"Blau ist eine warme Farbe"-Star Exarchopoulos "Ich war oft kurz vor dem Zusammenbruch"

Für ihre Rolle in "Blau ist eine warme Farbe" gewann Adèle Exarchopoulos die Goldene Palme in Cannes. Im Interview spricht sie über lesbische Sexszenen, die Härten des Drehs und darüber, wie der Film ihr Leben verändert hat.

AFP

Ein Interview von Lou Hennings


SPIEGEL ONLINE: Frau Exarchopoulos, "Blau ist eine warme Farbe" hat jetzt schon Geschichte geschrieben. Auf den Filmfestspielen in Cannes wurde die Goldene Palme nicht nur wie üblich dem Regisseur zuerkannt, sondern mit Ihnen und Ihrer Kollegin Léa Sedoux erstmals auch zwei Darstellerinnen.

Exarchopoulos: Ich konnte das nicht glauben. Es war magisch, ein bisschen wie im Traum. Immerhin bestand die Jury aus Leuten wie Steven Spielberg und Christoph Waltz. Und die beglückwünschten uns zu unserem Film! Ich denke, Schauspielerei ist der einzige Job, in dem eine dermaßen direkte Anerkennung deiner Arbeit möglich ist. Das macht sie so erfüllend.

SPIEGEL ONLINE: Der Film hat einige Aufmerksamkeit für seine langen und expliziten Sexszenen zwischen Ihrer Figur Adèle und ihrer ersten Liebe Emma erfahren. Kannten Sie und Léa Sedoux sich vor den Dreharbeiten?

Exarchopoulos: Nein, wir haben uns das erste Mal am Set getroffen. Die erste Szene, die wir zusammen drehten, war die, in der Adèle vom Sex mit Emma träumt. Und ich glaube, es hat uns geholfen, dass wir keine Gelegenheit hatten, erst Höflichkeiten auszutauschen oder uns kennenzulernen. Wir haben uns gesagt: Lass uns das einfach machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist ihr Verhältnis heute?

Exarchopoulos: Léa ist so etwas wie meine große Schwester. Wir sind uns sehr ähnlich und einander unglaublich nah. Ich kenne sie so gut wie kaum jemanden sonst. Ich weiß, wie sie nackt aussieht, ich weiß, welche ihre Fehler und Schwächen sind. Umgekehrt gilt dasselbe. Wir haben eine besondere Beziehung zueinander.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das einzig daran, dass Sie über Monate so eng zusammengearbeitet haben?

Exarchopoulos: Nicht nur. Es gibt Leute - hervorragende Schauspieler -, die in Filmen sehr überzeugende Paare darstellen, sich in Wahrheit aber hassen und erleichtert aufatmen, wenn wieder eine Szene im Kasten ist. Ich hatte große Angst vor den Dreharbeiten - davor, dass wir uns dazu hätten zwingen müssen, diese Beziehung überzeugend darzustellen. Aber dann geschah alles ganz natürlich. Das hatte auch viel damit zu tun, dass wir im Film so viel lachen.

SPIEGEL ONLINE: Ich nehme an, Sie hatten Gelegenheit, den Film zu sehen, bevor er bei den Filmfestspielen in Cannes das erste Mal vor großem Publikum gezeigt wurde.

Exarchopoulos: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Nein?

Exarchopoulos: Ich habe ihn das erste Mal in Cannes gesehen, am Tag vor der ersten Vorführung. Léa und ich schlichen uns in eine Pressevorführung, um den Film in den Pressekonferenzen verteidigen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es, den Film das erste Mal zu sehen?

Exarchopoulos: Ich musste lachen und weinen und wieder lachen. Aber ich verfüge im Allgemeinen über eine gute Distanz zu dem, was ich auf der Leinwand tue. Die größte Angst hatte ich davor, wie die Leute den Film interpretieren würden. Alle sagten: Oh, dein Vater kommt nach Cannes und wird dich in diesen minutenlangen Sexszenen sehen, du solltest ihm verbieten zu kommen. Aber er hat sich extra einen Anzug gekauft und wollte mich wirklich sehen. Und ich dachte: Das ist vielleicht das einzige Mal in meinem Leben, dass einer meiner Filme auf diesem Festival präsentiert wird. Ich habe also meinen Vater angerufen und ihm erklärt, dass alles, was ich da mache, nun mal zu meinem Job gehört. Und er antwortete: Das weiß ich, das musst du mir nicht sagen. Aber ja, es war eigenartig zu wissen, dass Leute mich so exponiert sehen würden.

SPIEGEL ONLINE: Eine Kritik an dem mit drei Stunden ja recht langen Film lautet, ohne die Sexszenen hätte er kaum diesen durchschlagenden Erfolg.

Exarchopoulos: Keine Ahnung, das kümmert mich wirklich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Regisseur Abdellatif Kechiche wird auch für seinen männlich geprägten, voyeuristischen Blick auf Sie und Léa Sedoux kritisiert. Wie sehen Sie das?

Exarchopoulos: Ich denke, Abdellatif schafft es in diesem Film, Frauen besser darzustellen, als eine Frau das könnte. Er versucht, ihre Geheimnisse einzufangen, ohne sie preiszugeben. Ohne zu behaupten, zeigen zu können, wie Liebe zweier Frauen zueinander angeblich wirklich ist. Und trotzdem kommt er der Realität oft sehr nahe. Er wollte einfach nur eine Liebesgeschichte erzählen - eine universelle Liebesgeschichte. Ich habe eine Menge von diesem Film gelernt. Und ich glaube, dass er anderen Menschen ebenso viel zu geben hat. Das ist für mich das Entscheidende.

SPIEGEL ONLINE: Sowohl Léa Sedoux als auch Sie sagen heute, Sie würden kein weiteres Mal mit Abdellatif Kechiche arbeiten.

Exarchopoulos: Léa hat das gesagt. Ich weiß es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Exarchopoulos: Weil es hart war, mit ihm zu arbeiten. Aber das war es auch für Abdell selbst. Er gibt immer alles und erwartet dasselbe von seinen Darstellern. Er lässt jede Szene sehr oft wiederholen, das kann unglaublich anstrengend sein. Er will, dass du die Maske fallen lässt, er will an deine Seele. Als Schauspieler musst du dich bei ihm ganz fallenlassen. Ich fand mich in emotionalen Zuständen wieder, von denen ich vorher nichts ahnte. Ich weinte, war hysterisch und oft kurz vor dem Zusammenbruch.

SPIEGEL ONLINE: Während der Dreharbeiten verliebten Sie sich in einen der anderen Darsteller, Jérémie Laheurte.

Exarchopoulos: Ja, das war lustig. Wir trafen uns schon während der Castings. Am Anfang des Films spielen wir ein Paar, wir kamen uns also ziemlich schnell näher. Es ist toll, den Erfolg, den wir mit "Blau ist eine warme Farbe" haben, gemeinsam feiern zu können. Aber manchmal ist es auch hart. Auf Premieren müssen wir nun ständig zusammen auftreten und lächeln, egal, ob wir fünf Minuten zuvor noch Streit hatten (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Auch in anderer Hinsicht hat der Film Ihr Leben verändert: Sie haben die Schule geschmissen, um Zeit für die Dreharbeiten zu haben.

Exarchopoulos: Ich musste mich eben entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren damals gerade 17 Jahre alt. Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Exarchopoulos: Sie haben verstanden, dass sie nicht viel tun konnten (lacht). Ich wollte diesen Job unbedingt, und beides - erst drehen und dann für mein Abitur lernen - ging nun mal nicht. Die Vereinbarung mit meinen Eltern war, dass meine Noten bis zum Beginn der Dreharbeiten gut sein mussten. Außerdem wollten sie, dass ich einen Plan B habe, für den Fall, dass der Film gefloppt wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wie lautete Ihr Plan B?

Exarchopoulos: Ich hatte vor, die Hälfte des Jahres als Kellnerin zu arbeiten und den Rest der Zeit in Südafrika zu leben. Keine Ahnung, ob das funktioniert hätte. Aber noch während wir "Blau ist eine warme Farbe" drehten, hatte ich das sichere Gefühl, dass der Film ein Erfolg werden würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie stammen aus einer Familie, die mit Film so gar nichts zu tun hat. Ihre Mutter ist Krankenschwester, Ihr Vater Gitarrenlehrer. Wie kamen Sie mit neun Jahren auf die Idee, Schauspielunterricht zu nehmen?

Exarchopoulos: Ich brauchte einfach einen Ort, an dem ich mich austoben konnte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie vor, die Schule irgendwann zu beenden?

Exarchopoulos: Nein. Jedenfalls nicht, solange mich noch irgendjemand auf der Leinwand sehen will.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
DrSyn 19.12.2013
1. Dann denkt sie wohl nicht zi viel
"Ich denke, Schauspielerei ist der einzige Job, in dem eine dermaßen direkte Anerkennung deiner Arbeit möglich ist." Schonmal was von anderen Auszeichnungen gehört? Nicht nur für Künstler, sondern auch z.B. der Nobelpreis für Wissenschaftler? Goldmedaillen für Sportler? Das ist doch noch um einiges direkter.
foobar 19.12.2013
2.
Zitat von DrSyn"Ich denke, Schauspielerei ist der einzige Job, in dem eine dermaßen direkte Anerkennung deiner Arbeit möglich ist." Schonmal was von anderen Auszeichnungen gehört? Nicht nur für Künstler, sondern auch z.B. der Nobelpreis für Wissenschaftler? Goldmedaillen für Sportler? Das ist doch noch um einiges direkter.
Ja, der Nobelpreis ist natürlich das perfekte Beispiel... in den Naturwissenschaften ist es besonders direkt, da dauert es meistens nur so 30 bis 40 Jahre, bis der Preis verliehen wird!
h.hass 19.12.2013
3.
Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich halte jede Wette, dass er kaum Beachtung gefunden hätte, wenn es nicht diese sieben Minuten lange lesbische Sexszene gäbe, über die man mittlerweile ja nahezu alles weiß. Machen wir uns nichts vor, es gibt bereits eine Billion typisch französischer Beziehungsfilme, und es wird in Zukunft noch eine weitere Billion von ihnen geben. Wer da als Regisseur auffallen will, muss schon einen speziellen Zusatznutzen anbieten. Das hat hier offensichtlich geklappt.
karamasowa 19.12.2013
4.
Die Schauspielerin heißt Léa Seydoux, nicht Sedoux. Symptomatisch für ein oberflächliches Interview - da hat sich wohl jemand über ein paar "Ich habe gehört, dass… was sagen Sie dazu?" nicht viel gedacht.
brux 19.12.2013
5. ------------
Zitat von DrSyn"Ich denke, Schauspielerei ist der einzige Job, in dem eine dermaßen direkte Anerkennung deiner Arbeit möglich ist." Schonmal was von anderen Auszeichnungen gehört? Nicht nur für Künstler, sondern auch z.B. der Nobelpreis für Wissenschaftler? Goldmedaillen für Sportler? Das ist doch noch um einiges direkter.
Oder einfach auch nur der grosse Blumenstrauss für die Krankenschwester... Fussballer und Schauspieler sollten nie interviewed werden, da sich sich eben eher schlecht verbal mit eigenem Material äussern können.
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