Schauspielerin Adèle Haenel Die französische Revolutionärin

In Frankreich ist Adèle Haenel die Schauspielerin der Stunde. Warum das so ist, kann man jetzt in zwei Filmen sehen: in "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" und "Porträt einer jungen Frau in Flammen".

GUILLAUME HORCAJUELO/ EPA-EFE/ REX

Adèle Haenel ist die Hoffnungsträgerin, wenn es um die Erneuerung des etwas angestaubten französischen Kinos geht. Denn der 30-jährigen Schauspielerin gelingt etwas, was im elitären Pariser Kulturkosmos eine Seltenheit ist: eine Außenseiterin zu bleiben.

"Ich bin mit Jim Carrey-Komödien aufgewachsen", sagt Haenel. "Hauptsächlich habe ich aber Animes geschaut, die Filme von Hayao Miyazaki liefen bei mir rauf und runter." Es ist nicht unbedingt das, was man von einer Schauspielerin erwarten würde, der momentan die gesamte französische Filmkunstelite hinterherläuft. Haenel nimmt sich diese Freiheiten - schlicht weil sie es kann. "Meine Verbindung zum Film ist reines Bauchgefühl", sagt sie beim Gespräch in Berlin. "Eine cinephile Kultur, so etwas besitze ich nicht. Meine Eltern sind nie ins Kino gegangen."

Allein weil sie ein so unruhiges Kind gewesen sei, hätten sie die Eltern als Fünfjährige in einen Theaterkurs geschickt. Mit 12 Jahren drehte Haenel schließlich ihren ersten Film, das gefeierte Psychodrama "Kleine Teufel". Doch danach verlor sie die Schauspielerei aus den Augen, machte Abitur und wurde erst von einer Casting-Agentin, die sie auf einer Demo entdeckte, wieder zum Film gebracht.

Immer einen Schritt voraus

Diese Spontaneität prägt Haenels Karriere bis heute. Die Geschichte eines Films? Ist ihr meistens relativ egal: Wichtiger sei eine unverwechselbare Sicht auf die Welt, die immer auch ein bisschen abgedreht sein sollte. "Ich möchte das Gefühl haben, dass mein Gegenüber eine Obsession hat, dass es da etwas gibt, was ihn oder sie nicht loslässt." Sie suche sich daher die Regisseure und Projekte immer selbst aus und nicht andersherum.

Haenel redet schnelles Französisch, scheint in ihren Gedanken immer schon einen Schritt voraus zu sein. Ein rastloses Gefühl, das sich auch beim Ansehen ihrer Filme einstellt: Allein der schieren Rollenvielfalt, die Haenel abzubilden vermag, ist kaum beizukommen. Ob als Prostituierte in Bertrand Bonellos albtraumhaften Fin-de-Siècle-Epos "Haus der Sünde", als selbstsichere Ärztin im Sozialdrama "Das unbekannte Mädchen" von den Dardenne-Brüdern oder als Anti-Aids-Aktivistin in Robin Campillos "120 BPM" - es gibt keine Rolle, die man Haenel nicht zutrauen würde.

Im Video: Rezension zu "Lieber Antoine als gar keinen Ärger"

Und so passt es nur, dass zurzeit zwei Filme mit ihr in den deutschen Kinos laufen, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" und "Porträt einer jungen Frau in Flammen".

"Lieber Antoine als gar keinen Ärger" war in Frankreich bereits 2018 ein Kassenschlager. In dem hochoriginellen Film von Pierre Salvadori spielt Haenel die Polizistin Yvonne, eine leicht verträumte, aber nicht naive Frau, die auf sehr lustige Weise ihre Mitmenschen vor dem Verderben rettet. Sie ist Mutter, Witwe, hat einen Kollegen, der permanent um ihre Hand anhält, und möchte jenen titelgebenden Antoine beschützen. Yvonnes verstorbener Mann hatte ihn nämlich einst zu Unrecht ins Gefängnis gebracht.

Genau diese charakterliche Überforderung habe sie an der Rolle gereizt, sagt Haenel. "Bei so vielen Filmen habe ich das Gefühl, dass Figuren nur für eine bestimmte Sache, ein Gefühl oder eine Aussage stehen. Hier sind die Figuren voller Widersprüche, sie benehmen sich daneben, sie lügen. Das gefällt mir, diese Zärtlichkeit für dieses menschliche Stückwerk."

Kritik aus Cannes zu "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Keine Archetypen, kein pars pro toto - das ist auch bei Haenels Rolle in "Porträt einer jungen Frau in Flammen" (Start 31. Oktober) nicht anders. Die um 1770 angesiedelte Geschichte einer zart wachsenden, aber unmöglichen Liebe zwischen der jungen Gräfin Héloïse, gespielt von Haenel, und der Porträtmalerin Marianne (Noémie Merlant) wurde vielfach als feministisches Ouevre gefeiert - für Haenel ein Irrtum: "Mit Feminismus hat der Film gar nichts zu tun. Es ist ein Film über Frauen, der ohne die gängige Heroisierung auskommt. Es ist also gerade kein Film über starke Frauen. Sondern einfach über Frauen."

Coming-out bei Dankesrede

Es liegt eine gefühlte Bescheidenheit in diesen Worten, doch bei näherem Hinsehen ist Haenels Herangehensweise durchaus radikal, denn sie bringt ein gewisses schauspielerisches Selbstbild zur Strecke - nämlich das der biografischen Einzigartigkeit, des männlich konnotierten Fußabdrucks in der Geschichte. "Ich will einfach normale Menschen als Abbild einer Epoche darstellen", sagt Haenel.

"Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist das gemeinsame Projekt von Haenel mit Regisseurin Céline Sciamma. Sciammas Regiedebüt "Water Lilies" war der Film, mit dem Haenel 2007 wieder mit der Schauspielerei begann: Ein grandioser Coming-of-Age-Film, der drei Mädchen in der Provinz einen Sommer lang bei ihren sexuellen Erkundungen begleitete.

Adèle Haenel (links) und Pauline Acquart in "Water Lilies"
ddp images/ interTOPICS/ Capital Pictures

Adèle Haenel (links) und Pauline Acquart in "Water Lilies"

Mit Sciamma teilt Haenel nicht nur eine innige künstlerische Verbundenheit. Bei der Verleihung der Césars 2014 war es Haenel, die in ihrer Dankesrede für den Preis als beste Nebendarstellerin ihre Liebesbeziehung zu Sciamma öffentlich machte und so für das prominenteste lesbische Coming-out in der immer noch sehr geschlechterkonservativen französischen Filmwelt sorgte.

Zwischen den Zuständen

Sciamma hat in Interviews betont, sie habe "Porträt einer jungen Frau in Flammen" Haenel förmlich auf den Leib geschrieben. "Ihr gesamtes Leben war vorbestimmt: Sie sind abgeschottet im Kloster aufgewachsen, nur um schließlich zu heiraten und einem Mann unterworfen zu sein", so Haenel über die adligen Frauen der damaligen Zeit.

Doch in Sciammas Film und Haenels Rolle liegt eine ganz natürlich subversive Kraft, denn Sciamma hat ihre Geschichte kurz vor der Französischen Revolution angesiedelt, und die Ahnung, dass schon bald alles anders wird, grundiert den Film. Die in der Ständegesellschaft aufgewachsene Héloïse lernt durch die sich langsam entfaltende Zuneigung zu Marianne, dass ihr vorgeplantes Leben eigentlich kein Leben ist. "Ich wollte dieses Gleiten zwischen den Zuständen der Liebe, des Hasses, des Eingesperrtseins und der Freiheit erfahrbar machen", so Haenel.

Ein Satz, den man sinnbildlich für Haenels Schauspielkunst insgesamt nehmen könnte, denn das Gleiten zwischen den Zuständen, manchmal sanft, manchmal ungestüm, ist allen ihren Figuren gemein. So macht sie sie unberechenbar - und unglaublich lebendig.

Für Regisseurinnen und Regisseure ist das ein Geschenk, das sie nur zu gern annehmen. Die Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne drückten es in einem Interview über "Das unbekannte Mädchen" einmal so aus: "Sans Adèle Haenel, il n'y aurait eu de film". Ohne Adèle Haenel hätte es keinen Film gegeben.

Es ist auch ein Lob auf Haenels Fähigkeit, ihren Figuren das Vorgefertigte zu nehmen. Selbst nach über zwölf Jahren im Filmgeschäft gibt es sie nicht, die wiedererkennbare Adèle-Haenel-Rolle. Nur Filme, die ohne sie ihren Wiedererkennungswert verlören, die gibt es viele.



insgesamt 2 Beiträge
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roenga 31.10.2019
1. Keine unangemessene Beziehung?
Water Lillies wurde im Jahr 2007 gedreht. Da war Haenel gerade 18 Jahre alt. Sciamma dagegen war 29 und als Regisseurin des Films gegenüber einer jungen Schauspielerin ganz klar in einer dominanten Position. So etwas wird in Zeiten von #metoo eigentlich immer als eine unangemessene Beziehung eingestuft und hat schon häufiger dazu geführt, dass Männer in herausgehobenen Positionen ihre Jobs verloren haben. Seltsam, dass dies in diesem Fall niemand thematisiert. Würde mich interessieren, wie sich Frau Sciamma dazu äußert.
Newspeak 31.10.2019
2. ....
"denn sie bringt ein gewisses schauspielerisches Selbstbild zur Strecke - nämlich das der biografischen Einzigartigkeit, des männlich konnotierten Fußabdrucks in der Geschichte." Was soll der Satz denn bedeuten? Was ist an biographischer Einzigartigkeit denn bitteschön männlich konnotiert? Und sind es nicht gerade die social justice warriors, die Einzigartigkeit fordern? Und warum soll es nochmal gut sein, wenn eine Schauspielerin nicht in Rollen schlüpft, wie das die Profession verlangt, sondern immer nur sich selbst spielt? Diese hochgehypten arthouse Filme finden in Wirklichkeit ihr Publikum nur unter Deutschlehrern und Kulturjournalisten. Ansonsten werden sie nach einer Woche wegen Zuschauermangels aus dem Programm genommen oder laufen erst gar nicht im Kino. Ich nenne das Versagen. Dieser ganze Postmodernismus ist gescheitert. Eine menschenfeindliche Ideologie. Und langweilig dazu. Und ja, die Beziehung zwischen einem Regisseur und seinem viel jüngeren, abhängigen Darsteller wäre unter männlichem Vorzeichen ein Skandal. Aber im Postmodernismus ist halt alles relativ.
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