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Action-Spektakel "Dredd" Ein Punk räumt auf

Metzeln ohne Rücksicht, aber mit Verstand: "Dredd" ist eine der reizvollsten Comic-Verfilmungen der letzten Jahre, da sie einen zutiefst ambivalenten Helden hat, nämlich den Straßenrichter Judge Dredd - und es versteht, endlich einmal sinnvoll 3D-Technik einzusetzen.

Dieser Film ist derartig kondensiert, dass sogar der Titel aufs Nötigste verknappt wurde: "Dredd" markiert den erneuten Versuch, die Comicfigur Judge Dredd ins Kino zu hieven. Nun hat der 1977 in Großbritannien von John Wagner und Carlos Ezquerra eingeführte Anti-Held herzlich wenig mit den gängigen Super- und Saubermännern des Genres gemein: Beheimatet in den urbanen Betonwüsten eines post-apokalyptischen Amerikas, sorgt Judge Dredd als dauergrimmiger und mehr als nur latent faschistoider Straßenrichter für zweifelhafte Ordnung.

Doch gerade deshalb wurde er zum Liebling der Subkultur, denn im zukunftsfeindlichen Klima der Thatcher-Ära begriff man die Heftabenteuer des absurd-martialischen Dredd, gegen den sich Dirty Harry wie ein verständiger Streetworker ausnimmt, auch als gallige Brutalsatire. Der willkürliche Polizist-Richter-Henker als Symbol für den Verfall des Systems korrespondierte vortrefflich mit der "No Future"-Attitüde des Punk, und ebenso passte es, dass die amerikanische Thrash-Metalband Anthrax dem cartoonhaften Vigilanten in den frühen Achtzigern mit "I Am the Law" einen Song widmete.

Wie man so eine ambivalente, potente und schillernde Pop-Ikone dennoch schnurstracks in die Bedeutungslosigkeit überführen kann, demonstrierte 1995 eine vergessenswürdige Kinoadaption. Darin rumpelte ein träger Sylvester Stallone als Judge planlos durch austauschbare Science-Fiction-Kulissen, in denen nichts mehr vom zwiespältigen Reiz der Vorlage zu finden war. Das waren peinliche Harley-Days in Phantasialand statt drastischer Dystopie, und offensichtlich diente das damalige Fiasko den Machern von "Dredd" als nachhaltige Mahnung.

Ein-Mann-Gerichtshof mit Motorrad und Maschinenpistole

Schlüsselfigur der mit vergleichsweise schmalem Budget realisierten Neuauflage ist zweifellos Drehbuchautor und Co-Produzent Alex Garland ("28 Days Later", "Never Let Me Go"). Als erklärter Fan der Comics setzt er gemeinsam mit Regisseur Pete Travis auf ein extrem reduziertes Szenario, das sich nicht mit großangelegten Expositionen aufhält.

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"Dredd": Auf den Straßen von Mega City One

Foto: Universum Film

So schickt der Film ohne Umschweife Hauptdarsteller Karl Urban als ständig behelmten Ein-Mann-Gerichtshof mit Motorrad, Maschinenpistole und Minimalmimik ins Feld. Eigentlich soll Dredd die junge Richterkandidatin Cassandra Anderson (Olivia Thirlby) bei einer gemeinsamen Streifenfahrt durch die marode Metropole Mega City One auf ihre Diensttauglichkeit testen. Dabei stören sie jedoch die Kreise der hochgradig sadistischen Gangleaderin Ma-Ma (Lena Headey), die das ohnehin kaputte Gemeinwesen mit der synthetischen Droge Slo-Mo überschwemmt. Wer die Substanz konsumiert, nimmt die Welt in Zeitlupe wahr. Das mag angesichts der trostlosen Aussichten als fragwürdiger Genuss erscheinen, sorgt aber für visuell überaus beeindruckende Sequenzen.

Ma-Ma residiert mit ihrer Privatarmee in einem gigantischen Hochhauskomplex und im selbigen finden sich Judge Dredd und Anderson alsbald isoliert von der Außenwelt und umzingelt von Feinden wieder. Des wortkargen Selbstjustiziars nonverbale Antwort auf diese Problemstellung ist physische Gewalt in nur jeder erdenklichen Form. Zu sagen, "Dredd" sei in der Darstellung der unzähligen Tötungsakte explizit, ist eine gehörige Untertreibung. Hier wird nahezu pausenlos und mit pathologischer Detailversessenheit massakriert, was zumal in der deutschen Rezeption sicher die Frage aufwerfen wird, ob solch ein Film überhaupt goutiert werden darf. Müsste sich die Kritik nicht vielmehr gegen einen Plot verwahren, der durchschnittliche Ego-Shooter wie komplexe Moritaten wirken lässt?

Bizarre Schönheit im hyperrealen Gemetzel

Tatsächlich bringt "Dredd" den alten Konflikt zwischen ideologiekritischer Sicht und rein formalästhetischer Betrachtung auf den blutigen Punkt, um sich im gleichen Moment virtuos über die Debatte hinwegzusetzen. Denn in seiner stupenden Geradlinigkeit ist der Film schließlich nur noch Bewegung, ein eigentümlich hypnotisches Baller-Ballett, das nur erzählt, was visualisiert werden kann.

Die bisweilen befremdliche, aber unstrittig vorhandene Faszination des Bilderbogens ist nicht zuletzt Kameramann Anthony Dod Mantle geschuldet, bekannt für seine außerordentlichen Aufnahmen in den Filmen von Danny Boyle. So zeitigt "Dredd" das seltene Phänomen einer wirkungsvollen 3D-Fotografie, die - zusammen mit Extremzeitlupen, die den Effekt der Slo-Mo-Droge illustrieren - für Einstellungen von bizarrer Schönheit im hyperrealen Gemetzel sorgen.

Die Kompromisslosigkeit und Konsequenz, letztlich alles dem Primat einer wirklich kinetischen Kinoerfahrung unterzuordnen, unterscheidet "Dredd" denn auch von weniger mutigen Comic-Adaptionen. Wo ein anderer Erzählansatz vielleicht der Versuchung erlegen wäre, die Handlungen des Judge psychologisch zu legitimieren, belässt Garlands Drehbuch die Figur in ihrem ursprünglichen Spannungsfeld zwischen Karikatur und Mythos. Die Exzesse des Films werden damit wieder Ausdruck eines abgründigen und finsteren Humors, der dem subversiven Punkgestus verblüffend näher steht als reaktionären Allmachtsphantasien. Und Karl "Das Kinn" Urban muss dafür nicht viel mehr tun, als seinen markanten Kiefer so langsam wie die Mühlen des Gesetzes mahlen zu lassen.

Als zutiefst sarkastische Stilübung stellt sich "Dredd" so dem Urteil des Publikums. Das muss beileibe nicht milde mit dem rabiaten Film verfahren. Aber das streitbare Plädoyer für ein rigoroses Genrekino lässt sich nicht einfach ignorieren. Es verdient gehört, vor allem aber gesehen zu werden.


Dredd 3D. Kinostart: 15.11. Regie: Pete Travis.