"About Schmidt" Der traurige Amerikaner

Alexander Paynes Rentner-Drama "About Schmidt" zeigt Jack Nicholson in einer Paraderolle: Als frustrierter Ruheständler, der sich ein letztes Mal gegen die Zeitläufte wehren will, führt uns der Hollywood-Veteran den Gemütszustand der Verlorenen und Verwirrten Amerikas vor.

Von Oliver Hüttmann


Nicholson als Rentner Schmidt: Mit Wasser im Rachen gespielt
Warner Bros.

Nicholson als Rentner Schmidt: Mit Wasser im Rachen gespielt

Die Uhr tickt, und Warren Schmidt verfolgt mit unbewegtem Blick, wie der Sekundenzeiger über das Zifferblatt ruckelt. Er sitzt an seinem leer geräumten Schreibtisch, in einer Ecke des grau gestrichenen Büros sind Umzugskartons gestapelt. Um Punkt fünf steht er auf, löscht das Licht und schließt hinter sich die Tür. So wird er es jedes Mal zum Feierabend getan haben. Doch diesmal geht er in den Ruhestand. Und bei diesen Momentaufnahmen, in denen die Minuten mit schleichender, stiller Tristesse verstreichen, ahnt man schon, wie das ganze Leben von Warren Schmidt verlaufen sein muss.

"About Schmidt" ist der Film, bei dem alle über Jack Nicholson reden. Mit fahlem Gesicht, steinerner Miene und gequältem Lächeln brilliert er als biederer Rentner, der sein Schicksal rekapituliert und zu einer bitteren Erkenntnis kommt. Sein Schmidt ähnelt ein wenig seinem pensionierten Cop in Sean Penns "Das Versprechen", ohne dass er sich dabei wiederholt. Denn die Präzision, mit der Nicholson in seiner Karriere vor allem die Verwirrten und Verlorenen zu unverkennbaren Charakteren gestaltet hat, bleibt einzigartig.

Letztes Aufbäumen: Schmidt will seine Tochter (Hope Davis, M.) vor dem verhassten Schwiegersohn (D. Mulroney) zu retten
Warner Bros.

Letztes Aufbäumen: Schmidt will seine Tochter (Hope Davis, M.) vor dem verhassten Schwiegersohn (D. Mulroney) zu retten

Minimalistisch und doch nuanciert verkörpert er Schmidts innere Leere, Müdigkeit und verknöcherte Haltung. Mit hängenden Mundwinkeln und leicht im Nacken verschränktem Kopf sieht er aus, als hätte er mit Wasser im Rachen gespielt. Dafür ist er nun zum zwölften Mal für den Oscar nominiert, von denen er immerhin schon drei gewonnen hat. Das wird wohl nie mehr ein Schauspieler überbieten.

Nicholson ist in jeder Szene zu sehen. Dass diese Präsenz nicht manieriert wirkt, ist auch ein Verdienst des Regisseurs Alexander Payne. Ungekünstelt begleitet er Schmidt mit sensiblen, unsentimentalen und symbolischen Bildern und behält dabei eine bewegende Balance aus Melancholie und wahrhaftigem Witz. Wenn Schmidts rührige Ehefrau Helen (June Squibb), die sich so auf den gemeinsamen Lebensabend gefreut hat, an einem Herzinfarkt stirbt und er sie neben dem surrenden Staubsauger findet, spiegelt das unfassbare Tragikomik. Beim Begräbnis, während alle schluchzen und der Pastor predigt, beobachtet Schmidt abwesend einen Tiertransporter auf der anderen Straßenseite.

Charmante Nebenrolle: Kathy Bates als exzentrische Hippie-Mutter Roberta
Warner Bros.

Charmante Nebenrolle: Kathy Bates als exzentrische Hippie-Mutter Roberta

Schmidt war Statistiker bei einem Versicherungskonzern. Der Job, ein einsamer Höhepunkt in seinem Dasein, so wie das Gebäude seines Arbeitgebers als einziges Hochhaus von Omaha die ansonsten recht flache Metropole des US-Bundesstaats Nebraska dominiert. Die Arbeit hat seinen Rhythmus geprägt. Er steht auch jetzt noch morgens um sieben Uhr auf, hockt sich zu Hause an den Schreibtisch und löst Kreuzworträtsel. Er besucht seinen jungen Nachfolger in der Firma, der dynamisch mit Handy und Computer hantiert und seinen Schreibtisch selbstbewusst mit Blick zur Tür schräg in den Raum gestellt hat. Schmidt selbst saß mit dem Rücken direkt neben der Tür. Er ist wortkarg und steif und entdeckt die Kisten mit seinen über Jahrzehnte akribisch archivierten Unterlagen im Müll. Er wurde ausrangiert und fühlt sich überflüssig.

Lust- und orientierungslos zappt er sich durch das Fernsehprogramm und bleibt plötzlich beim Werbespot eines Hilfswerks für hungernde Kinder in Afrika hängen. Für 22 Dollar im Monat, wird appelliert, könne man einem Kind eine Zukunft geben. Die Diskrepanz zwischen diesem fernen, wirklichen Leid und Schmidts letztlich lächerlicher Lethargie ist bizarr und bleibt auch ohne Moralismen, als er tatsächlich eine Patenschaft übernimmt. Das sechsjährige Kind heißt Ndugu, und die Organisation bittet Schmidt, er möge in einem Brief etwas über sich erzählen. Er schreibt besessen ein Dutzend Seiten, die sich zur Lebensbeichte auswachsen. Er beschwert sich über seine Pensionierung, beklagt seine Ehe und Helens Marotten und gesteht das Scheitern seiner Ideale ein: Denn als junger Mann hatte er geträumt, etwas Großes und Gutes zu schaffen. Die Briefe an Ndugu, aus dem Off geschildert, werden für Schmidt zu ebenso spöttischen wie selbstmitleidigen Zwiegesprächen mit sich selbst und gehen mit zunehmendem Realitätsverlust einher.

Reise in die traurige Seele Amerikas: Schmidt auf der Suche nach dem Sinn
Warner Bros.

Reise in die traurige Seele Amerikas: Schmidt auf der Suche nach dem Sinn

Nach Helens Tod verwahrlost er alleine in seinem Haus und wird erst aus der Apathie gerissen, als er an Hand alter Briefe entdeckt, dass Helen vor 30 Jahren eine Affäre mit seinem Kollegen und besten Freund Ray (Len Cariou) hatte. Schmidt flüchtet mit seinem Wohnmobil und entschließt sich, endlich mal seinen Willen durchzusetzen und die Heirat seiner einzigen Tochter Jeannie (Hope Davis) mit dem einfältigen Wasserbetten-Verkäufer Randall (Dermot Mulroney) zu verhindern. Doch sie will von ihrem Vater und seinem Ansinnen nichts wissen. Und so wird die Trauung in Denver für Schmidt zur endgültigen Demütigung, Kapitulation und Gewissheit, dass Schmidt nichts als ein angepasster Versager ist.

Die Fahrt zu Jeannie ist ein Weg zu sich selbst, aber auch eine Reise durch die amerikanische Seele. Unterwegs besucht Schmidt eine Schau über die Pionierzeit, das Buffalo-Bill-Museum und eine prähistorische Ausstellung. Werte der Vergangenheit, die vor allem im weiten Land zwischen den Küstenmetropolen noch zählen und Schmidt als unbeweglichen Dinosaurier zeigen, der sich mit seinem Wohnmobil wehmütig im Kreis dreht. Auf einem Campingplatz wird er von einem Ehepaar auf ein paar Bier eingeladen, man quatscht und lacht, bis die Frau plötzlich bemerkt: "You are a sad, sad man" .

Nicholsons Schmidt steht in einer langen Reihe seiner traurigen Amerikaner, denen in "Einer flog über das Kuckucksnest", auch "Shining" oder "Das Versprechen" unerbittlich die Zeit davon lief. Und wie bei diesen Meisterwerken hat er auch in "About Schmidt" kongeniale Partner, allen voran Kathy Bates als Randalls burschikose Hippie-Mutter Roberta, und mit Alexander Payne einen Regisseur, der konsequent jede falsche Erlösung verweigert.

"About Schmidt". USA 2002. Regie: Alexander Payne; Drehbuch: Jim Taylor, Alexander Payne; Darsteller: Jack Nicholson, Kathy Bates, Hope Davis, Dermot Mulroney, June Squibb, Matt Winston; Produktion: Avery Pix, New Line Cinema; Verleih: Warner Bros.; Länge: 124 Minuten; Start: 27. Februar 2003



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