Neuer Film von Woody Allen Der Prototyp vom Stadtneurotiker

Er alt, sie jung - diese Beziehungskonstellation zieht sich durch Woody Allens Werk. Sein neuer Film "A Rainy Day in New York" zeigt: Letztlich sind dabei immer die Männer das Problem.

Jessica Miglio/ Gravier Producti

Von


Zwei Geheimnisse umgeben Woody Allen. Das erste ist das des 4. August 1992. Was an diesem Tag passiert ist, ob sich Allen tatsächlich an seiner Adoptivtochter Dylan Farrow vergangen hat, wird sich wohl nie klären lassen. Wort steht hier gegen Wort, und eine nicht erhobene Anklage, die als Beleg für Allens Unschuld gilt, gegen ein Gerichtsurteil, das ihm "grobes Fehlverhalten" gegenüber seiner Tochter vorwirft.

Das zweite Geheimnis ist, warum sich in seinen Filmen junge Frauen so häufig zu deutlich älteren Männern hingezogen fühlen und umgekehrt. Dieser Umstand ist zwar schon seit Jahrzehnten bekannt - in "Manhattan" von 1979 etwa war Hauptfigur Tracy (Mariel Hemingway) eine 17-jährige Schülerin, während Allens Alter Ego auf die 43 Jahre zuging, zuletzt war die Konstellation etwa in "Café Society" von 2016 zu beobachten.

Seitdem die Missbrauchsvorwürfe gegen Allen in Zusammenhang mit #MeToo wieder breit diskutiert werden, hat auch das Rätseln um das zweite Geheimnis wieder an Dringlichkeit gewonnen - ohne dass man freilich neue Erkenntnisse dazu erwarten würde. Doch erstaunlich: Allens neuester Film "A Rainy Day in New York" bietet nach all der Zeit nun einiges an Erläuterung.

Fotostrecke

10  Bilder
"A Rainy Day in New York": Das Recht der zweiten Nacht

In die Arme von gleich drei älteren Männer treibt Allen die Studentin Ashleigh (Elle Fanning, 21) innerhalb des titelgebenden "rainy day": erst in die von Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber, 52), dann in die seines Drehbuchautors Ted Davidoff (Jude Law, 46), schließlich in die von Schauspielstar Francisco Vega (Diego Luna, 39).

Für ein Interview mit ihrem Lieblingsregisseur Pollard ist Ashleigh extra aus ihrem fiktiven Liberal Arts College nach New York City angereist. Weil "Rolly" jedoch in einer Sinnkrise steckt und diese sich schnell in eine Trinkkrise verwandelt, verkürzt sich das Interview auf ein paar nervös verkicherte Fragen, dann ist "Rolly" auch schon verschwunden.

Die Suche nach ihm betreibt Ashleigh dann allerdings ohne nennenswerten Fokus, denn ihre libidinöse Flatterhaftigkeit ist mindestens so groß wie ihre intellektuelle. Am Ende steht sie in Unterwäsche auf einer verregneten Feuertreppe, da ihr spontan gekürter Liebhaber Vega sie dahin gescheucht hat. Und weil sie Schwierigkeiten hat, sich den eilig mitgenommenen Trenchcoat überzuziehen, huscht sie anschließend noch ein paar Minuten weiter in Unterwäsche durch den Regen.


"A Rainy Day in New York"
USA 2018

Buch und Regie: Woody Allen
Darsteller: Timothée Chalamet, Elle Fanning, Selena Gomez, Jude Law, Liev Schreiber, Diego Luna, Annaleigh Ashford, Rebecca Hall
Produktion: Gravier Productions, Perdido Productions
Verleih: Filmwelt
Länge: 93 Minuten
Kinostart: 5. Dezember 2019


Ashleighs Lieblingsregisseur und mit ihm ihre journalistischen Ambitionen sind in der Zwischenzeit in weite Ferne gerückt, dafür hat "Rolly" früh für die Schlüsselszene des Films gesorgt: Noch einmal eine ungehemmte Schwärmerei über sein Werk zu hören, wie sie Ashleigh zu Beginn ihres Gesprächs entfährt, das tut dem von Selbstzweifeln gebeutelten Starregisseur so gut, dass es ihn auch nicht schert, dass Ashleigh nichts von Substanz über seine Filme sagen kann.

Ungetrübt von Alter, Erfahrung und gereiftem Geschmacksurteil - so mag dieser Künstler seine weiblichen Fans, so bewahren sie ihn vor der Selbstreflexion, so kann er weitermachen wie bisher. (Was sich gut auch auf den Nachschub an Jungschauspielerinnen, von Scarlett Johansson über Kristen Stewart und Emma Stone bis Elle Fanning, übertragen lässt, mit denen Allen seit 2000 gearbeitet hat.)

Dass Ashleigh bei ihrem New-York-Trip von ihrem gleichaltrigen Boyfriend (gespielt von Timothée Chalamet) begleitet wird, macht die Sache derweil nicht komplizierter, sondern klarer. Gatsby heißt dieser Boyfriend, und wenn es nicht schon der Name vereindeutigt, dürfte es das Tweedjackett tun, das ihm buchstäblich zwei Nummern zu groß ist: Dieser junge Mann ist nur ein Vorläufer, ein Prototyp vom Stadtneurotiker, dessen ausgefeilte Modelle längst die Upper West Side bewohnen und dort nicht unbedingt bessere Laune, aber ein besseres Auskommen haben. Warum als Frau beim jungen Mann bleiben, wenn man mit dem älteren zwei Jahrzehnte Larmoyanz und mindestens eine Scheidung überspringen kann?

Letztlich macht "A Rainy Day in New York" deutlich, dass nicht die Frauen-, sondern die Männerfiguren das Problem bei Woody Allen sind. Ihr Entwicklungspotenzial beschränkt sich auf den körperlichen Verfall. Politisch, ästhetisch und vor allem emotional treten sie entschieden auf der Stelle, scheren sich weder um ihre Familie noch um alternative Modelle von Männlichkeit. An Varianz bleibt ihnen allein, ob sie in ihren ausnahmslos unglücklichen Ehen betrogen haben oder betrogen wurden.

Im Video: Der Trailer zu "A Rainy Day in New York"

Jessica Miglio/ Gravier Producti

Da sie nur zeitliche Abstufungen voneinander sind, können sich die jüngeren Männer bei Allen auch in den Älteren wiedererkennen. Deshalb gibt es auch keinen Streit zwischen ihnen um die Frauen. Jung tritt klaglos ab, weil das Recht der zweiten Nacht schließlich irgendwann auch auf die nächste Generation übergeht.

Bis es soweit ist, können die jungen Männer üben. In "A Rainy Day in New York" orientiert sich Gatsby bereits probeweise um: Während Ashleigh durch die Stadt wirbelt, hat er die Schwester einer alten Flamme getroffen und sich in sie verguckt. Die jüngere Schwester, versteht sich.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
derpif 04.12.2019
1.
Bin mit den Filmen von Allen aufgewachsen. Mochte sie früher sehr gerne. However, seitdem die Vorwürfe bekannt wurden, ewig her, kann ich mir die Filme nicht mehr antun. Hab einfach keinen Bock mehr drauf. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ist mir (nicht) egal was er macht.
monspessulanus 05.12.2019
2. Gähn
Seine Filme sind gefühlt immer das gleiche und die letzten waren grottenschlecht. Aber es ist wie mit jedem grossen Künstler, sie können den grössten Schrott produzieren und die Intellektuellen klatschen mit beiden Ohren. Wer traut sich schon zu sagen, dass der König nackt ist?!
hegoat 05.12.2019
3.
Woody Allen dreht noch Filme? Ich dachte, der hätte Ende der Siebziger aufgehört. Jedenfalls hab ich seitdem nichts neues von ihm mehr gehört. Oder dreht er etwa den selben Film immer und immer wieder? Kommen die überhaupt ins Kino?
mypleasure 05.12.2019
4. Überflüssige Kommentare & Danke,Woody Allen
Wenn ich die ersten beiden Kommentare lese, denke ich: manche Menschen kommentieren offensichtlich nur deswegen,um mal was gesagt haben zu dürfen. Man muss Woody Allen nicht mögen, aber warum so ein Unsinn über ihn und seine Filme schreiben? Seine besten Filme sind sogar aus den Nuller Jahren finde ich und dass sich eine bestimmte Thematik wiederholt, zeigt, wie er sich damit über Jahre hinweg auseinandersetzt- mit Erfolg. Er ist authentisch und jedes seiner Filme zeigt eine andere Nuance der Idee.Das müssen Blockbuster- und Actionfilmqucker aber erst einmal verstehen.
sven17 05.12.2019
5.
Werde ich mir dann auch im Kino ansehen. Der Dezember scheint da immer voller zu werden^^
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.