen Rocker von Radio Tehran, den Nahost-Dance-Sound des armenisch-stämmigen Produzenten Bei Ru, die flirrenden Riffs der Band Federale aus Portland, die an Spaghetti-Western erinnern.

Zusammengesetzt aus Subgenre-Bausteinen bewegt sich die Geschichte eher gemächlich voran, nicht alle Begegnungen enden indes blutig. Aber im so oft unbewegten Gesicht von Sheila Vands Vampirin bleiben genügend Rätsel, um den Umschwung in die Grausamkeit jederzeit möglich erscheinen zu lassen. In ihren Augen freilich blitzt es ständig, vor Hass, vor Durst, vor Liebe, vor Leidenschaft.

So unterkühlt und so brennend heiß ist auch Amirpours Film geworden: "A Girl Walks Home Alone at Night" ist zu offensichtlich getränkt in die Geschichte seines Genres, um im manipulativen Kitsch zu versinken. Aber er ist auch zu lustvoll erzählt, um künstlich zu wirken.

A Girl Walks Home Alone at Night

    USA 2014

    Buch und Regie: Ana Lily Amirpour

    Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Mozhan Marnò, Dominic Rains

    Produktion: SpectreVision

    Verleih: capelight pictures

    Länge: 100 Minuten

    Start: 23. April 2015

    FSK: Frei ab 12 Jahren



insgesamt 4 Beiträge
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monsieurK 23.04.2015
1. Iranischer Western???
Dieser Film ist eine 100 prozentig amerikanische Produktion und wurde in den USA gedreht. Ana Lily Amirpour wurde in England geboren und lebt in den USA. Ein solcher Film würde im Iran nicht prozierbar sein, geschweige denn gezeigt werden können.
GeorgiosOrwellos 23.04.2015
2. @monsieurK
Was sie schreiben ist hanebüchener Unfug...aber vermutlich mit Programm. Die Regisseurin sowie jeder einzelne Schauspieler in dem Streifen ist iranischer Herkunft. Weiterhin ist der Film vollständig in Farsi gedreht worden. Vermutlich sind sogar die Produzenten des Films aus dem Iran. Das einzig Amerikanische an diesem Film ist wohl der Drehort. Leider passt dies aber nicht zu ihrem simplen Weltbild, in dem alles, was aus dem Iran stammt gleichzeitig minderwertig sein muss. Wie ich solche Rassisten verachte....
tlatz 23.04.2015
3. Die Rassismuskeule.. wie unsportlich
Zitat von GeorgiosOrwellosWas sie schreiben ist hanebüchener Unfug...aber vermutlich mit Programm. Die Regisseurin sowie jeder einzelne Schauspieler in dem Streifen ist iranischer Herkunft. Weiterhin ist der Film vollständig in Farsi gedreht worden. Vermutlich sind sogar die Produzenten des Films aus dem Iran. Das einzig Amerikanische an diesem Film ist wohl der Drehort. Leider passt dies aber nicht zu ihrem simplen Weltbild, in dem alles, was aus dem Iran stammt gleichzeitig minderwertig sein muss. Wie ich solche Rassisten verachte....
Ihre Definition von iranischem Film mag sein: Iranische Schauspieler, iranische Regie, d.h. iranischer Film. Ein anderer, so auch ich, definiert: Das Land, in dem die Produktionsfirma registriert ist, ist das Land aus dem der Film kommt, egal wer ihn in welcher Sprache gedreht hat. Wenn die Produktionsfirma in den USA registriert ist, dann ist es ein amerikanischer Film, auch wenn die Produktionsfirma Iranern gehört und auch wenn alle Schauspieler und die Regisseurin Iraner sind. Wenn ein Niederländer in Köln eine Produktionsfirma nach deutschem Recht gründet, dann 100 Niederländische Schauspieler nach Köln kommen lässt und dort einen Film mit ihnen zu 100% auf niederländisch dreht, dann ist es dennoch ein deutscher Film. Ebenso wie der ausschließlich mit Indern besetzte Film Slumdog Millionaire ein amerikansicher Film ist. Und dass dieser Film im Iran selber so nicht drehbar gewesen wäre ist wohl auch ihnen klar. Ein weiterer Punkt: Einen Film, der im Iran nicht drehbar ist, weil er der dortigen Weltsicht der Regierung und der religiösen Führung nicht passt und der darum in den USA gedreht wird als iranischen Film zu bezeichnen fände ich auch einigermaßen daneben, schon deswegen, weil man eben die Unfreiheit der Filmschaffenden klar zeigen sollte und sie eben nicht durch die Benennung als iranischen Film verdecken sollte. Abschließend muss ich sagen, dass ich es wirklich unsäglich und reichlich unsportlich finde, jemandem Rassismus zu unterstellen, der simple Fakten aufzählt, vor allem die unbestrittene Tatsache, dass ein Film über eine Vampirin, die fremde Männer in ihre Wohnung mitnimmt im Iran wohl ziemlich problematisch wäre.
monsieurK 23.04.2015
4. Nachtrag...
...dieser Film wurde von Elijah Wood's Produktionsfirma Spectre Vision produziert. Was dieser junge Mann bisher produziert hat dürfte ja allgemein bekannt sein.
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