Jugend in Russland Lass Säure regnen!

Wer nicht auswandert, wird zwischen der Rückwärtsgewandtheit der Alten und dem Party-Nihilismus der Jungen zerrieben: Der Debütfilm "Acid" zeichnet ein desolates Bild von Russland - unser Film der Woche.

Edition Salzgeber

Zum Entkalken sind ein paar Tropfen Säure gar nicht schlecht. Kein Wunder also, dass sie in Alexander Gorchilins Film "Acid" eine zentrale Rolle einnimmt: Das Russland, an dem sich der 27-jährige Regisseur hier abarbeitet, ist völlig verkalkt.

Ganz folgerichtig hat die Säure ihren ersten großen Auftritt dann auch in einem Becken, in das ein Künstler Lenin-Büsten tunkt - die löchrig gewordenen, irgendwie geschmolzen wirkenden Figuren sind zwar nicht gerade ansehnlich, aber sie verkaufen sich gut. Wenige Stunden zuvor, während einer Party, hatte er bereits getönt: "Sei interessant!" und "Zuerst wirst du ein Provokateur. Dann ein reicher, berühmter Künstler." Lebensweisheiten, die den jungen Leuten im Film von vermeintlich progressiver Seite entgegenschnellen.

Die andere Seite versteht sich besser aufs Schelten, auf Vorwürfe und das Mischen von Tinkturen, in die man seinen Penis halten kann, um eine Heilung, etwa nach einer Beschneidung, zu beschleunigen. Es sind die Großeltern und Eltern, die so agieren. Auch sie kann man irgendwie nicht recht ernst nehmen.

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"Acid": Die "Nicht viel"-Generation

Was wäre also ein einigermaßen sinnvoller Weg, auf dem sich in diesem Russland der späten Zehnerjahre gehen ließe? Die Antwort bleibt "Acid" schuldig. Und gerade in dieser Lücke, nein, aus dieser Lücke heraus erzählt der Film. Eingespannt zwischen Dummköpfen, die schlechte Kunst propagieren und ihren Größenwahn mit Orgien zelebrieren, sowie den Alten, denen nichts Besseres einfällt, als ihre nicht spurenden Söhne und Töchter mit ein paar saftigen Watschen zurück auf Kurs zu bringen, ist - nicht viel.

Obgleich "nicht viel" auch eine ganze Generation meint, von der nicht wenige Russland in den vergangenen Jahren verlassen haben. Dass es diese aufgewühlten, selbstzerstörerischen Menschen gibt (es dauert in "Acid" nicht lange, bis ein junger Mann namens Petya den ersten Schluck aus dem Fläschchen mit aufgedrucktem Totenkopf nimmt), davon künden bereits seit einiger Zeit beachtenswerte Filme.

Eine Galionsfigur in Sachen Artikulation jener Jahrgänge ist die Mittdreißigerin Valeria Gai Germanika, deren erster Spielfilm "Everbody Dies But Me" (2008) in Cannes gezeigt wurde und die sich vor allem einen Namen aufgrund ihrer überaus drastischen Darstellungen gemacht hat, in denen russische Schulen und wütende Mädchen zu sehen sind. 2013 gewann sie beim Moskauer Filmfestival mit "Yes and Yes" unter anderem den Regiepreis. Einer der Hauptdarsteller: Alexander Gorchilin.


"Acid"
Originaltitel:
Kislota
Russland 2018
Regie: Alexander Gorchilin
Buch: Waleri Petscheikin
Darsteller: Filipp Avdeyev, Aleksandr Kuznetsov, Aleksandra Rebenok, Evgeniya Sheveleva
Produktion: Studio Slon, Truemen Pictures
Verleih: Salzgeber & Company Medien
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 98 Minuten
Start: 8. August 2019


Das muss man wissen oder kann man ahnen, wenn man nun "Acid" ansieht, der aus einem ähnlichen Gestus der Krassheit heraus entstanden ist. Was allein nicht gerade spannend wäre, beziehungsweise nur kurz. Alexander Gorchilin aber erweist sich auch als sehr begabter Regisseur. Er erzählt dicht und intensiv, zugleich gelingt es der Kamera (Kseniya Sereda), die Vielzahl an unterschiedlichen, divergierenden Momenten geschmeidig ineinanderzuschieben, sodass tatsächlich ein Panoramaeindruck entsteht.

Als Zentrum dieses Rundumblicks stellt sich nach und nach Sasha (Filipp Avdeev) heraus, der gerade durch die Fähigkeit einer umfassenden Wahrnehmung langsam aber sicher verzweifelt. Es passt aber einfach auch kaum etwas zusammen in dieser Welt, die ihm tagtäglich auf die Füße tritt: Neben dem Balkon, von dem sich im Zuge einer Partynacht ein Freund in den Tod gestürzt hat, wehen tibetische Gebetsfahnen; seine Mutter, die irgendwo in Kambodscha arbeitet, meditiert und also an der inneren Balance werkelt, erlaubt einem Mann, der seine Tochter mit Sasha beim Sex erwischt hat, eine "Abreibung", sprich, Sasha zu verprügeln.

Und zu den Beerdigungen ihrer noch jungen Kinder bringen diese Mütter dann Preiselbeeren und weinen bittere Tränen, während die Freunde der Toten ganz richtig bemerken: "Was wusstet ihr schon über uns? Unser Geburtsgewicht? Wann wir den ersten Zahn bekommen haben?"

Im Video: Der Trailer zu "Acid"

Edition Salzgeber

Bei Alexander Gorchilin, und das macht sein herausragendes Debüt außerdem tragisch, richtet sich ein Gros der Wut dieser Millennials - so einzelne Vertreter es denn nicht schaffen, doch noch fragwürdigen Halt zu finden, etwa in der orthodoxen Kirche - gegen sich selbst. "Was können wir der Welt geben? Außer einem iPhone-Ladekabel?", fragt ein Freund Sasha und geht.

Auch das ist Säure.



insgesamt 3 Beiträge
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erespondek 07.08.2019
1. Despoten Dämmung
und dazu ein russischer Chanson, die Stimmung kommt mir bekannt vor. Erinnert mich an 1991 an der Wolga. Gibts den Samizdat eigentlich noch? Wer schreibt da heute was? Leseempfehlung dazu: Der Tag des Strelitzen
scoopx 07.08.2019
2. Desolat? Keineswegs!
Wann hat es das zuletzt gegeben, daß eine Jugend fragt: "Was können wir der Welt geben?" Was für ungehobene Schätze stecken in dieser Frage! Meist wird doch der Jugend gerade der Vorwurf gemacht, daß sie nur nehmen will und nicht geben. Und dann das (Zitat aus dem Artikel): ""Was können wir der Welt geben? Außer einem iPhone-Ladekabel?", fragt ein Freund Sasha und geht. Auch das ist Säure." Warum in aller Welt ist diese Frage "Säure"? Na gut, die Jugend fühlt sich nicht gebraucht. Aber gerade deshalb kann sie sich an die Frage machen: Was will die Welt von uns? Wozu sind wir da? In der russischen Jugend ist die alte faustische Spannung wieder erwacht. Das ist alles andere als "desolat".
jufo 08.08.2019
3. #2 ich lese nicht, dass die russische Jugend desolat sei
Desolat sind die Verhältnisse in dem Sinn, dass die Alten dem Überkommenen anhängen. Das kann ich mit meinem begrenzten Einblick nachvollziehen. Viel wird der SU nachgetrauert, Russland wird als sehr besonders gesehen, besonders sprituell, besonders traditionell, abgelehnt vom Westen. Zum Jahresendfest gibt es die Veranstaltungen für Kinder bei denen sie Fragen lösen sollen, vor allem aber im militärischen Stil auftreten. Ökonomisch gelingt außerhalb des militärisch-industriellen Komplexes und der Rohstoffe zu wenig, wenn man das Potenzial sieht. Für junge Menschen ist Russland kein tolles Land, obwohl es sehr schön ist und man abseits der Städte viel unternehmen kann. Aber etwas zu heben was über ein Ladekabel hinaus geht ist schwierig weil Neues (außer technischem Kram) nicht gewollt wird.
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