"A.I.: Artificial Intelligence" Kubricks letztes Meisterwerk?

Steven Spielberg verwirklicht Stanley Kubricks letztes Projekt "A.I.: Artificial Intelligence". Der ausführende Produzent und Kubrick-Schwager Jan Harlan gibt einen exklusiven Ausblick, was vom letzten Meisterwerk des Regie-Visionärs zu erwarten ist.

Von Marc Hairapetian


"A.I."-Artwork

"A.I."-Artwork

Es ist schon jetzt die größte Sensation des kommenden Kinosommers: An das Projekt "A. I.: Artificial Intelligence" sind nicht nur von Science-Fiction-Fans und cineastischer Fachwelt die größten Erwartungen seit der Realisierung von "2001 - Odyssee im Weltraum" (1965-68) geknüpft. Denn im magischen Kubrick-Jahr soll es nach der finalen Seelen-Irrfahrt "Eyes Wide Shut" noch ein allerletztes Meisterwerk des am 7. März 1999 verstorbenen Regisseurs geben. Ein Paradoxon? Mitnichten, denn kein Geringer als Steven Spielberg wird postum für den von ihm hochverehrten Freund eine Arbeit vollenden, mit der sich Stanley Kubrick über fast zwei Jahrzehnte intensiv beschäftigt hat.

"Das große, in bester Tradition von Isaac Asimovs 'Robotergeschichten' stehende Zukunftsmärchen ist bei Spielberg in besten Händen", erklärt Kubricks Schwager Jan Harlan, der von "Uhrwerk Orange" (1970/71) bis "Eyes Wide Shut" (1999) ausführender Produzent des in seinem Anspruch auf absolute künstlerische Autonomie wohl einzigartigen Filmemachers war. Auch bei der Adaption des noch von Kubrick fertig gestellten und mit einem Storyboard versehenen Drehbuchs zu "A. I." fungiert er wieder als "Executive Producer": "Ich habe Steven das ganze Material zusammengesucht und geschickt, allein über 1000 Zeichnungen Stanleys. Im März letzten Jahres kam das Ganze zu Stande."

Regie-Genie Kubrick: "'A.I.' ist und bleibt Stanleys Projekt"
AP

Regie-Genie Kubrick: "'A.I.' ist und bleibt Stanleys Projekt"

"A. I." basiert auf der nur neunseitigen, im deutschsprachigen Raum lange vergriffenen Kurzgeschichte "Supertoys Last All Summer Long" des britischen SF-Veteranen Brian W. Aldiss. Sie spielt in einer Zeit, in der Roboter mehr Gefühle haben als Menschen. Das muss den öffentlichkeits-, aber nicht menschenscheuen Kubrick, der seinen von Familienmitgliedern (inklusive unzähliger Hunde und Katzen) bevölkerten englischen Landsitz Childwickbury Manor nur äußerst selten verließ und mit dem Bordcomputer HAL 9000 aus "2001" den Prototyp der gefühlvollen, aber auch egoistisch-rachsüchtigen Maschine schuf, brennend interessiert haben.

Der akribische Perfektionist hatte sich die Verfilmungsrechte bereits 1982 gesichert und parallel zu "Full Metal Jacket" und "Eyes Wide Shut" über Jahre ein Expertenteam mit der Verfeinerung von auf der ILM-Technik basierenden Special Effects beschäftigt. Außerdem engagierte er ab 1990 den Schriftsteller Ian Watson, der in einer Rahmenhandlung ein globales Alptraumszenario heraufbeschwor: Durch das Schmelzen der Polarkappen sind viele Küstenstädte von Überschwemmungen bedroht. Mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Computersysteme sollen die Katastrophe aufhalten, doch am Ende bekämpfen sie ihre Schöpfer, also die Menschheit.

Kubrick-Fan Spielberg: "Typische Telefonfreundschaft"
REUTERS

Kubrick-Fan Spielberg: "Typische Telefonfreundschaft"

"Stanley hatte sich lange mit 'A. I.' beschäftigt, es aber immer wieder in die Schublade zurückgelegt, weil die Technik - man benötigt unglaublich viel Computergraphik für die Umsetzung - noch gar nicht so weit war. Es gab also zunächst keine Eile.", erläutert der in St. Albans bei London lebende Jan Harlan die Entstehungsgeschichte des Projekts. Mit seinem Regiekollegen Spielberg habe Kubrick häufig über "A.I." gesprochen. "Das war so eine typische Stanley-Kubrick-Telefonfreundschaft. Mit den richtigen Leuten konnte er ewig reden. Er war ein sehr weltoffener Mensch und lebte nicht von Vorurteilen. Er war das Gegenteil von einem Kleinbürger", revidiert Harlan das Kubrick-Klischee vom exzentrischen Einzelgänger.

"Eine gewisse Zeit überlegten sie, den Film gemeinsam zu realisieren. Stanley hatte sehr gehofft, dass Steven es machen würde, weil er ihn immer für den Richtigen hielt, dafür hatte er einen gesunden Instinkt. Je mehr Nachrichten Stanley aber über die neuesten elektronischen Spielzeuge erhielt, desto stärker packte es ihn, und schließlich wollte er es doch allein machen."

Nun führt Spielberg die Arbeit seines Vorbildes ("Wir stehen alle im Schatten Kubricks") zu Ende. Die kinematographische Verwirklichung von "A. I." wird ähnlich geheim gehalten wie zu Kubricks Zeiten. Auch Nachlassverwalter Jan Harlan sucht sich die Journalisten genau aus, mit denen er spricht. Über inhaltliche Dinge will er verständlicherweise nicht viel preisgeben. Nur so viel sei verraten: Im Zentrum des Geschehens befindet sich ein künstlich geschaffenes Kind, das um die Liebe seiner Menscheneltern ringt. Ihm zur Seite steht ein ebenfalls artifizieller Teddy. Die Tagline des Filmplakats, bei dem der Schatten des Jungen im Buchstaben "A" versteckt ist und seine weiße Silhouette das "I" bildet, lautet: "David is 11 years old. He weighs 60 pounds. He is 4 feet, 6 inches tall. He has brown hair. His love is real. But he is not."

Produzent Jan Harlan (l.) mit Christiane Kubrick und SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Marc Hairapetian
Marc Hairapetian

Produzent Jan Harlan (l.) mit Christiane Kubrick und SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Marc Hairapetian

Besetzung und Stab sind hochkarätig: Kinderstar Haley Joel Osment ("The Sixth Sense") verkörpert das Roboterkind. Seine "Mutter" spielt Frances O'Connor ("Mansfield Park"). Jude Law ("Der talentierte Mr. Ripley") gibt in der Rolle des Gigolo Joe eine Art Pinocchio des 21. Jahrhunderts. Als Erzähler fungiert Robin Williams. Hinter der Kamera steht Janusz Kaminski ("Der Soldat James Ryan", "Amistad"). Und für den orchestralen Soundtrack ist Spielbergs Stammkomponist John Williams zuständig. Die Dreharbeiten fanden vom 17. August bis zum 18. November im Warner Brothers Studio in Culver City (Kalifornien) und an Originalschauplätzen in Los Angeles, Long Beach und in der Karibik statt. "A. I." befindet sich jetzt in der Postproduktion, doch Standfotos sind bisher noch nicht zu sehen. US-Filmstart ist am 29. Juni, in Europa muss man sich wohl noch bis Anfang Oktober gedulden.

Für die Verwirklichung des ehrgeizigen Projekts haben Warner Brothers und Spielbergs Dreamworks kooperiert: "Natürlich ist Steven Produzent und Regisseur, gleichzeitig ist und bleibt es Stanleys Projekt. Es wird deshalb heißen: "A Stanley Kubrick Produktion realized by Steven Spielberg", präzisiert Jan Harlan, der selbst gerade an einer Kubrick-Dokumentation arbeitet. Sie enthält viele bisher unveröffentlichte Filmausschnitte, Privataufnahmen sowie Interviews mit Kubricks Frau Christiane und Mitstreitern wie Jack Nicholson oder Sydney Pollack und soll Ende des Jahres von Warner über TV, DVD und Video vertrieben werden.

Weltraum-Oper: Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" kehrt ins Kino zurück (Szenenfoto mit Keir Dullea, Gary Lockwood und HAL 9000 (M.))
MGM

Weltraum-Oper: Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" kehrt ins Kino zurück (Szenenfoto mit Keir Dullea, Gary Lockwood und HAL 9000 (M.))

Die Befürchtung, der Kinoroutinier Spielberg könne den Stoff des sehr langsam und methodisch arbeitenden Visionärs Kubrick bis zur Unkenntlichkeit verwässern, entkräftet Harlan mit der Entgegnung, dass die von Spielberg vorgenommenen Skript-Ergänzungen "großartig" seien: "Stanley hätte applaudiert, das ist gar keine Frage! Es kann sein, dass der Film bei Kubrick sehr viel ernster geworden wäre, aber es geht ja nicht um Wertigkeiten."

Wem das Warten auf "A. I." zu lang werden sollte, kann sich auf die diesjährige Berlinale freuen. Gleich zwei Kubrick-Meilensteine sind im Februar als "Special Screenings" zu sehen: Zum einen der 1957 in Deutschland entstandene Antikriegsfilm "Wege zum Ruhm", der in Anwesenheit des Ehrengasts Kirk Douglas aufgeführt wird. Zum anderen die restaurierte Fassung der philosophischen Space-Opera "2001- Odyssee im Weltraum", die einen zusätzlichen zehnminütigen Prolog über eine andere Form von "A. I." enthält - in diesem Fall ist nämlich "außerirdische Intelligenz" gemeint.



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