"A.I." Jan Harlan über Kubricks letzte Filmprojekte

Stanley Kubricks Schwager und Produzent Jan Harlan sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine Dokumentation "A Life in Pictures" und unvollendete Werke des 1999 verstorbenen Regie-Genies. Exklusiv: Das erste Bild aus "A.I. - Artificial Intelligence".


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SPIEGEL ONLINE:

Herr Harlan, wie kam es dazu, dass Ihre Dokumentation "Stanley Kubrick - A Life in Pictures" auf der diesjährigen Berlinale als Weltpremiere gezeigt wurde?

Jan Harlan: Ich habe 30 Jahre mit Kubrick zusammengearbeitet, und plötzlich war da ein großes Loch. Ich war daher glücklich über den Vorschlag des damaligen Co-Chairmans von Warner, Terry Semel, eine Dokumentation über Stanleys Leben zusammenzustellen. Der scheidende Festival-Chef Moritz de Hadeln hörte davon und kam nach London. Nachdem er sich Teile der noch nicht fertiggestellten Dokumentation angesehen hatte, sagte er nur: "Das wird gut, das nehmen wir."

SPIEGEL ONLINE: Woher stammen die Aufnahmen des jungen Stanley Kubrick, die für die damalige Zeit eine sehr gute Qualität haben?

Harlan: Das Material wurde von seinem Vater Jack Kubrick gedreht. Er war Arzt in New York und Hobbyphotograph. Er besaß eine 16-mm-Kamera, die es ja schon in den 30er Jahren gab.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie so viele private Bilder in Ihrer Dokumentation verwendet?

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Harlan: Das private Material ist streng limitiert eingesetzt worden. Es ist Material, das der Familie gefällt, und wir meinen, dass wir Stanley würdigen und ehren, indem wir es zeigen. Wir haben aber keine Outtakes seiner Filme benutzt: Was er herausgeschnitten hat, muss draußen bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Man muss das wohl respektieren, trotzdem scheint es, dass die bei "Lolita" herausgeschnittenen Szenen nicht in Kubricks ursprünglicher Intention lagen. In Ihrer Dokumentation ist von einem "Kompromiss" die Rede. Auch den ersten Spielfilm "Fear and Desire" würden Kubrick-Fans natürlich gern einmal sehen.

Harlan: Was "Fear And Desire" betrifft: Stanley mochte ihn nicht. Der Film befindet sich im Besitz von Christiane Kubrick, und ich kann mir, da er ihn zurückgezogen hatte, nicht vorstellen, dass sie ihn zur Aufführung freigeben wird. Unser gesamter Film ist sehr respektvoll ihm gegenüber. Viele Leute bei Warner wollten, dass wir mehr Material verwenden, das tiefer in sein Privatleben hineinleuchtet. Das haben wir nicht getan. Eines Tages werde ich Stanley wiedertreffen und Rede und Antwort stehen müssen. Was "Lolita" angeht, habe ich das Material nicht und glaube auch nicht, dass es existiert. Ich wäre auch nicht damit einverstanden, dass diese Outtakes gezeigt oder verwendet werden.

SPIEGEL ONLINE: Zum Berlinale-Abschluss wurde die restaurierte Fassung von "2001 - Odyssee im Weltraum" begeistert aufgenommen. Die längere Spieldauer von 156 Minuten resultierte aber lediglich aus dem Einfügen der ursprünglichen Ouvertüre des Avantgarde-Komponisten György Ligeti. Was ist in den 17 Minuten, die Kubrick nach der New Yorker Premiere 1968 herausschnitt, zu sehen?

Harlan: Ich weiß es leider auch nicht, das lag vor meiner Zeit. Ich kenne "2001" nur in der Version, die Sie auch kennen. Die 17 Minuten hat Stanley übrigens mit seinem Cutter Ray Lovejoy während der gemeinsamen Schiffsreise von New York nach London eliminiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Thematik von "2001" ist auch mehr als 30 Jahre nach dem Filmstart noch aktuell. War Stanley Kubrick ein Visionär?

Harlan: Ich meine, die Essenz des Films, seine Bedeutung hat sich nicht verändert. Es geht nicht darum, ob wir heute tatsächlich diese oder jene Computer oder Telefone benutzen oder darum, wie sie aussehen. Der Punkt ist, dass wir noch immer genauso ratlos sind, wenn es darum geht zu sagen, ob irgendein Sinn, irgendeine Erlösung mit unserer Existenz verknüpft ist. Auf diesem Gebiet haben wir keinen Fortschritt gemacht.

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SPIEGEL ONLINE: Woher rührte das Interesse an Napoleon Bonaparte, dessen Leben ihm als Vorlage für ein fertiges Filmdrehbuch diente?

Harlan: Kubrick hat sich nicht mit Napoleon verglichen. Es hat ihn einfach interessiert herauszufinden, wie es sein kann, dass ein dermaßen intelligenter Mensch solch folgenschwere Fehler, die zu seinem Untergang führen, begehen kann. Derlei Überlegungen haben Kubrick dazu verleitet, alle Dinge sehr gründlich durchzuführen. Er war bestrebt, eigene Fehler möglichst zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern wird der von Spielberg nun abgedrehte "A.I.- Artificial Intelligence" von Kubricks unrealisierter Fassung abweichen?

Harlan: Wie Sie in der Dokumentation gesehen haben, kannten sich Stanley und Steven bereits geraume Zeit. Stanley selbst hatte die Idee, Spielberg als Regisseur von A.I. einzusetzen. Der fertige Film wird ganz klar einen "Spielberg-Touch" haben, was aber in keiner Weise verwerflich, sondern die Umsetzung von Stanleys originalem Plan ist.

SPIEGEL ONLINE: War die Einstellung der Arbeit am nicht realisierten Holocaust-Projekt "Aryan Papers" eher eine kommerzielle Überlegung von Warner Bros. oder das Gefühl, dass die Arbeit daran zu belastend ist?

Harlan: Kubrick hatte sich bereits mit den Vorbereitungen schwer getan, weil er meinte, dass die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs eigentlich nicht darstellbar sind. Trotzdem wollte er es tun, das war nicht der Hinderungsgrund. Wir arbeiteten intensiv daran, und es war bereits ein Studio in Bratislava vorgesehen. Wir waren schon so weit, dass wir die Genehmigung der Stadt Brünn, in der man Warschau hätte nachstellen können, hatten, die Stadtmitte für ein Wochenende zu sperren, die alten Straßenbahnen aus dem Straßenbahnmuseum wieder auf die Schienen zu setzen und die Hakenkreuz-Fahnen aus den Hausfenstern hängen zu lassen. Wir waren sehr weit gegangen, er wollte den Film unbedingt machen. Doch dann kam Spielbergs "Schindlers Liste" heraus. In dem Augenblick trat sicher eine kommerzielle Überlegung hinzu, als Stanley und Terry Semel von Warner sich sehr sorgfältig überlegten, ob es klug sei, den Film jetzt zu machen. Wir hatten ja schon einmal eine ähnliche Situation mit "Full Metal Jacket", der ein großer kommerzieller Erfolg war, aber "Platoon", der zeitgleich gespielt wurde, hat uns nicht sehr geholfen...

SPIEGEL ONLINE: Sein finales Werk "Eyes Wide Shut" ist neben "Barry Lyndon" der einzige Film Kubricks, der kommerziell hinter den Erwartungen zurückblieb.

Harlan: In "Eyes Wide Shut" steckte er sein ganzes Herzblut. In Japan war "EWS" ein riesiger Erfolg, in den USA hingegen ein Flop, gemessen zumindest an dem Rummel, der um ihn veranstaltet wurde. Kommerziell gesehen war er noch tragbar, doch man muss gestehen, dass ihn das Publikum in den Staaten nicht mochte. Das ist schwer kalkulierbar. Bei "Barry Lyndon" wurden allein in Paris so viele Tickets verkauft wie in ganz Großbritannien. In Frankreich, Spanien, Italien und Portugal waren die Leute verrückt nach diesem Film. In Deutschland erzielte er unbedeutende Einspielergebnisse.

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SPIEGEL ONLINE: Nach der Fertigstellung von "Eyes Wide Shut" wollte der ansonsten pressescheue Kubrick plötzlich mit Journalisten sprechen. Ging dieses Vorhaben auf sein Bedürfnis zurück, die Rezeption seiner Filme zu steuern?

Harlan: Die britische Presse war sehr grob mit ihm umgegangen. Das hatte natürlich damit zu tun, dass er in der Regel nicht mit Journalisten sprach: Er war niemals im Fernsehen, sprach nie mit Radiostationen und mochte es nicht, interviewt zu werden. In den letzten zehn Jahren, insbesondere nach der Ankündigung von "Eyes Wide Shut", hatte sich die englische Presse regelrecht auf ihn gestürzt. Schließlich sagte er zu Christiane: "Jetzt muss ich in den sauren Apfel beißen!" Es waren völlig inkorrekte Informationen verbreitet worden, die er richtig stellen wollte.

Das Gespräch führten Claudia Tour-Sarkissian und Marc Hairapetian



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