Hollywoods neues Megamuseum Großes Kino

30.000 Quadratmeter Fläche, mehr als 2500 Exponate: Mit dem umfassendsten Filmmuseum der Welt will Hollywood seine Geschichte würdigen und seine Zukunft sichern - ein Anspruch, der ihm bei der Oscar-Gala oft missglückt.

Renzo Piano Building Workshop/Academy Museum Foundation

Aus Los Angeles berichtet


Wenn sie mal fertig ist, diese Terrasse, dann soll sie dem Besucher den besten Fernblick über das Herz der Filmindustrie bieten. Links die Villen in den Hängen von Beverly Hills. Geradeaus das Hollywood-Schild. Rechts das Griffith-Planetarium, jene ikonische Kulisse - von James Deans "denn sie wissen nicht, was sie tun" bis "La La Land".

"Ist das nicht phantastisch?", fragt Kathy DeShaw und tritt in windiger Höhe bis ganz an den Terrassenrand. "Es ist das tollste Panorama."

DeShaw ist die Geschäftsführerin des Academy Museum of Motion Pictures: So heißt das neueste Museum von Los Angeles, das, als erstes auf der Welt, die Geschichte der Filmbranche würdigt und zugleich ihre Zukunft sichern soll - mit Memorabilia wie Dorothys roten Schuhen aus dem "Zauberer von Oz", aber auch Werken japanischer Anime-Künstler, afroamerikanischer Kinokunst und Virtual-Reality-Installationen.

Wenn es mal fertig ist. Mehr als drei Jahre nach der Grundsteinlegung befindet sich der 400-Millionen-Dollar-Filmpalast des Stararchitekten Renzo Piano immer noch im Rohbau, soll aber nun Ende des Jahres eingeweiht werden. "Wir steuern auf die Ziellinie zu", sagt DeShaw.

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Academy Museum of Motion Pictures: Hollywoods große Kino-Kugel

Auch die Terrasse ist bisher nur eine grobe Betonplatte. Bald wird sie sich an eine gigantische Glaskuppel schmiegen, als architektonischer Gipfel und Schauplatz für Oscar-Partys. Darunter entsteht ein Filmtheater mit 1000 Plätzen und einer neun Meter hohen, 20 Meter langen Leinwand.

Das ist großes Kino. "Wir wollen Macht und Magie des Films zeigen", sagt Museumsdirektor Kerry Brougher. Bestückt aus Privatbeständen und dem enormen Fundus der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas), die die Oscars verleiht, versucht das Museum zu bewirken, was der Gala oft misslingt: Es soll für den Film begeistern.

"Wir bieten jedem etwas", sagt die deutsche Kuratorin Jessica Niebel. "Historikern, Hollywood-Insidern, Fans." Niebel, die zuvor am Frankfurter Filmmuseum gearbeitet hat, rechnet sich allen drei Kategorien zu und kann es selbst kaum glauben, dass sie jetzt ausgerechnet hier gelandet ist, mittendrin: "Irgendwie Wahnsinn, finde ich immer noch."

Erbebensichere Stelzen, moderner Anbau

Die Hoffnungen sind dieses Jahr umso prägnanter, da die Oscar-Show am Sonntag die Existenzkrise Hollywoods zu offenbaren droht, mal wieder. Dabei wurde das Museum lange vor den aktuellen Debatten und Hashtags konzipiert, vor #MeToo, #TimesUp und #OscarsSoWhite, vor grassierender Quotenpanik und Fragen nach der Relevanz der Oscars.

Die Idee, der Filmindustrie ein Denkmal zu setzen, verfolgt die Ampas seit den Sechzigerjahren. Das jetzige Museum wurde 2012 konzipiert, nach Entwürfen Pianos, der mit dem Centre Pompidou berühmt wurde: An den denkmalgeschützten Sandsteinbau der Ex-Kaufhauskette May - der von 1939 stammt, dem selben Jahr wie der "Zauberer von Oz" - setzte er, auf vier erbebensicheren Stelzen balancierend, einen modernen Anbau.

Wie bei einem Big-Budget-Film schwollen die Kosten schnell von 200 auf fast 400 Millionen Dollar an, während das Spendenaufkommen anfangs klemmte, selbst im superreichen Hollywood. Inzwischen, sagt Brougher allerdings, seien 80 Prozent des Kapitalsbedarfs gedeckt.

Um noch mehr reinzubekommen, vermarkten sie die 63 Tragsäulen des Baus für je eine Million Dollar an Stifter, die sie Filmpionieren widmen. Einer widmete seine Säule der Diva Sophia Loren, die 1962 als erste fremdsprachige Schauspielerin einen Oscar gewann. Die 84-Jährige kam vor sechs Wochen persönlich vorbei, schlüpfte in eine gelbe Baustellenweste und wählte eine Säule, die "Italien am nächsten liegt". DeShaw hielt die Szene mit einem Foto fest, das sie auf ihrem iPhone vorzeigt.

30.000 Quadratmeter Fläche, mehr als 2500 Exponate

Das Ausmaß des Museums ist beispiellos. 30.000 Quadratmeter Fläche, mehr als 2500 Exponate: Private Nachlässe und Fundstücke aus dem Academy-Archiv, etwa eine Kamera des Stummfilmstars Mary Pickford, Greta Garbos Kostüme aus "Mata Hari", Kulissen aus "Casablanca" und "Psycho", das Original-Raumschiffmodell aus "2001: Odyssee im Weltraum", zahllose Oscars, "King Kongs" hydraulische Hand, der Kopf des "Alien"-Monsters und ein Fiberglas-Hai aus dem "Weißen Hai", den sie auf einem Autoschrottplatz gefunden haben.

Aber Hollywood ist nicht alles. Als erste Sonderausstellung ist eine Retrospektive des japanischen Kult-Animateurs Hayao Miyazaki geplant, danach eine einzigartige Show schwarzer Kinokunst von 1900 bis 1970, entstanden fernab der früher meist weißen Filmmetropole.

Die Dauerausstellung wird zudem die technologische Geschichte des Films nachzeichnen, von Kinematographen bis zu Digitalprojektoren, vom Anfang des Hollywood-Studiosystems bis zu seinem Untergang, von Filmpalästen bis zu Streaming-Diensten. "Der Film begann lange vor dem Kino", sagt Niebel. "Die ersten Projektionisten tingelten über Jahrmärkte."

Und der Film dürfte das Kino überdauern. Das dachte sich jedenfalls auch das Academy Museum: Einer seiner großzügigsten Sponsoren ist Ted Sarandos, der Programmchef des Kino-Killers Netflix.

insgesamt 2 Beiträge
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bogedain 23.02.2019
1. Ein Grund mehr
nach Los Angeles zu reisen !
antimaterie 24.02.2019
2. Mehr Anstrengung
Jede Religion braucht ihren Tempel. Und wer die kleinen Träume verkauft, kommt ohne die ganz großen Gesten nicht aus. Es ist entschieden zu klein. Kleopatra lag ganz Rom zu Füßen. Also, etwas mehr Anstrengung, bitte.
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